2. Training Kanada: Regelhüter sorgen für Ärger

Von Vanessa Georgoulas
Formel 1
Mercedes-Pilot Lewis Hamilton setzte sich im zweiten freien Training zum Kanada-GP an die Spitze der Zeitenliste

Mercedes-Pilot Lewis Hamilton setzte sich im zweiten freien Training zum Kanada-GP an die Spitze der Zeitenliste

Das zweite freie Training zum Kanada-GP bot den Zuschauern alles, was das Formel-1-Fanherz begehrt: Dreher, Fern-Duelle und eine Überraschung bei Ferrari...

Auch am Nachmittag durften die Formel-1-Piloten in Montreal auf trockenem Asphalt ausrücken. Die Regenwolken, die sich während des ersten freien Trainings über dem Circuit Gilles Villeneuve zusammengebraut hatten, waren verzogen, und so konnten sich die Teams gleich ans Werk machen.

Der Erste, der eine gezeitete Runde drehte, war McLaren-Neuling Kevin Magnussen. Der Däne ist einer von drei Piloten im Feld, der an diesem Wochenende zum ersten Mal in Kanada unterwegs ist: Auch Toro Rosso-Rookie Daniil Kvyat und Caterham-Blondschopf Marcus Ericsson hatten am Morgen ihre ersten Erfahrungskilometer auf dem geschichtsträchtigen Rundkurs gesammelt.

Red Bull Racing: Probleme mit dem Schnellschalt-Getriebe

Auch die Probleme liessen nicht lange auf sich warten: Lotus-Pilot Pastor Maldonado blieb knapp zehn Minuten nachdem die Boxenampel auf Grün gesprungen war, liegen. Der ehemalige GP-Pilot und heutige SkyTV-Experte Marc Surer vermutete: «Das muss wohl bei den Startübungen passiert sein – er muss jetzt von den Streckenposten zurückgeschoben werden.»

Zu diesem Zeitpunkt waren die beiden Red Bull Racing-Piloten Sebastian Vettel und Daniel Ricciardo sowie das Ferrari-Duo Fernando Alonso und Kimi Räikkönen noch gar nicht auf der Bahn. Die Formel-1-Stars leissen sich die erste Viertelstunde nicht blicken.

Kaum rückten sie aus, begannen auch für Ricciardo die Sorgen. Der Australier hatte ein Problem mit dem Differenzial und fragte über Boxenfunk: «Könnt ihr euch das Getriebe mal anschauen?» Surer erklärt: «Beim Schaltgetriebe ohne Zugkraftunterbrechung sind beim Schalten für den Hundertstel einer Sekunde sogar zwei Gänge gleichzeitig eingelegt. Das muss natürlich ganz genau gezeitet sein. Der Fahrer hat die Möglichkeit, die Schnellschalt-Automatik abzustellen, doch das kostet ihn dann ungefähr drei Zehntel pro Runde.»

Ärger für das Sauber-Duo

Den ersten echten Schreckmoment erlebte Sauber-Pilot Esteban Gutiérrez, der in Kurve 5 nach einem Ausritt ins Grüne einen halben Dreher hinlegte. Danach schimpfte der 22-Jährige aus Monterrey über Boxenfunk: «Die Power ist wie ein Kippschalter, mal an, mal aus.»

Der 1996er-Weltmeister Damon Hill kommentierte trocken: «Das ist ungefähr das Letzte, das du auf diesem Kurs brauchst.» Er weiss: «Hier hat der Fahrer mehr Einfluss als auf anderen Strecken. Belohnt wird, wer mehr Tempo durch die Kurven tragen kann, ohne jedoch eine Mauer übermässig stark zu küssen. Ich habe die Piste immer geliebt, denn es ist eine Strecke für echte Fahrer.»

Auch Gutiérrez’ Teamkollege Adrian Sutil hatte Grund zum Ärger. Er musste abkürzen und über die Randsteine brettern, weil Magnussen in der letzten Schikane im Schleichgang unterwegs war. Der Wahl-Schweizer machte seinem Ärger mit geballter Faust Luft und auch sein Renningenieur Marco Schüpbach konnte sich einen bissigen Kommentar am Funk nicht verkneifen. Hill weiss: «Das war für Adrian sehr haarig! So, wie das Magnussen gemacht hat, geht es einfach nicht. Du kannst an jener Stelle nicht herumbummeln, wenn von hinten Autos von 340 km/h herunterbremsen. Sutil muss sooo einen Hals haben.»

