Stotterstart Bahrain-GP: FIA entgeht knapp Blamage wie in Indianapolis 2005
Die Fans trauten ihren Augen nicht, was sie im Bahrain-GP zu sehen erhielten: Autos im Kriechgang, Rennwagen, die einfach stehenbleiben. Die FIA ist einer Blamage wie Indy 2005 knapp entgangen.
Was für ein Stotterstart in diesen Bahrain-GP 2026! Die Fans waren baff, was auf dem Sepang International Circuit vor sich ging – einige Rennwagen wurden immer langsamer, als hätte jemand die Handbremse angezogen, teils blieben Autos sogar stehen, die anderen Piloten wussten nicht, ob sie die Betroffenen nun überholen dürfen oder nicht, bevor ihr eigener Wagen Mucken machte, kurzum ein heilloses Durcheinander.
Später stellte sich heraus: Schuld war ein Software-Problem, ein für alle einheitliches Programm, dass die Spezialisten des Autosport-Weltverbands FIA zusammen mit den Motorherstellern entworfen hatten – um die Leistung der Antriebseinheiten zu drosseln, wenn die Bahn nass ist.
Ferrari-Zögling Oliver Bearman gibt zu bedenken: «Ich wusste nicht mal, dass die FIA die Möglichkeit hat, Leistung zu drosseln auf nasser Bahn. Ich finde, das geht etwas zu weit und ist für die Zuschauer ein Albtraum in Sachen Verständnis.»
Das Problem mit dieser Software: Rennställe und FIA hatten kaum Gelegenheit, die 2026er Rennwagen auf nasser Bahn zu testen, sonst wäre schnell klar geworden, was nun in aller Öffentlichkeit deutlich wurde: Diese Software ist fehlerhaft.
In der Pause bis zum neuen Start wurden die Antriebseinheiten anders programmiert, dann liefen die Wagen wieder problemlos.
Bedauerlich: Den Formel-1-Fans ist durch die Zwangspause (als die Autos mit einer geänderten Software gefüttert werden mussten) ein noch besseres Rennen entgangen. Denn in dieser Zeit trocknete die Bahn ab.
Mercedes-Ass George Russell: «Das alles fühlte sich ein wenig wie Zeitvergeudung an – rote Flagge, Zwangspause, dann so lange hinter dem Safety-Car. Das war doch nicht Formel 1. Wenn ich als Fan auf der Tribüne gesessen hätte, dann wäre ich ganz schön enttäuscht.»
Die Regelhüter müssen sich nun einigen ziemlich peinlichen Fragen stellen. Die meisten Fans stellen in den sozialen Netzwerken zur Diskussion: Warum hat niemand bei der FIA bedacht, dass man diese Software fürs Fahren auf nasser Bahn vielleicht mal einem Praxistest unterziehen sollte? Und was wäre passiert, hätte das in der Zwangspause nicht behoben werden können?
Die modernen Antriebseinheiten sind zu kompliziert
Letztlich hat der Schlamassel zu Beginn des Bahrain-GP nochmals unterstrichen: Die modernen Antriebseinheiten der Formel 1 sind zu kompliziert. Siehe erster Teil der Saison, als einige Fahrer wegen Problemen mit ihren Triebwerken überhaupt nicht erst starten konnten, wie Audi mit Nico Hülkenberg in Australien oder McLaren in China gleich mit beiden Autos.
Siehe auch krasse Tempo-Unterschiede zwischen den Autos, wenn der Vordermann zum Beispiel am Batterie-Laden ist, der Hintermann aber Energie freisetzt. Was zu einigen haarigen Szenen führte und zu Jojo-Überholmanövern, was zwar viele Platzwechsel erzeugt, für manchen Zuschauer aber nicht nachvollziehbar ist.
Siehe letztlich auch für Rennfahrer widernatürliches Verhalten, wie Max Verstappen vertieft hat. «Wenn wir auf die Geschichte des Sports gucken, dann war das immer so – der Fahrer, der sich am meisten reinhängt, der am spätesten bremst, der am frühesten wieder auf dem Gas ist, der in den schnellen Kurven sein Herz in die Hand nimmt, sie wurden belohnt, denn so hast du in den Kurven Zeit gewinnen können.»
«Heute aber denkst du ständig nur: ‘In dieser Kurve muss ich mich ein wenig zurückhalten, ich muss später bremsen, ich muss später aufs Gas, ich muss lupfen, nur so habe ich später auf der Geraden genügend Saft für Top-Speed.’ An solche Sachen denkst du. Das ist einfach nicht natürlich für einen Racer. So sollte es nicht sein.»
Am Madring hat Formel-1-Champion Fernando Alonso die Weltmeisterschaft als «Batterie-WM» verspottet. «Es liegt in der Natur dieser Antriebseinheiten, dass du die Batterie in schnellen Kurven oder am Ende der Geraden aufladen musst, weil es dann am effizientesten geht. Aber das sind genau die Stellen, die einem Racer doch Spass machen oder wo ein guter Fahrer den Unterschied ausmacht. Das ist wider die Natur des Racers oder wider dem Instinkt, die Grenzen seines Autos auszuloten.»
«Es ist traurig, dass du zu einer neuen, aufregenden Rennbahn kommst, mit wirklich herausfordernden Kurven wie der Monumental – und dann ist mit diesen Autos der Beitrag des Piloten bei null.»
