Aprilia & MotoGP: Warum es immer weiter bergab geht

Von Günther Wiesinger
MotoGP

2016 gelangen Aprilia in der MotoGP-WM mit Bautista und Bradl noch 16 Top-Ten-Plätze, 2018 mit Espargaró und Redding nur vier. Man darf getrost von einem Trauerspiel sprechen.

Aprilia Racing bekommt mit Massimo Rivola, dem ehemaligen Formel-1-Sportdirektor von Ferrari, im Januar einen neuen Geschäftsführer. Diese Aufgabe wurde bisher von Leo Francesco Mercanti quasi im Nebenberuf wahrgenommen, er ist im Hauptberuf Executive Vice President und Product Marketing-Chef des Zweiradgeschäfts der Piaggio & C. SpA. Er hat sich aber offenbar zu wenig um den Rennbetrieb gekümmert, deshalb hat ihn der schwerreiche Piaggio-Präsident Roberto Colaninno von dieser Aufgabe befreit.

Kein Wunder, denn Aprilia Racing gibt seit Jahren einen schwachen Gegner ab, nachdem diese Firma, die in ihrer glorreichen Zeit mit Biaggi, Capirossi, Harada, Rossi und anderen Stars noch Aprilia Reparto Corse hieß, einst 54 Weltmeistertitel gewonnen hat.

In ihrer besten Zeit kämpfte die Rennfirma von Aprilia in der 125er-, 250er-, 500er- und Superbike-WM an der Spitze mit.

Unter der Regie von Jan Witteveen und Carlo Pernat wurden die Japaner jahrelang herausgefordert und besiegt. Die Sponsoren von Nastro Azzurro bis Chesterfield rannten Aprilia die Türen ein, in den Klassen 125 und 250 ccm rüstete Aprilia bis zu 18 Fahrer aus.

Inzwischen hat sich Aprilia in der MotoGP-WM auf dem letzten Platz der Konstrukteurs-EM einbetoniert, Aleix Espargaró und Scott Redding landeten 2018 auf den Gesamträngen 17 und 21. Es gelangen insgesamt kümmerliche vier Top-Ten-Plätze.

Dabei hatte Colaninno bei der Teamvorstellung 2018 von einem Höhenflug geträumt: «Wir haben junge Talente gefunden, die vor Enthusiasmus sprühen», sagte er. «Unser Rennchef Romano Albesiano hat ein großartiges Team zusammengefügt. Wir hoffen, dass diese Mannschaft unsere Träume erfüllen wird. Ich weiß, es wird nicht einfach. Was haben wir genau vor? Klar, wir wollen keine letzten Plätze einfahren. Gleichzeitig kann ich nicht sagen, wir wollen die Nummer 1 werden. Das wäre hochtrabend. Aber bei Aprilia haben wir 80 junge Ingenieure, die Tag für Tag nach dem Erfolg jagen. Auch unser Partner Gresini hat erstklassige Techniker. Wir wachsen weiter. Wir greifen nach den Sternen. Doch wir wissen, dass viele Konkurrenten stärker geworden sind. Wir möchten noch beständiger werden, das ist wichtig. Eines Tages werden wir einfach fliegen...»

Bisher gleicht die MotoGP-Performance von Aprilia eher einem Tiefflug.

Auch Albesiano sparte am 8. März 2018 nicht mit hochtrabenden Worten. «Wir haben ein schlagkräftigeres, fantastisches Team, wir sind stärker als im Vorjahr. Wir haben zwei vielversprechende Fahrer und das beste Team, das Aprilia in der MotoGP je hatte. Wir sind zuversichtlich und überzeugt: Alles wird perfekt sein.»

Aleix Espargaró wurde noch konkreter: «Wir wollen unter die ersten Fünf fahren», gab er seine Zielsetzung für 2018 preis.

Rückzug aus der Superbike-WM

Aus der Superbike-WM musste man sich verabschieden. Milwaukee-Teamchef Shaun Muir verlor die Lust an der Zusammenarbeit, er verbündete sich lieber für drei Jahre mit BMW. Nicht einmal in der MotoAmerica-Rennserie fand sich ein Team für die Aprilia-Maschine. Und im Kerngeschäft sind die Zulassungszahlen unter die Wahrnehmungsgrenze gerutscht.

