Formel 1-Eigentor: Nivelles statt Spa-Francorchamps

Von Mathias Brunner
Formel 1

​SPEEDWEEKipedia: Leser fragen, wir finden die Antwort. Heute: Welches sind unter den Formel-1-Rennstrecken eigentlich die grössten Flops? Welche Pisten waren komplett unbeliebt?

In loser Reihenfolge gehen wir in Form von «SPEEDWEEKipedia» auf Fragen unserer Leser ein. Dieses Mal will Lara-Pia Rossi aus Bellinzona wissen: «Die nächsten beiden Rennen der Formel 1 in Spa-Francorchamps und Monza sind wahre Klassiker – bei den meisten Fahrern und Fans zugleich beliebt. Ich würde gerne mal wissen: Welche Strecken waren totale Flops? Wo trat der Formel-1-Zirkus höchst ungern an und wieso? Wo hat die Formel 1 gewissermassen ein Eigentor geschossen?»

Sagen wir es mal so: Wenn ein Land wie Belgien mit Spa-Francorchamps eine der fabelhaftesten Naturrennstrecken besitzt, dann fällt es schon ein wenig schwer, mit dem öden Nivelles Freundschaft zu schliessen. Nivelles, 1971 dreissig Kilometer südlich von Brüssel gebaut, war eine sichere Rennbahn, keine Frage, aber auch furchtbar langweilig. 1972 und 1974 fand hier der Belgien-GP statt, als Francorchamps zu schnell geworden war und nicht mehr dem modernen Sicherheitsniveau entsprach. Zum Glück durfte die Formel 1 später in die fabelhaften Ardennen zurückkehren.

Die Auswahl missglückter GP-Austragungsorte ist natürlich überaus subjektiv, aber auf Anhieb fallen uns noch diese sechs Formel-1-Schauplätze ein.

Greater Noida
Als die Formel 1 2011 erstmals auf den «Buddh International Circuit» bei Greater Noida (ausserhalb von Neu-Delhi) ausrückte, hatte der Kurs bereits stattliche Patina, und das ist nicht als Kompliment gemeint. Drei langweilige Rennen folgten in einem Land, das andere Probleme hat als die Formel 1. Die Piste war zu weit von Neu Delhi entfernt, um Fans anzulocken. Die meisten Inder hatten ohnehin kein Geld für einen Luxus wie den GP-Sport. Die Rennpiste sollte Zentrum einer ganzen Sportstadt sein, was sich als grossspuriges Gewäsch erwies. Und dann dieser Schmutz überall! Niemand weint diesem Grand Prix eine Träne nach. Anhaltender Streit um Steuern wird die Rückkehr der Formel 1 verhindern.

Phoenix
Strassenrennen oder Straussenrennen? Es gehört zur Legendenbildung der Formel 1, dass ein Rennen mit den lauffreudigen Grossvögeln mehr Zuschauer anlockte als im gleichen Jahr der Formel-1-WM-Lauf. Wir waren zwar nicht beim Straussenrennen, aber wir waren beim Strassen-GP, und daher wissen wir: Der Zuschaueraufmarsch zum Grand Prix war ab dem Jahre 1989 wirklich peinlich. Dazu ein völlig einfallsarmer Kurs mit gesichtslosen 90-Grad-Kurven in einem Betonkanal. Es fanden dennoch drei WM-Läufe dort statt, dann zog der Zirkus weiter.

Korea International Circuit
Der Grand Prix von Südkorea im Landkreis Yeongam hatte seit der Premiere im Jahre 2010 mit finanziellen Problemen zu kämpfen, das Interesse der Zuschauer liess zu wünschen übrig, an der Piste wurde noch gewerkelt, als schon das erste Training lief. Wochenlange Regenfälle hatten die Arbeit verzögert. Ein kapitaler Misserfolg war programmiert, das war allen klar ausser den Südkoreanern – wer nimmt schon vier Autostunden von der Hauptstadt Seoul in die Provinz Süd-Jeolla auf sich, um auf einer windigen Tribüne zu hocken und kein nennenswertes Rahmenprogramm geboten zu bekommen? Dass die Besucher in Stundenhotels nächtigen mussten, deren übliche Bewohnerinnen von der Stadtregierung in ganzen Busladungen ausser Reichweite gebracht worden waren, erhöhte die Attraktivität nicht. Nach vier Jahren wurde das Rennen in der Nähe der tristen Stadt Mokpo aus dem Kalender gestrichen, zur Erleichterung auch der GP-Teams. Von der einst geplanten Stadt rund um den Kurs, auf Grafiken wie eine Mischung aus Singapur und Monaco wirkend, sind nur Computer-Animationen geblieben. Wie wichtig die Formel 1 den Pistenbetreibern wirklich war, zeigte sich, als der GP-Tross 2011 zur zweiten Ausgabe zurückkam: Auf dem Siegerpodest lagen noch die Champagnerkorken der Siegerehrung 2010, und in den Kühlschränken der Rennställe Essensreste aus dem Vorjahr. Also wirklich!

Las Vegas 
An sich sind die Glitzerwelt von Las Vegas und der Glamour der Formel 1 füreinander geschaffen. Aber auf dem Parkplatz des Caesar’s Palace-Hotels zu fahren, das war nun wirklich Formel-1-unwürdig. Die Kurven waren Anfang der 80er Jahre alle fad, dafür wurde im Gegenuhrzeigersinn gefahren, was den Piloten so zusetzte wie die Hitze. Peinlich: 1981 und 1982 fiel hier sogar die WM-Entscheidung. Der besagte Parkplatz wurde 2003 überbaut.

TI-Circuit Aida
TI-was? Auf dem «Tanaka International Circuit Aida» fand 1994 und 1995 jeweils ein Pazifik-GP statt – denn das Prädikat Grosser Preis von Japan war schon vergeben (an Suzuka). Die Piste? Ein Grössenwahn des Unternehmers Hajime Tanaka in der Präfektur Okayama, so abgelegen, als solle die Rennstrecke vor der Öffentlichkeit versteckt werden. Das Pistenlayout: Zu langsam, zu öde. Nach zwei Mal war glücklicherweise Feierabend. Die Strecke wurde später in Okayama International Circuit umbenannt, auf ihr finden regelmässig Rennen zu zahlreichen japanischen Serien statt.

Valencia
Von 2008 bis 2012 herrschte das grosse Gähnen am Mittelmeer, mit Ausnahme ausgerechnet des letzten Rennens, das wirklich spannend war. Auf dem Hafengelände des America’s Cup erwies sich das Strassen-GP-Layout als wenig förderlich für guten Sport. Da änderte auch das Postkartenwetter nichts. Die Vorbereitung liess zu wünschen übrig: Ein Teil der Tribünen wurde so aufgebaut, dass von gewissen Sitzen die Rennstrecke gar nicht zu sehen war. Klasse! Die Stadt Valencia schlitterte mit dem Rennen in ein Finanzdebakel, das bis heute die Gerichte beschäftigt.

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