Die alte Formel 1: Schießübungen im Hotel

Von Günther Wiesinger
Formel 1
Der langjährige Formel-1-Reporter Yörn Pugmeister (80) erinnert sich an eine goldene Ära. «Rolf Stommelen und ich haben in Buenos Aires Pistolen gekauft und im Hotel Schießübungen gemacht.»

Als Yörn Pugmeister zu jenen zwei oder drei Dutzend permanenter Formel-1-Berichterstatter gehörte, die mit allen Stars auf du und du waren, freuten sich die Reporter noch über einen direkten Zugang zu den Fahrern, Teams und Cheftechnikern. Es existierten noch keine Heerscharen von selbsternannten Kommunikations-Experten, die jede kritische Berichterstattung zu verhindern versuchen und alle Vier-Augen-Hintergrundgespräche am liebsten polizeilich verbieten möchten.

Yörn Pugmeister, von 1972 bis 1978 Chefredakteur von «sport auto», erinnert sich noch ausgezeichnet an die Zeit, als ihm der Name Ayrton Senna erstmals zu Ohren kam. «Bernie Ecclestone hat mir geflüstert, da sei ein junger, talentierter Fahrer, der seinen Weg in der Formel 1 machen werde. Ich solle mir den doch mal anschauen. Also bin ich beim Brasilien-GP hingegangen und habe mit der Familie Senna gefrühstückt. Das war zu den Zeiten, als Emerson Fittipaldi als zweifacher Weltmeister die Creme der internationalen und deutschen Journalisten regelmäßig zu seinem Geburtstag einlud. So etwas kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Wir haben unglaubliche Feste gefeiert. Auch mit der Familie von Carlos Pace, der im März 1977 mit einem Privatflugzeug in São Paulo tödlich verunglückt ist.»

Damals herrschte in der Formel 1 für die Journalisten Narrenfreiheit, wie heute bestenfalls noch bei einem nationalen Bergrennen.

Pugmeister: «Man konnte überall hingehen. Überall wurde man reingelassen. Es gab kaum Zugangskontrollen. Da spielte Kollege Roger Benoit vor dem Training mit dem Bernie Ecclestone vor der Brabham-Box Backgammon. Das war üblich. Jeden Abend hat man sich zum Beispiel in der Kyalami-Ranch gemeinsam betrunken. Auch die Fahrer haben teilweise ordentlich gebechert.»

Während heute ein Formel-1-Privatteam bis zu 60 Millionen Euro für die Motoren pro Saison bezahlt, nagten einige Teambesitzer damals am Hungertuch. Frank Williams lieh sich bei Dieter Stappert einmal 500 Franken aus, und als ich 1982 zum Formel-1-GP nach Spielberg kam, hatte Ensign-Teamchef Mo Nunn nur einen einzigen Cosworth-V8-Ersatzmotor für seine Fahrer Cecotto und Guerrero.

Der SPEEDWEEK.com-Chronist erinnert sich an Gegebenheiten, die heute als völlig aus der Zeit gefallen wirken. Jahrelang gestattete Bernie Ecclestone zum Beispiel Helmut Zwickl und mir, beim Österreichring-Formel-1-GP zwei gemietete Wohnwagen neben das Tragluftzelt zu stellen und dort unsere eigene Redaktion zu integrieren. Denn im Zelt wurde es im August bei Sonnenschein bis zu 50 Grad heiß, eine Air Condition existierte nicht.

Beim Monza-GP reisten wir wegen der katastrophalen Verkehrsstaus mit Motorhomes an und parkten sie am Presseparkplatz, zum Beispiel 1982. Karl Mauer, Yörn Pugmeister und ich bildeten mit den Motorhomes eine Wagenburg. Abends kam gern Formel-1-Pilot Manfred Winkelhock zu Besuch, um mit uns Journalisten rund am Grill zu hocken und das Abendessen einzunehmen.

Auch der damals noch als «auto motor und sport»-Redakteur tätige Norbert Haug war dabei, dazu die Fotografen Ferdi Kräling, Wolfgang Drehsen und Jürgen Zerha. «Die sind dann mit meiner kleinen Honda Monkey zu dritt losgefahren und haben in einer Metzgerei Würste für den Grill gekauft, weil sie Würste essen wollten. Haug wollte unbedingt eine Bratwurst-Party machen», blendet Pugmeister zurück.

«Früher konnte man als Formel-1-Journalist auf dem ganzen Rennkurs rumlaufen wie man wollte», erinnert sich Pugmeister. «Die Fotografen sowieso.»

Pugmeister: «Dieter Stappert und ich sind mal zum Formel-1-GP nach Mosport gefahren und hatten ein Wohnmobil gemietet. Wir haben das Telefax-Gerät aus der Rennleitung rausgeschleppt in unser Wohnmobil. Wir haben es dann mit Hilfe eines Streckenarbeiters im Wohnmobil installiert.»

«Es war damals nicht außergewöhnlich, dass Rolf Stommelen und ich beide in Buenos Aires eine Pistole kauften, weil dort gerade Revolution war», blickt Pugi zurück. «Es war normal, dass Rolf und ich Schießübungen im Hotel machen, bis die Matratze durchlöchert war und die Wächter vom Flur ins Zimmer kamen und der ganze Bau vor Corditqualm stank. Es waren unglaubliche Zeiten. Es gab aber auch gemütliche Manöver, mit Jacques Laffite bin ich in Kanada Fischen gegangen. Die Turbo-Artisten von Porsche haben uns begleitet.»

«Ich spreche vier Sprachen – Deutsch, Französisch, Englisch und Spanisch. Das hat mir sehr geholfen», blickt Jubiliar Pugmeister zurück. «Deswegen hatte ich auch einen guten Kontakt zur Familie Sainz. Ich habe für MSa von der Rallye-WM berichtet. Als Sainz dann zum zweiten Mal in Südamerika angetreten ist, bin ich für Volkswagen quasi als sein Rucksackträger mitgefahren. Ich war überall, wo er auch war. Das war sehr schön.»

«Als Lauda ausgestiegen ist, habe ich meine Formel-1-Schreiberei auch aufgegeben, weil mit Niki der einzige intelligente Fahrer weg war.»

Pugi meint, seine beste Zeit in der Formel 1 habe er von 1971 bis zum Rücktritt von Lauda erlebt. «Ich habe mir neben meiner Tätigkeit als Auslandschef der Vereinigten Motor Verlage in Stuttgart ausbedungen, dass ich auf jeden Grand Prix gehen durfte. So habe ich sehr gute Verbindungen hergestellt, nicht nur zu den deutschen Fahrern, sondern auch zu Bernie Ecclestone, als er noch bodenständig war und sich auch die Fahrer normal benahmen. Wir haben eine goldene Ära erlebt. Das waren die besten Jahre in der Formel 1.»

Damals gab es auch bodenständige deutsche Formel-1-Teambesitzer wie Erich Zakowski von Zakspeed und Günter Schmid von ATA und Rial.

«Es waren unglaubliche Zeiten. Wir Journalisten haben mit den Fahrern zusammen gelebt. Wir haben mit ihnen zusammen gefeiert. Es gab nur einen kleinen Haufen von permanenten Formel-1-Reportern.»

Pugmeister war auf allen Rennstrecken der Welt zu Hause, auch bei den Touren- und Sportwagen-Events. 29 Mal berichtete er allein vom 24-Stunden-Rennen in Le Mans, zuletzt 2016. «Danach habe ich die Schreiberei aufgegeben. Denn ich hatte nichts mehr zu erzählen.»

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