Die Piaggio Group hat sich von Aprilia das Roller-Geschäft einverleibt, so sind die Stückzahlen im Werk in Scorzé eingebrochen, das Händlersterben ist in vollem Gange.

Aprilia-Renndirektor Romano Albesiano befindet sich seit Jahren in keiner beneidenswerten Situation.

Denn er kündigte schon bei der Teampräsentation im März 2017 an, man strebe in der MotoGP-WM einen Platz unter den Top-5 der Gesamtwertung an.

Als Aleix Espargaró nach der Sommerpause 2017 hoffnungslos zurücklag, stellte Albesiano beim Brünn-GP 2017 fest: «Der WM-Stand spiegelt nicht unsere wahre Stärke wider.»

Tat er dies zumindest nach dem Saisonende 2017? Damals lag Aleix Espargaró mit 62 Punkten aus 18 Rennen auf dem 15. Endrang. Sam Lowes tauchte mit 5 Punkten an 25. Stelle auf. Kein Fixstarter kassierte im Vorjahr weniger Punkte als der Bruchpilot aus England.

Roberto Colaninno betrachtet Ducati als Erzrivalen. Die starken Ergebnisse der Roten verursachen bei ihm Magenschmerzen. Nach 7 von 19 Rennen in der Saison 2018 blickte Aprilia auf die WM-Ränge 18 (Espargaró) und 20 (Redding). Aleix hatte fünf Nuller und 13 Punkte vorzuweisen, Scott fünf Nuller – also null Punkte.

Aprilia hat seit dem Weggang von Gigi Dall’Igna nur noch den Superbike-WM-Titel 2014 mit Sylvain Guintoli gewonnen, auf einem Motorrad, dass noch von Dall’Igna gestaltet worden war.

Das Aprilia Racing Team Gresini bestreitet 2018 das vierte gemeinsame MotoGP-Jahr, die Ausbeute und die Performance wird von Jahr zu Jahr trister. Das sind unwiderlegbare Fakten.

Ob Andrea Iannone mit der RS-GP künftig Wunder wirken kann, wird sich zeigen.

Es ist fraglich, denn der personelle Aderlass unter der Aprilia-Technikermannschaft geht an die Substanz.

Nach Dall’Igna nahmen etliche andere Spitzentechniker Reißaus. Im Mai 2017 wechselte MotoGP-Projektleiter Marco Bertolatti für fünf Jahre zu KTM. Er galt als rechte Hand von Albesiano.

Nach der Saison 2016 verabschiedete sich bereits Crew-Chief Diego Gubellini (nach 20 Jahren bei Gresini) zu Marc VDS, Álvaro Bautista nahm seinen Crew-Chief zu Aspar-Ducati mit, und Bradls Chefmechaniker Andrea Bonassoli wechselte zu Pata-Yamaha in die SBK, er arbeitet dort für Michael van der Mark.

Der Personalschwund bei Aprilia nimmt kein Ende. Der deutsche Techniker Marcus Eschenbacher, seit dem Saisonstart 2017 Crew-Chief bei Aleix Espargaró, wechselte nach dieser Saison zu Red Bull KTM und arbeitet dort für Johann Zarco. Er wird vom finnischen Electronic-Engineer Erkki Siukola zu Zarco begleitet, der schon für Ben Spies gearbeitet hat und in der Moto3-Klasse für das Husqvarna-Ajo-Werksteam, eher er bei Aprilia landete.

Wer soll jetzt bei Aprilia noch ein Motorrad bauen, das näher an die Siegermaschinen von Honda, Ducati, Yamaha und Suzuki heranrückt?

Aprilia: In der MotoGP-WM überfordert?

Immer deutlicher zeichnet sich ab, dass Aprilia im Piaggio-Konzern die finanziellen Mittel fehlen, um gegen die anderen fünf MotoGP-Hersteller zu bestehen.

Wäre es für Aprilia Racing nicht besser, sich andere Bestätigungsfelder zu suchen? Sogar Triumph hat momentan im GP-Sport ein besseres Renomee.

Neuling KTM besiegte Aprilia 2017 Jahr schon im ersten Jahr in der MotoGP-Marken-WM; 2018 ging dieses Dilemma für die Italiener weiter. Dabei mischt KTM in unzähligen anderen Rennserien erfolgreich mit.

