Carlos Ghosn im Gefängnis: Rücktritt als Renault-CEO

Von Mathias Brunner
Formel 1
Carlos Ghosn

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​Beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos (WEF) hat der französische Wirtschafts- und Finanzminister Bruno Le Maire bestätigt: Der in Tokio inhaftierte Carlos Ghosn hat seinen Rücktritt als Renault-CEO eingereicht.

Seit 19. November sitzt Carlos Ghosn, jahrelang Steuermann der Autokonzerne Renault, Nissan und Mitsubishi, in Tokio in Haft. Dem Spitzen-Manager werden zahlreiche Vergehen vorgeworfen. Nissan und Mitsubishi haben ihn daraufhin als Chef abgesetzt. Nun bestätigt der französische Wirtschafts- und Finanzminister Bruno Le Maire im Rahmen des Weltwirtschaftsgipfels in Davos (WEF): Renault-Verwaltungsrats-Chef Philippe Lagayette hat am 23. Januar ein Rücktrittsschreiben von Ghosn als Renault-CEO erhalten. Zuvor hatte Finanzminister Le Maire den Rücktritt Ghosns gefordert. Der Staat ist mit 15 Prozent an Renault beteiligt.

Einen Tag zuvor, am 22. Januar, ist der inhaftierte Ghosn mit einem zweiten Antrag zur Freilassung auf Kaution abgeblitzt. Das Bezirksgericht von Tokio lehnte diesen Antrag ab, mit der gleichen Begründung wie zuvor – Fluchtgefahr, Verschleierungsgefahr. Bis zu einem Prozess können noch Monate verstreichen.

Ghosn hatte angeboten, seine Pässe abzugeben, er könnte also das Land nicht verlassen. Er hat als finanzielle Sicherheit seine Nissan-Anteile offeriert. Er wäre dazu bereit, eine elektronische Fussfessel zu tragen und sich rund um die Uhr von Sicherheitskräften bewachen zu lassen – um jeden Kontakt mit Menschen zu verhindern, die ihn vor einem Prozess beeinflussen könnten. Ghosn will auf Kaution freikommen. Von all dem wollte der japanische Richter nichts hören.

Finanzminister Bruno Le Maire hatte wiederholt einen Nachfolger als Renault-CEO verlangt, wenn Ghosn dauerhaft verhindert sei. Übergangsmässig wird Renault derzeit vom Renault-Vizepräsidenten Thierry Bolloré geleitet. Denkbar ist künftig ein Duo an der Spitze von Renault: Bolloré als CEO sowie Jean-Dominique Senard als Chef des Verwaltungsrats. Der Vertrag von Senard als CEO des Reifenherstellers Michelin läuft im ersten Halbjahr 2019 ab.

Die Vorwürfe gegen Carlos Ghosn: Der in Brasilien geborene Nissan-Sanierer steht im Verdacht, von 2011 bis 2015 systematisch Einkommen zu gering angegeben zu haben, in Höhe von insgesamt fast 40 Millionen Euro. Es ist davon die Rede, dass der langjährige Renault-CEO mit Firmengeld in verschiedenen Städten Luxuswohnungen gekauft haben soll, in Rio und Paris, in Amsterdam und Beirut. Verdächtig scheint auch ein 1,7-Millionen-Dollar-Beratervertrag für Ghosns Schwester. Es gibt Hinweise auf fragwürdige Geschäftspraktiken, dies mit Investoren aus Indien, dem Mittleren Osten und Lateinamerika. Ghosn habe vom niederländischen Gemeinschafts-Unternehmen Nissan-Mitsubishi BV ohne Erlaubnis seiner Vorgesetzten der zwei japanischen Autohersteller fast acht Millionen Euro Entschädigung erhalten.

Wie bei allen anderen Vorwürfen gegen Carlos Ghosn gilt die Unschuldsvermutung. Am Montag, 21. Januar liess Ghosn über seine Rechtsvertreter verlauten: «Ich bin unschuldig, und ich will meinen guten Ruf im Gerichtssaal verteidigen. Nichts ist meiner Familie und mir wichtiger.»

Ghosn beteuerte in einer früheren Stellungnahme, «stets ehrenhaft und legal gehandelt zu haben. Ich werde falsch beschuldigt, ich werde zu Unrecht festgehalten, das alles basiert auf Anschuldigungen ohne Wert und Grund.»

Durch die Rennbrille betrachtet, muss sich die Frage aufdrängen: Was bedeutet ein Renault ohne Ghosn mittelfristig für das Formel-1-Programm der Franzosen? Teamchef Cyril Abiteboul in Abu Dhabi: «Carlos Ghosn war zweifellos sehr hilfreich dabei, dass wir in die Formel 1 zurückgekehrt sind. Aber Renault ist seit mehr als vierzig Jahren im Grand-Prix-Sport, und die Entscheidung damals zur Rückkehr war eine Entscheidung des Vorstands, nicht von Ghosn alleine.»

«Unser Programm ist auf sechs Jahre ausgelegt, wir sind in der dritten Saison. Ich erkenne unter der Führung von Thierry Bolloré klare Kontinuität. Die Formel 1 ist für ihn keine Unbekannte. Er sass im Vorstand, als Renault beschlossen hat, in den Grand-Prix-Sport zurückzukehren.»

Das klingt alles, als ob der Fall Ghosn für die Formel 1 keine Rolle spielen würde und Abiteboul sorgenfrei wäre. Aber der Pariser vertieft: «Ich will nicht übermässig optimistisch klingen. Ich wollte damit nur zu sagen – es gibt klar umrissene Pläne innerhalb der Renault-Gruppe, auch bei Nissan und Mitsubishi. Das Formel-1-Engagement ist Teil dieser Pläne. Was mir machen, kann jeder sehen, unsere Leistungen stehen alle zwei Wochen auf dem Prüfstand. Wir haben klare Vorgaben darüber, welche Ernte dieses Programm einbringen soll – was den Erfolg auf der Rennstrecke angeht, was den Marketing-Effekt angeht. Die Gründe, wieso wir in die Formel 1 zurückgekommen sind, die haben Bestand; wir wollen technische Expertise beweisen und die Marke Renault in die Auslage stellen.»

«Ich will aber nicht über die Zukunft spekulieren. Es liegt in unseren Händen, für Renault die bestmöglichen Ergebnisse einzufahren. Es gibt für mich kein Anzeichen dafür, dass Thierry Bolloré kein Formel-1-Fan ist. Er ist Firmenchef, er weiss, was wir machen. Ich rede nicht aus Optimismus oder mit Skepsis, ich konzentriere mich auf die Fakten; im Wissen, dass wir Leistung bringen müssen.»

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