«Unser Mediendelegierte könnte die Monumental fahren. Aber das ist nicht der Motorsport, den ich will. Ich will eine Formel 1, in welcher Fähigkeiten und Mut belohnt werden. Jetzt hängt mein Speed nur davon ab, wie viel Saft in der Batterie ist.»
Das grundlegende Problem wird uns leider noch auf Jahre begleiten. Eine neue Motor-Generation kommt erst 2030, eher 2031.
Indianapolis 2005: Von den Fans angespuckt
Einige F1-Anhänger schreiben nach dem ganzen Wirbel in Malaysia: Die Formel 1 ist hier haarscharf einer Blamage wie in Indianapolis 2005 entgangen.
Rückblende.
Auf dem Indianapolis Motor Speedway fand in den Jahren 2000 bis 2007 der US-amerikanische WM-Lauf statt, für die Formel 1 wurde extra ein Streckenteil im Innenraum gebaut, dazu wurde ein Teil des klassischen Ovals verwendet, allerdings in Gegenfahrtrichtung der Rennen von IndyCars und NASCAR-Boliden.
Der damalige IMS-Chef Tony George gab für die Umbauten 60 Millionen Dollar aus, samt eines neuen Rennleiterturms. Das Schicksal des Formel-1-Laufs in Indy war jedoch mit der grenzenlosen Blamage von 2005 besiegelt.
Michelin hatte damals Reifen in die USA gebracht, welche der Belastung im Oval-Teil der Strecke nicht gewachsen waren. Ralf Schumacher hatte im Training nach einem Reifenschaden links hinten in Kurve 13 einen schweren Unfall. Michelin liess in aller Eile andere Reifen einfliegen, Spezifikation Barcelona, aber das Problem blieb.
Rechtsexperten warnten die Franzosen: Kommt es zu einem weiteren Unfall, vielleicht sogar mit verletzten Zuschauern, dann werdet ihr mit Prozessen eingedeckt, welche euch Millionen kosten.
Michelin bat um den Einbau einer Schikane vor Kurve 13, um die Balastung auf die Walzen zu senken, die FIA-Regelhüter lehnten das ab. Ebenso verworfen wurde das Ansinnen, dass die Michelin-Fahrer alle zehn Runden frische Reifen abholen. Das hätte sechs bis sieben Boxenstopps bedeutet, denn gefahren wurde über 73 Runden.
Ergebnis: Nach der Aufwärmrunde zum USA-GP fuhren alle Michelin-bereiften Autos an die Box, also vierzehn Renner der Rennställe Renault, McLaren, BMW-Williams, Toyota, Red Bull Racing, Sauber und BAR-Honda.
Zum Start stellten sich nur sechs Rennwagen mit Bridgestone-Walzen auf, zwei Ferrari (mit Michael Schumacher und Rubens Barrichello), zwei Jordan (mit Tiago Monteiro und Narain Karthikeyan) und zwei Minardi (mit Christijan Albers und Patrick Friesacher).
Die 130.000 Fans waren zunächst wie betäubt über dieses skurrile Schauspiel, dann wurden sie fuchsteufelswild, sie pfiffen und buhten, viele kritzelten spontan Schilder, auf welchen sie ihrer Abscheu Ausdruck gaben. Sie forderten ihr Geld zurück, schrieben auf Kartonstücke und Tücher «Gone Prix» (gegangen, verloren, fort) statt Grand Prix, sie schrieben «die Formel 1 stinkt», «ihr enttäuscht uns» und «startet das Rennen neu». Was leider nicht passierte.
Ab Runde 10 verliessen Tausende Fans ihre Plätze und gingen nach Hause. Vor der Kartenverkaufsstelle der Piste versammelte sich ein Mob, der wütend Geld verlangte. Die Polizei musste gerufen werden, damit die Situation nicht eskaliert.
Dass Michael Schumacher vor Rubens Barrichello gewann und Tiago Monteiro zum ersten Portugiesen auf einem Formel-1-Siegerpodest wurde, interessierte keinen mehr. Vier Polizisten wurden Michael Schumacher zur Seite gestellt, weil Ferrari um die Sicherheit des Superstars fürchtete.
Wie immer brachte Niki Lauda die Situation schön auf den Punkt: «Das ist der grösste Formel-1-Witz aller Zeiten, so eine Farce habe ich in meinem ganzen Leben noch nie erlebt.»
Nachdem ich damals meine ganzen Berichte abgesetzt hatte, wollte ich am Abend mit dem Mietwagen vom Medienparkplatz losfahren.
Der Platz war umringt von Fans, deren Ärger noch nicht verflogen war. Als die geprellten GP-Besucher anhand des meines Ausweises sahen, dass ich mit dem Zirkus etwas zu tun haben musste, wurde ich übel beschimpft und angespuckt. Fans trommelten beim Wegfahren mit Fäusten auf meinen Mietwagen.
Ich konnte den Menschen noch nicht mal böse sein. Denn ich schämte mich für meine Formel 1.
Die Formel 1 blieb noch bis 2007 in Indy, gemäss des damaligen Vertrags von Serien-Promoter Bernie Ecclestone. Die Fans zeigten der Königsklasse die kalte Schulter.
Erst 2012 kehrten GP-Renner in die USA zurück, auf die erste, eigens für die Formel 1 in Nordamerika gebaute Rennstrecke, den Circuit of the Americas bei Austin/Texas. Das Rennen ist bis heute ein Publikumserfolg.
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