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Jochen Mass: «Ich bin dankbar, überlebt zu haben»

Am 30. September wird GP-Sieger und Sportwagen-Star Jochen Mass 75 Jahre alt. Der frühere Werksfahrer von Ford, Porsche und Mercedes erzählt aus seinem in jeder Beziehung bewegten Leben.

Formel 1

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Es ist verblüffend: Bis zu Michael Schumacher 1992 in Spa-Francorchamps konnte die Autonation Deutschland lediglich zwei GP-Sieger vorweisen – Wolfgang Graf Berghe von Trips 1961 und Jochen Mass (1975). Mass, der nach Abschluss seiner Formel-1-Karriere als Porsche- und Mercedes-Fahrer durchstartete, wird an diesem 30. September 75 Jahre jung.

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Jochen, die heutigen Rennfahrer sind auf der Kartbahn aufgewachsen, du hingegen warst Matrose bei der Handelsmarine. Was hat den Seefahrer Mass damals zur Rennstrecke gelockt?

Karts waren damals ziemlich unbekannt, der VW meiner Mutter war da schon spannender. Rennen waren für mich eigentlich kein Thema. Wir alle bekamen ja höchstens die Unfall-Nachrichten aus dem Rennsport zu hören, das war alles weit weg und exotisch. Erst durch eine Freundin, mit der ich in der ersten Kurve des Eberbacher Bergrennens sass, wurde mein Interesse definitiv. Das war 1967.

Gab es für dich einen Plan? Hast du als Tourenwagenfahrer Ende der 1960er Jahre bereits von der Formel 1 geträumt?

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Nein, solche Pläne hatte ich nicht. Erst mal ein Auto und danach die Zukunft. Von der Formel 1 träumte ich nie, die war viel zu weit weg.

Wann hast du erstmals gewittert, dass du es bis ganz nach oben schaffen könntest? Gab es da einen Schlüsselmoment?

Naja, ich ging die Rennen eins nach dem anderen an. Ich sah die Karriere immer als eine Art Bauwerk, also ein Stein nach dem anderen. Wenn du zu viel willst, hast du nicht die innere Ruhe!

Sicherlich war zum Beispiel der frühe Sieg beim Eifelrennen in der Formel 2 im Jahr 1972 für den weiteren Erfolg ganz wichtig.

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Du bist ab 1973 neun Jahre lang Formel 1 und 105 Grands Prix gefahren. Worauf bist du im Rückblick besonders stolz? Was würdest du aus heutiger Sicht anders machen?

Ich bin nur stolz darauf, dass ich als ziemlich unbeschriebenes Blatt schon nach kurzer Zeit in die Formel 1 kommen konnte.

Was hast du intensiver erlebt: Die Zeit in der Formel 1 oder deine erfolgreiche zweite Karriere in der Sportwagen-WM mit Porsche und Mercedes?

Nun, vergiss nicht – die Tourenwagen-Erfolge waren eigentlich auch sehr wichtig für mich, als deutscher Meister, als Europameister, als Sieger der 24 Stunden von Spa. Ich hatte das Glück, sehr erfolgreich sein zu dürfen, Gesamtzweiter in der damals sehr hart umkämpften Formel-2-EM mit Surtees, Siege bei der Springbok-Serie in Kyalami mit dem Chevron, dann die Prototypen-Rennen mit Alfa Romeo, mit dem Tipo 33, danach elf wunderbare Jahre bei Porsche mit Jacky Ickx, dazu vier Jahre mit Sauber-Mercedes, eine wirklich großartige Zeit! Auch durch den Gewinn der 24 Stunden von Le Mans 1989 mit Sauber-Mercedes. Das war alles sehr intensiv.

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Auf deine schöne Karriere zurückblickend: Was hat den Rennfahrer Jochen Mass besonders ausgezeichnet?

Ich war immer bemüht, das Beste zu geben. Ich wollte immer fit sein und ein Leben führen, das den hohen Ansprüchen gerecht wurde.

Du bist der Formel 1 als GP-Experte von RTL verbunden geblieben und hast die Verwandlung der Königsklasse zum Milliardengeschäft miterlebt. Was wird in der modernen Formel 1 aus deiner Sicht besser gemacht und was ist mit der Zeit verloren gegangen? Was gefällt dir und was nicht?

Wie die technische Entwicklung ihren Lauf ging, die Strecken alle sicherer wurden und die Gehälter pari zur Schnelligkeit der Autos nach oben gingen – dafür zahlen wir alle einen Preis: Den Charakter des Rennsports von früher gibt es einfach nicht mehr. Ich sage das ohne Vorwurf, aber schade ist es trotzdem.

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Ich denke oft: Rennfahrer werden 2021 ganz anders wahrgenommen als 50 Jahre zuvor, als du Richtung Formel 1 gestrebt bist. Angefangen bei einer komplett unterschiedlichen Ausgangslage in Sachen Sicherheit. Wie siehst du das?

Freilich wurde der Sport sicherer, und damit stieg auch die Risikofreudigkeit. Ich finde: Viele Piloten verloren etwas den Respekt für das eigene Tun und damit auch gegenüber den Kollegen auf der Strecke.

Wie aufmerksam verfolgst du das Renngeschehen heute?

Schon, aber mit wesentlich weniger Enthusiasmus als früher.

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Würde ein junger Jochen Mass auch heute noch Rennfahrer werden wollen?

Jede Zeit hat ihre eigenen Attraktionen und Möglichkeiten, also vielleicht ja.

Wenn aktive Menschen mit einer Racer-Mentalität wie du älter werden, nenne ich das gerne den Unruhestand. Wie lebt Jochen Mass mit 75?

In Dankbarkeit, alles erlebt und vor allem überlebt zu haben.

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Vintage-Rennen haben ihre Attraktion mit diesen wunderschönen Fahrzeugen nicht verloren und der Fahrspass blieb auch erhalten. Das nenne ich die Ästhetik des Fahrens!

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