Die Rennkommissare sahen sich die Szene an, entschlossen aber, den jungen McLaren-Hoffnungsträger straffrei ausgehen zu lassen. Diese Entscheidung sorgte für Entrüstung in der Boxengasse – auch bei Sauber-Testpilot Giedo van der Garde. Der Niederländer erklärte auf Nachfrage von SPEEDWEEK.com: «Was? Magnussen geht für diese Aktion straffrei aus? Das verstehe ich überhaupt nicht, das war ein klarer Fall von Blockieren.»

Auflösungserscheinungen bei Williams und Caterham

Marussia-Pilot Jules Bianchi hatte wiederum kein Glück. Der Ferrari-Nachwuchspilot, der am Morgen noch durch einen Mauerkuss einen Getriebewechsel nötig gemacht hatte, wurde von einem Motorproblem heimgesucht. Er konnte nur drei Runden drehen, bevor sein italienischer V6-Turbo streikte.

Maldonado, der nach seinem Start-Malheur wieder unterwegs war, wurde erneut von der Technik-Hexe heimgesucht. Der Heckflügel seines Renners wollte nicht wieder zurückklappen, und so musste der Venezolaner erneut die Box ansteuern. Caterham-Pilot Kamui Kobayashi und Williams-Fahrer Valtteri Bottas kämpften unterdessen mit Auflösungserscheinungen ihrer Renner. Sowohl der Japaner als auch der Finne verloren ein Teil auf der Strecke.

Ferrari-Star Kimi Räikkönen sorgt für Überraschung

Wie bei jedem zweiten Training stand auch in Montreal der Vergleich der beiden Reifenmischungen (weich und extra-weich) auf dem Programm. Surer verrät: «Meine Berechnungen haben ergeben, dass der Unterschied zwischen den weichen und extra-weichen Reifen im Durchschnitt etwa sieben Zehntel beträgt. Das ist sehr viel weniger, als beim letzten Rennen in Monaco.»

Ferrari-Star Kimi Räikkönen sorgte derweil für hochgezogene Augenbrauen in der Boxengasse. Der einsilbige Finne, der eine schnellere Runde als sein Teamkollege Fernando Alonso in den Asphalt gebrannt hatte, überraschte damit auch die Experten im Fahrerlager.

Räikkönen legte etwas später in der Haarnadel-Kurve einen Dreher hin. «Das war aber eigenartig», wunderte sich Surer. «Das sah aus, als ob er irgendwas ausprobieren wollte, und es ging schief. Das war kein normaler Dreher.»

Lewis Hamiltons Erfolgsrezept

An der Spitze kämpften die Silberpfeil-Piloten Nico Rosberg und Lewis Hamilton in einem Fern-Duell um die Tages-Bestzeit, wobei der Weltmeister von 2008 die Nase vorne hatte. Der 29-Jährige aus Stevenage war rund zwei Zehntel flotter als Rosberg und lange Zeit auch deutlich über eine halbe Sekunde schneller als der Rest des Feldes unterwegs. Erst 20 Minuten vor dem Trainingsende konnte Champion Vettel den Vorsprung der Silberpfeile leicht verkürzen, doch Hamilton legte umgehend nach. Surer staunte: «Es ist unglaublich, mit welcher Konstanz er immer schneller wird.»

Schon zu Beginn des Trainings hatte sich Rosberg über Boxenfunk erkundigt, in welchen Kurven er im Vergleich zu seinem Teamkollegen Zeit verlor. Ex-GP-Pilot Martin Brundle, der sich neben die letzte Kurve stellte und die Piloten genau beobachtete, lieferte eine Antwort darauf: «Es fällt auf, dass Hamilton hier den Randsteinen komplett fernbleibt, Rosberg aber tüchtig drüberholpert. Mir scheint, dass Nico den kürzeren Weg fährt, aber Hamilton ist schneller, weil der Wagen ruhiger bleibt und er mehr Speed durch diese Rechts-Links-Kombination mitnehmen kann. Ich bin sicher, das wird sich Rosberg am Abend auf den Daten genau anschauen.»

Am Ende behielt Hamilton die Nase vorn, hinter ihm reihten sich Rosberg, Vettel, Räikkönen, Alonso, Magnussen, Jenson Button und Jean-Eric Vergne auf den restlichen Top-Ten-Plätzen ein. Ricciardo musste sich mit dem zwölften Platz hinter Romain Grosjean und vor dem Force-India-Duo Nico Hülkenberg und Sergio Pérez begnügen. Sutil und Gutierrez sicherten sich die Plätze 16 und 17 hinter Pechvogel Maldonado.

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Mathias Brunner
​Lewis Hamilton ist nach 2008, 2014, 2015, 2017, 2018 und 2019 zum siebten Mal Formel-1-Weltmeister. Doch sein Erbe besteht nicht aus Bestmarken, die er reihenweise niederreisst. Sein Erbe reicht erheblich weiter.
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