Den Italienern fehlt wegen der mangelnden Erfolge ein zahlungskräftiger Sponsor. Die zahlreichen Defekte (auch im vierten Jahr) deuten auf eine verbesserungsfähige Qualitätskontrolle hin. Manche Weiterentwicklungen werden offenbar zu rasch in den Rennbetrieb übernommen, ohne ausgiebige Ausdauertests.

Wenn von neuen Motoren gesprochen wird, sind das meist nur frisch aufgebaute Triebwerke, echte Updates sind Mangelware.

Ein Testteam, das seinen Namen verdient, hat Aprilia in der MotoGP-WM seit 2015 bisher nie gehabt. 2016 erwies sich Testfahrer Mike di Meglio als Reinfall. 2017 sollte Eugene Laverty diese Aufgabe übernehmen, aber er hatte neben der Superbike-WM nie Zeit und 2017 in Sepang auch keine Lust, für den verletzten Aleix Espargaró einzuspringen. Es ging wohl ums Geld.

Für 2018 wurde Matteo Baiocco als MotoGP-Testfahrer von Aprilia engagiert. Eine Lachnummer. Diese Neuigkeit rief bei den Mitbewerbern nur ein mitleidiges Grinsen hervor. Mit Bradley Smith wurde jetzt endlich ein kompetenter Testfahrer engagiert.

Kein Wunder, wenn Aleix Espargaró in der Saison 2018 mehrmals lautstarke Kritik äußerte. Der spanische Aprilia-Werkspilot erklärte schon 2017 am Sonntag nach dem Motorschaden beim Catalunya-GP, er habe bei den letzten drei Grands Prix vier 1000-ccm-V4-Motoren der Aprilia RS-GP 17 zerstört. Damals wurde befürchtet, das erlaubte Motorenkontengent von neun Triebwerken könne bis Saisonmitte aufgebraucht sein.

«Wir haben nur zwei Motorschäden gehabt, das ist schon schlimm genug», beschwichtigten Aprilia-Elektronik-Chef Paolo Bonora (er ist der Erfinder der hauseigenen APX-ECU) und Espargaró-Crew-Chief Marcus Eschenbacher damals gegenüber SPEDWEEK.com. «Ein Motor ging in Le Mans kaputt, einer im Rennen von Barcelona. In Mugello handelte es sich nicht um einen Motorschaden, dort hat uns das Getriebe im Stich gelassen. Dazu kam ein Motorschaden bei den Wintertests.»

Aprilia-Racing-Manager Romano Albesiano stellte 2017 klar: «Wir haben ein Problem mit dem pneumatischen Ventil, das die Motorschäden herbeiführt. Dieses Problem existierte 2016 nicht.»

Es tauchte erst auf, als Aprilia dem Motor mehr Power und eine höhere Drehzahl abverlangte. Es sei auch die Qualitätskontrolle nicht auf dem letzten Stand, es könnten nicht genügend Ausdauertests auf dem Prüfstand gefahren werden – weil die Zeit davonlief und dringend bessere Resultate benötigt wurden, war zu hören.

Blamable Verkaufszahlen

Aprilia nennt für die MotoGP-WM keine Budgetzahlen, man blickt aber neidvoll auf KTM. Dort gab Firmenchef Stefan Pierer ohne Umschweife preis: «Man braucht für die MotoGP 30 Millionen Euro im Jahr.»

Aber KTM verkauft halt 265.000 Motorräder im Jahr. Aprilia nennt keine Verkaufszahlen mehr, denn sie sind blamabel.

Heute ist klar: Aprilia Racing verfügte 2016 über eine deutlich schlagkräftigere Fahrerpaarung als 2017 und 2018. Álvaro Bautista kassierte damals zehn und Stefan Bradl sechs Top-Ten-Ergebnisse ein. Bautista und Bradl beendeten die WM 2016 auf den Rängen 12 und 16. Seitdem geht es bergab. Nachweislich. Zur Erinnerung: Espargaró wurde danach WM-15. und WM 17.

Dabei Albesiano erklärte vor dem Saisonstart 2016: «Da die neue Maschine erst mit erheblicher Verspätung fertig wurde, müssen wir die ersten drei Grand Prix als Testfahrten betrachten. Und es wird bis zur Saisonmitte dauern, bis wir die neue Einheits-ECU von Magneti-Marelli verstehen.»

