Riccardo Patrese über Ferrari: «Das nützt Hamilton/Leclerc nichts»
Der Italiener Riccardo Patrese (71) wurde in der Formel 1 vom Buhmann zum Gentleman und tollen Botschafter seines Sports. Er hat sich die Lage von Ferrari angeschaut und macht sich Sorgen.
Selten hat ein Grand-Prix-Ass im Laufe seiner Karriere solche Veränderungen mitgemacht wie Riccardo Gabriele Patrese, der Mann, der 19 Jahre lang den Rekord für die meisten WM-Einsätze hielt (256 Grands Prix, noch heute auf Rang 11 der F1-Dauerbrenner).
Patrese kam als italienischer Formel-3-Champion 1977 in die Königsklasse, unterstützt vom undurchsichtigen Geschäftsmann Franco Ambrosio, als Ersatz für den glücklosen Renzo Zorzi. In Japan eroberte Patrese als Sechster seinen ersten WM-Punkt.
1978 seilte sich eine Kerntruppe von Shadow ab, um den neuen Arrows-Rennstall zu gründen, Ambrosio und Patrese waren dabei. Um ein Haar hätte Patrese den zweiten GP von Arrows gewonnen, in Südafrika.
Riccardo galt als risikofreudig und sauschnell, die Gegner murrten, so wie sie es Jahre später über die jungen Senna, Schumacher und Verstappen taten.
Nach der Startkollision von Monza 1978 und dem Tod von Lotus-Star Ronnie Peterson (Fett-Embolie in der Nacht auf Montag) wurde Patrese zum Buhmann gemacht. Die Stars Hunt, Andretti, Fittipaldi, Lauda und Scheckter forderten eine Sperre für Patrese, andernfalls sie in den USA nicht fahren würden.
Der amerikanische Rennorganisator knickte ein und ließ den Italiener nicht auf die Bahn. Patrese erwirkte eine einstweilige Verfügung eines Richters in Watkins Glen, aber Arrows zog um des Friedens Willen die Nennung von Patrese zurück.
Später stellte sich heraus: Hauptschuldiger für die Massenkollision von Monza war nicht Patrese, sondern die Rennleitung, die den Start freigab, als das hintere Felddrittel noch rollte. Dadurch schlossen die Nachzügler schnell zum Mittelfeld auf, und als die Piste zur ersten Schikane hin enger wurde, waren Fahrzeugberührungen nicht mehr zu vermeiden.
Monza-Rennleiter Gianni Restelli und Patrese mussten sich sogar wegen Totschlags vor Gericht verantworten, das Verfahren wurde aber eingestellt.
Es ging aufwärts mit der F1-Karriere von Patrese, als ihn Bernie Ecclestone zu Brabham holte: Erster GP-Sieg (Monaco 1982), Stallgefährte des ersten Turbo-Weltmeisters 1983, Nelson Piquet, bei Brabham-BMW.
Dann eine Flaute: Das neue Engagement von Alfa Romeo war ein Fehlschlag, die Rückkehr zu Brabham ebenfalls, weil die großen Tage des Teams längst vorbei waren. Erst mit Williams ging es wieder aufwärts, und Patrese hatte den Wandel vollzogen zum geachteten Piloten und zu einem tollen Botschafter des Formel-1-Sports.
Mit reifen 38 Jahren wurde er hinter seinem Williams-Stallgefährten Nigel Mansell WM-Zweiter, das war 1992. Ein Jahr später hängte er seinen Helm an den Nagel, weil ihm Michael Schumacher bei Benetton die neuen Grenzen aufgezeigt hatte.
Der bei Ferrari hervorragend vernetzte Journalist Leo Turrini hat fürs Portal quotidiano.net Patrese zu Gespräch gebeten, einige Aussagen des früheren Formel-1-Stars über Ferrari geben zu denken.
Patrese findet: «Ferrari-Präsident John Elkann kann lange behaupten, die Boxenstopps von Ferrari seien die schnellsten der Welt. Aber was nützt das Lewis Hamilton und Charles Leclerc, wenn ihr Auto auf eine Runde drei Zehntelsekunden zu langsam ist?»
