Silberpfeil, die wievielte ?

Kolumne von Guido Quirmbach
Formel 1
1954 in Reims: Doppelter Silberpfeil, Fangio vor Kling

1954 in Reims: Doppelter Silberpfeil, Fangio vor Kling

Nico Rosberg ist der erste Deutsche seit mehr als 50 Jahren in einem Silberpfeil. Ein arg strapazierter Begriff!

Silberpfeil nannte sich in der Jugendzeit des Autors eine Comic-Figur und stellte einen Indianer-Häuptling dar, der mit einem blonden, weissen Freund gegen viele Bösewichte kämpfte. Ähnlichkeiten zu einem ähnlich ehrenvollen Blutsbruder-Paar aus der Feder von Karl May waren beabsichtigt.

Irgendwie ähnlich ist es mit den Silberpfeilen, um die es heute geht. Denn bei dem Rennwagen-Mythos ist Original und Fälschung auch nah beisammen.

Die Begriffsentstehung des Silberpfeils ist ebenso legendär wie umstritten. Und nicht 100%tig geklärt. Legendär ist die Behauptung vom früheren Mercedes-Rennleiter Alfred Neubauer und dessen Pilot Manfred von Brauchitsch, es wäre auf deren Mist gewachsen. Bei der technischen Abnahme zum Eifelrennen 1934 war der W25 mit 751 kg ein Kilogramm zu schwer. Neubauer sprach: «Jetzt sind wir die Gelackmeierten», woraufhin von Brauchitsch die Idee hatte, den weissen Lack über Nacht abzukratzen. Daraufhin kam die silberne Grundfarbe des Wagens zum Vorschein, die Presse machte daraus den Silberpfeil. So behauptet es der legendäre Rennleiter in seinem Buch «Männer, Frauen und Motoren» Allerdings gelten die geschriebenen Erinnerungen von Neubauer nicht nur in diesem Punkt oft als überzogen. Und auch von Brauchitsch, der die Story kurz vor seinem Tod 2003 noch bestätigte, galt nicht immer als das Musterbeispiel an Glaubwürdigkeit. Was nichts daran ändert, dass «Männer, Frauen und Motoren» eine sehr kurzweilige Lektüre ist.

Für Eberhard Reuss, Autor des Buches «Hitlers Rennschlachten», das sich sehr kritisch mit dem Motorsport in der Nazi-Zeit beschäftigt, ist die Neubauer-Story eine nicht belegte Geschichte der Gattung Jägerlatein, seiner Meinung nach fuhren die Wagen bereits zuvor in Silber. Wie es genau wirklich war, werden wir wohl nicht mehr erfahren, denn so sehr viele Zeitzeugen gibt es nicht mehr.

Fakt ist aber, dass sowohl die Rennwagen von Mercedes als auch von Auto Union spätestens ab dieser Zeit in silberner Farbe rannten und die Rennwagen beider Marken oft als Silberpfeile tituliert wurden. Warum der Name «Silberpfeil» in der heutigen Zeit eigentlich nur noch mit Mercedes in Verbindung gebracht wird, ist eigentlich einfach. Denn nach dem 2. Weltkrieg tauchte Auto Union nicht mehr auf der Rennstrecke auf, während die Mercedes-Geschichte in den 1950er Jahren fortgesetzt wurde.

Am 4. Juli 1954 gewann nicht nur die deutsche Fussball-Nationalmannschaft in Bern die Weltmeisterschaft, sondern Mercedes kehrte in das Oberhaus des Motorsports zurück, was sich inzwischen Formel 1 nannte. Beim GP von Frankreich in Reims gab es einen Doppelsieg mit dem silberfarbenen W196 durch Juan Manuel Fangio und Karl Kling. Fangio gewann in den dann fast nur noch Silberpfeil genannten Wagen die WM 1954 und 1955, bevor sich dann Mercedes vom internationalen Rennsport zurückzog.

Wohl auch aufgrund der langen Pause wurde der Begriff Silberpfeil zum Mythos. Und dann im Zeitalter der Medien immer wieder aufgewärmt. Mercedes kehrte 1988 offiziell in den Rennsport zurück. Nach einem Jahr in dunkelblau waren die Gruppe C-Renner ab 1989 wieder Silber. «Die Silberpfeile sind zurück!» jubelte die Presse und Jochen Mass war der erste Deutsche seit mehr als 30 Jahren, der wieder im Silberpfeil sass.

1994 kehrte Mercedes als Motorenlieferant bei Sauber wieder in die Formel 1 zurück. 1997, inzwischen bei McLaren, endete das Sponsor-Engagement mit Marlboro, dessen rot-weisse Farbe doch so gar nicht zum Image der Untertürkheimer passten. Rot-Weiss waren zwar auch die Farben der des neuen Sponsors, der Zigaretten-Marke West, doch nun schlugen die Marketing-Strategen von McLaren, West und Mercedes gnadenlos zu: Die Zigarettenpackungen wurden Silber, ebenso der McLaren mit Mercedes-Motor. Und was war erneut neu geboren? Richtig, der Silberpfeil! Endlich wieder ein Silberpfeil in der Formel 1.

Nun fuhr bis 2009 der McLaren in der silbernen Grundfarbe. Das ist jetzt wohl vorbei, denn der Silberpfeil erlebt die dritte Wiedergeburt. Oder die wievielte ist es? Denn schliesslich gab es noch die Sportwagen-Einsätze in der FIA GT und Le Mans Ende des letzten Jahrtausends. Auch da fuhren die Mercedes-Renner im gewohnten Silber. 1999 gab es ja auch in Le Mans das fast nostalgische Duell Mercedes gegen Auto Union. Pardon, ich meine natürlich Audi. Und beide in klassischem Silber! Doch die Mercedes flogen wie die Pfeile durch die Luft und die Audi waren bei ihrem Le Mans-Debüt noch weit von der Klasse späterer Zeit entfernt. Es gewann übrigens BMW: In Weiss!

2010 übernimmt Mercedes die Mehrheit an BrawnGP und rennt im kommenden Jahr unter eigenem Namen in der Formel 1. Deshalb spricht man nun von der wirklichen und einzigen Rückkehr der Silberpfeile. Und Nico Rosberg ist der erste Deutsche, der seit 1955 in einem Formel 1-Silberpfeil sitzt.

Doch eigentlich ist das alles egal. Denn Mercedes nimmt ebenso an der Formel 1 wie an der DTM teil und betreibt damit Motorsport auf höchstem Niveau. Im Jahr, wo Rückzüge üblich sind, investiert Mercedes in den Rennsport! Das kann man gar nicht genug anerkennen! Und da dürfen sie gerne alle paar Jahre den Begriff «Silberpfeil» so verbiegen, wie es ihnen gerade passt. Es dient nun mal der Sache und Öffentlichkeitsarbeit ist ein wichtiger Teil des Geschäfts. Und sie haben das Recht dazu.

Schliesslich hat Mercedes an der Entstehung des Mythos «Silberpfeil» entscheidend mitgewirkt. Auf der Rennstrecke, wo der Stern seit Beendigung der Pause heute nicht mehr wegzudenken ist!

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