MotoGP-Stürze in Barcelona: Weshalb es in Kurve 1 immer wieder kracht
In der ersten Kurve auf dem Circuit de Barcelona-Catalunya passieren immer wieder schwere Stürze. Zuletzt erwischte es MotoGP-Ass Zarco, der sich beim Crash im Hinterrad von Bagnaias Ducati verkeilte.
Das Rennen nach dem Neustart im Catalunya-GP 2026 dauerte nicht lange, als Kurve 1 erneut im Chaos lag. Johann Zarco verlor beim Einlenken die Kontrolle über seine LCR-Honda, prallte gegen das Hinterrad der RC213V von Luca Marini und riss Francesco Bagnaia (Ducati) mit in den Sturz. Das Schlimme dabei: Zarco verkeilte sich im rotierenden Hinterrad der Ducati und wurde durch das Kiesbett geschleudert. Bagnaia und Marini eilten zu Zarco und sahen den hilflosen Franzosen. Die Diagnose: Fraktur des linken Wadenbeins und Bänderverletzungen am Knie. Eine Rückkehr in den nächsten beiden Grands Prix gilt als ausgeschlossen.
Es war der zweite große Schock des Tages. Im ursprünglichen Rennverlauf rammte Alex Marquez auf der Gegengeraden die wegen eines technischen Defekts abrupt langsamer werdende KTM von Pedro Acosta. Seine Gresini-Ducati überschlug sich mehrfach und wurde in zahlreiche Einzelteile zerlegt. Diagnose bei Marquez: Schlüsselbeinbruch rechts sowie eine Randfraktur des siebten Halswirbels.
Das physikalische Problem: Von 338 auf 100 km/h in 250 Metern
Kurve 1 in Montmeló gilt bei den Brembo-Ingenieuren als eine der extremsten Bremszonen im gesamten MotoGP-Kalender. Auf der über einen Kilometer langen Start-Ziel-Geraden erreichen die Bikes im Qualifying annähernd 360 km/h. Beim Anbremsen auf Kurve 1 liegen die Geschwindigkeiten im Rennen bei rund 340 km/h, die dann innerhalb von 4,6 Sekunden auf etwa 100 km/h reduziert werden müssen. Der Bremsweg beträgt rund 250 Meter.
Das ist in einer normalen Rennrunde schon extrem. Beim Start – wenn 22 Motorräder auf engstem Raum um Positionen kämpfen, die Reifen kalt sind und der Druck maximal ist – wird Kurve 1 zum Pulverfass. Ein weiterer Faktor kommt dazu, den man weder im Windkanal noch im Training simulieren kann: der Aerodynamik-Effekt im Rudel. Die Aero eines vorausfahrenden Bikes erzeugt Luftverwirbelungen beim Nachfolger, die gerade in der Bremsphase zu gefährlicher Instabilität führen können. Im Mittelfeld, wo sich dieser Effekt potenziert, haben die Fahrer praktisch keine verwertbaren Daten – es ist die einzige Rennsituation, für die es kaum Vorbereitung gibt. «Wenn man am Limit fährt, dringt man eher in den Raum anderer Fahrer ein», erklärte Fabio Di Giannantonio zum Sprint-Crash vom Samstag, bei dem Brad Binder und Joan Mir in Kurve 1 gestürzt waren. Das Problem hat sich durch die aerodynamische Aufrüstung der vergangenen Jahre dramatisch verschärft, wie ein Blick auf die Historie zeigt.
Die Chronik: Kurve 1 fordert regelmäßig Opfer
2006 lieferte den spektakulärsten Kurve-1-Crash: Die Werks-Ducati von Sete Gibernau und Loris Capirossi verhakten sich in der Bremszone, Gibernau flog in einem vollständigen Überschlag durch die Luft. Die Kettenreaktion riss vier weitere Fahrer mit. Marco Melandri lag bewusstlos auf der Trage, Capirossi flog per Hubschrauber ins Krankenhaus.
In der Aero-Ära traf es 2022 Takaaki Nakagami, der mit dem Helm voran ins Hinterrad der Desmosedici von Pecco Bagnaia prallte. Er verbrachte eine Nacht auf der Intensivstation, Alex Rins erlitt eine Handgelenksfraktur. Nur ein Jahr später löste Enea Bastianini eine Kettenreaktion aus, als er Johann Zarco traf und dann auch Alex Marquez, Di Giannantonio und Bezzecchi in den Kies schleuderte. Unabhängig vom Kurve-1-Crash wurde Bagnaia per Highsider von der Ducati GP23 abgeworfen und von Binder überfahren. Bagnaia kam mit Prellungen davon, Bastianini erlitt eine Knöchel- und Handfraktur.
Die Fahrer fordern nach diesem Wochenende erneut die Verlegung der Startaufstellung als strukturelle Maßnahme. Noch ist nicht absehbar, wie die Regeländerungen 2027 sich auf die Starts auswirken. Die Aerodynamik ist nächstes Jahr reduziert. Ob das den «Dirty-Air-Effekt» entschärft, wird sich zeigen.
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