«Nach einer so enttäuschenden Saison wie 2025 fällt es mir schwer, für Ferrari und 2026 Optimismus zu versprühen. Ich möchte ja nicht unhöflich sein, aber wir haben eine Saison hinter uns, in welcher es offensichtliche Mängel beim Management der Scuderia gab.»
«Ich will das nicht an der Person Vasseur anbinden, aber es dürfte wohl feststehen – für den Franzosen geht es nun um alles. Er ist seit Januar 2023 bei Ferrari, das ist Zeit genug, um etwas aufzubauen. Ich finde, er hat bisher eher zögerlich auf Schwierigkeiten reagiert. In der Formel 1, wie in jedem Spitzenunternehmen, ist es unerlässlich, ein Team zu bilden, das ganz eng zusammen geschweisst ist. Das ist die Aufgabe eines Teamchefs.»
«Aber da kommt noch mehr. Ferrari braucht eine starke technische Führungspersönlichkeit, so in der Art von Ross Brawn wie damals, vor dreissig Jahren. Andrea Stella ist bei McLaren in eine solche Rolle hineingewachsen.»
Leo Turrini bringt den Namen Adrian Newey ins Spiel, der von Ferrari einige Male umgarnt worden ist. Patrese meint: «Nur Newey und die Maranello-Führung wissen, wie die Verhandlungen verlaufen sind.»
Aur die Frage, ob Hamilton am Ende sei, reagiert Patrese so: «Also bitte! Gewiss, 2025 ist es nicht gut gelaufen, aber was für ein Auto hatte er denn zur Verfügung? Und wenn die Leute sagen, Lewis sei von Charles Leclerc abgehängt worden, dann antworte ich: Wundert euch das vielleicht? Der einzige Fahrer, der mit dem phänomenalen Max Verstappen mithalten könnte im gleichen Auto, das wäre doch Leclerc.»
«Nein, bei Hamilton sage ich: Man muss solch einem Fahrer ein konkurrenzfähiges Auto geben, sonst bricht er ein. Setzt man Lewis in einen Ferrari, der zumindest annähernd so stark ist wie der stärkste Wagen im Feld, wird man schon erleben, dass er immer noch ganz vorne mitfährt.»
«Und aus meiner Sicht würde auch Leclerc ganz vorne mitmischen, der wegen der Scuderia nie das richtige Material hatte. Charles ist hungrig nach Siegen, ich verstehe seine Frustration. Die wenigen Male, die er Fehler macht, gründen in seinem enormen Ehrgeiz.»
Riccardo Patrese in der Formel 1
256 Grands Prix
Von Monaco 1977 bis Australien 1993
8 Pole-Positions
13 beste Rennrunden
6 Siege
37 Podestplatzierungen
1977 mit Shadow: WM-20.
1978 mit Arrows: WM-12.
1979 mit Arrows: WM-20.
1980 mit Arrows: WM-9.
1981 mit Arrows: WM-11.
1982 mit Brabham: WM-10. (Sieg in Monaco)
1983 mit Brabham: WM-9. (Sieg in Südafrika)
1984 mit Alfa Romeo: WM-13.
1985 mit Alfa Romeo: nicht klassiert
1986 mit Brabham: WM-17.
1987 mit Brabham und Williams: WM-13.
1988 mit Williams: WM-11.
1989 mit Williams: WM-3.
1990 mit Williams: WM-7. (Sieg in Imola)
1991 mit Williams: WM-3. (Siege in Mexiko und Portugal)
1992 mit Williams: WM-2. (Sieg in Japan)
1993 mit Benetton: WM-5.
Schon gesehen?
Newsletter
Motorsport-News direkt in Ihr Postfach
Verpassen Sie keine Highlights mehr: Der Speedweek Newsletter liefert Ihnen zweimal wöchentlich aktuelle Nachrichten, exklusive Kommentare und alle wichtigen Termine aus der Welt des Motorsports - direkt in Ihr E-Mail-Postfach