US-Präsident Donald Trump: Entwaffnende Dummheit

Von Günther Wiesinger
Formel 1

​Der US-amerikanische Präsident Donald Trump macht einem in der Coronakrise Angst: Verantwortungslos, keine Leadership, widersprüchliche Aussagen, null Mitgefühl, entwaffnende Dummheit.

Ich schaue mir aus beruflicher Neugier immer zu später Stunde auf CNN die Pressekonferenz von US-Präsident Donald Trump live an, und da läuft mir eineinhalb Stunden lang ein kalter Schauer über den Rücken. Verantwortungslos, keine Leadership, widersprüchliche Aussagen, kein Mitgefühl für die vielen Infizierten und schon gar nicht für die Toten. Trump hat nur seine Wiederwahl im Sinn, er sieht nicht über seine gebräunte Nasenspitze hinaus, deshalb sträubt er sich gegen strikte Maßnahmen, die die Wirtschaft lähmen, der Dow-Jones-Aktienindex ist ihm wichtiger als die beängstigende Situation in den Krankenhäusern und im kollabierenden Gesundheitssystem.

«USA going for gold, under Trump», seufzte der ehemalige 250-ccm-GP-Pilot Murray Sayle daheim in Australien via Facebook.

Tatsächlich hat Trumps Wahlkampfmotto «America First» seit gestern eine ganz neue Bedeutung erhalten. Die Amerikaner haben in der Statistik mit der gegenwärtig höchsten Anzahl an infizierten Personen Platz 1 übernommen – 76.075 Menschen sind derzeit positiv getestet. An zweiter Stelle liegt Italien (62.013) vor Spanien (45.037).

Die Bürgermeister der Metropolen wie Los Angeles und die Gouverneure und Senatoren in allen stark betroffenen Bundesstaaten haben die Gefahr erkannt, sie haben entweder schon strenge Maßnahmen und Ausgangsbeschränkungen verordnet, aber die Regierung im Weißen Haus beschwichtigt.

Trump träumt davon, alle Restriktionen bis Ostern wieder aufheben zu können. Auf die Frage eines Journalisten, warum er an diesen Termin glaube, entgegnete Trump mit entwaffnender Dummheit: «Because it is a beautiful date.»

Trumps engste Berater stehen bei der Pressekonferenz 20 Zentimeter neben oder hinter ihm. So sieht gelebtes «social distancing» in den USA aus, während sich andere Politiker aus aller Welt nur noch mit Mundschutz interviewen lassen oder am Ende von um drei Meter verlängerten Mikrofonen inklusive austauschbarer Sicherheitsfolie.

Deshalb braucht uns nicht zu wundern, wenn die U-Bahnen in New York und Großbritannien heute noch überfüllt sind und in New York der Flughafen JFK nicht zugesperrt wurde.

Warum erzähle ich das alles? Weil es es besorgniserregend ist. Die USA sind die größte Wirtschaftsmacht der Welt (vor China, Japan und Deutschland); wenn dort der Shutdown wegen des Leichtsinns von Trump voraussichtlich viel länger dauert als in vielen Ländern Europas, werden auch hier die Exportnationen stark leiden, es wird sich die Rückkehr zur Normalität unnötigerweise verzögern.

Diese Verzögerung wird auch alle Sportarten betreffen, die ja teilweise namhafte Wirtschaftszweige sind.

Allein in Deutschland gehen pro abgesagter Fußball-Bundesliga-Runde 68 Millionen Euro an TV-Geldern verloren. In England sind die Summen deutlich höher. Auch in der Formel 1 und in der MotoGP-WM werden Milliarden umgesetzt. Allein MotoGP-Promoter Dorna beschäftigt 450 Personen.

Dass es auch umsichtige Politiker gibt, erleben wir in den deutschsprachigen Ländern und in manchen Nachbarstaaten.

Schweden hat zum Beispiel derzeit nur 2753 Covid-19-Kranke zu beklagen und die überschaubare Zahl von 71 Todesopfern bei einer Einwohnerzahl von 10,2 Millionen.

Ich weiß nicht, woher die Berater von Trump ihre Weisheiten beziehen, aber sicher nicht aus Schweden oder Singapur. Diese asiatische Metropole lag nämlich anfangs bei der Zahl der infizierten Covid-19-Patienten weltweit an zweiter Stelle. Jetzt sind noch 509 Personen positiv getestet, bisher sind dort erst zwei Menschen an der Pandemie gestorben.

Der thailändische Premierminister Prayut Chan-o-cha hat gestern den Notstand ausgerufen und die Einreise für alle Ausländer verboten. Ab heute Donnerstag (26. März) könnte sogar eine totale 24-h-Ausgehsperre bis 30. April in Kraft treten.

Für Amerika sind alle diese Länder weit weg. Trump redet seinen Bürgern ein, Amerika habe die besten Strategien, die besten Tests, er habe die pfiffigsten Berater und Experten um sich, Amerika sei bestens für die große Welle gewappnet.

In Wirklichkeit bricht das Gesundheitssystem in New York bereits jetzt zusammen, an Ende April will gar niemand mehr denken, der bis drei zählen kann.

Donald Trump ist nicht der einzige Regierungschef, der mir Angst macht. Boris Johnson wurde vorgerechnet, dass er mit 250.000 toten Briten rechnen muss, wenn er seine Irrsinns-Strategie mit der Herden-Immunität nicht rasch über Bord wirft. Die U-Bahnen in London sind heute noch voll.

Der brasilianische Präsident Bolsonaro bezeichnet die Corona-Pandemie als «gripezinha», als harmlose, kleine Grippe. Ihre Gefährlichkeit sei nur eine Erfindung der Medien, faselte er. Doch einzelne Bundesstaaten verordneten trotzdem strenge Maßnahmen.

Selbst Bill de Biasio, der Bürgermeister von New York, wurde am Montag noch in einem Fitness-Centre gesehen. Dabei hatte Gouveneur Andre Cuomo längst die Sperrung aller nicht lebensnotwenigen Betriebe angeordnet.

Da lobe ich mir besonnene Politiker wie den österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz. Er bereitete seine Landsleute gestern auf eine Geduldsprobe vor. «Die Situation nach Ostern wird sich nicht stark von jener unterscheiden, die wir jetzt erleben», dämpfte er allzu optimistische Erwartungen.

Statt in der Krise in den Wahlkampfmodus zu schalten wie Trump, bemühen sich die Politiker hierzulande mit Leibeskräften um eine Abflachung der Kurve, um kostbare Zeit zu gewinnen, weil Beatmungsgeräte beschafft werden müssen, dazu Schutzmasken und Schutzanzüge, weil dringend medizinisches Personal geschult werden muss, weil die Anzahl der Intensivbetten dramatisch erhöht werden muss und überall Unternehmen gesucht werden, die sich neu auf die Produktion von medizinischen Hilfsgütern spezialisieren, weil der Nachschub aus China zu wünschen übrig lässt.

Im Kanton Zürich wurde die Kapazität an Intensivbetten zum Beispiel im März um 80 Prozent erhöht.

Inzwischen ist auch in Deutschland, wo vor 14 Tagen noch in voll besetzten Stadien Fußball gespielt wurde, eine leichte Entspannung zu erkennen. Am 18. März hat sich die Anzahl der Infizierten noch alle 2,3 Tage verdoppelt, jetzt nur noch alle vier Tage. In Österreich ist diese Kennzahl bereits auf sechs Tage ausgeweitet worden. Aber allein in Österreich ist die Zahl der Arbeitslosen in zehn Tagen um 140.000 Menschen gestiegen.

Immer mehr prominente Sportler, Künstler, Experten und sonstige Autoritäten fordern uns zur Vernunft auf: «Bleibt daheim.»

Der Schweizer Gesundheitsminister Alain Berset, ein ehemaliger Wettkampfschwimmer, brachte es gestern (25. März) auf den Punkt: «Das ist kein 100-Meter-Sprint, wir bestreiten einen Marathon.»

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