Die neuen RS-GP-Motoren von Aprilia leisteten im Frühjahr 2016 nur 245 PS, wie Marcus Eschenbacher damals nach einem Prüfstandtest erschüttert berichtete, Ducati verfügte über 30 bis 40 PS mehr. Deshalb ging Aprilia auf dem schnellen Red Bull Ring mit dem steilen Bergaufstück vor Turn 3 gnadenlos unter. Vor dem Rennen ließ Albesiano beim. IRTA-Test sicherheitshalber die Zeitnahme-Transponder abbauen, weil er sich gegenüber KTM nicht blamieren wollte. Seine engsten Mitarbeiter schüttelten den Kopf.

Ein Blick auf die Performance des nach zwei Jahren unermüdlicher Entwicklungsarbeit entlassenen Bautista muss den Aprilia-Verantwortlichen Kopfweh verursachen. Der Spanier schüttelte 2017 und 2018 mit einer Ducati des Aspar-Teams von Jorge «Aspar» Martinez die Top-Ten-Ränge nur so aus dem Ärmel.

Das heißt: Die Gebrauchtmaschinen von Ducati sind schlagkräftiger als die neuesten Werksmotorräder von Aprilia, Bautista bewies das 2018 mit zwei fünften Plätzen und dem zwölften Gesamtrang. Nicht verwunderlich, wenn Aprilia bisher kein Kundenteam fand.

Unfassbar: In Barcelona 2017 wurde Aprilia-Werkspilot Sam Lowes von sechs Ducati besiegt!

Klar, es gab bei Aprilia Racing einsame Lichtblicke wie den sechsten Rang in Katar 2017 oder sechsten Platz in Aragón 2018. Aber Bradl war 2016 in Las Termas auch Siebter, Bautista damals sogar zweimal.

Es wäre schön für die Fans, wenn Aprilia bald wieder öfter in den Top-Ten ins Ziel kommen und der Niedergang der Marke gestoppt würde. Aber es scheint überall zu mangeln – am Know-how, am Budget und am Konzept.

Der Niederländer Jan Witteveen hat als Aprilia-Renndirektor von 1989 bis 2004 mehr als 120 GP-Siege gefeiert und fast 50 WM-Titel gewonnen. Er wundert sich über die seltsame MotoGP-Strategie von Aprilia Racing. «Warum sind sie 2015 ein Jahr früher als geplant in die MotoGP zurückgekehrt? Noch dazu mit einer nicht konkurrenzfähigen Claiming-Rule-Maschine mit Superbike-Motor? Dadurch haben sie gar nichts gelernt. Denn 2016 kamen neu die Michelin- statt der Bridgestone-Reifen und die Einheits-ECU von Magneti Marelli statt der hauseigenen APX-Elektronik.»

Aber Colaninno wollte damals vermutlich trotzig zeigen: Aprilia kann auch ohne Gigi Dall’Igna Spitzensport betreiben. Wegen der sinnlosen Rennaktivitäten 2015 wurde aber der neue V4-Rennmotor mit vier Monaten erst kurz vor dem Jahreswechsel Verspätung fertig, darunter litt die erste Saisonhälfte 2016.

Übrigens: Aprilia hat als einziger der sechs MotoGP-Hersteller keinen eigenen Startplatz, man hat die Startplätze von Gresini quasi gemietet. Nachhaltigkeit sieht anders aus.

Aprilia Racing hat unter Albesiano bei den Personalentscheidungen in den letzten drei Jahren nicht immer eine glückliche Hand bewiesen. Für 2015 wurde Marco Melandri für die MotoGP-WM zwangsverpflichtet, er wollte aber lieber die Superbike-WM gewinnen, 2014 war er bei Aprilia gegen Guintoli ausgespielt worden. Er betrieb dann bei Aprilia in der MotoGP-WM 2015 quasi Arbeitsverweigerung und wurde im Sommer durch Bradl ersetzt. Dass Lowes 2017 nicht stärker sein würde als Bautista und Bradl, konnte man sich ausmalen.

Dass Melandri auf der Ducati Panigale mit 35 Jahren in der Superbike-WM den Aprilia wieder regelmässig gnadenlos um die Ohren fuhr, ist auch keine Übertreibung.

Bei Aprilia existiert also viel Spielraum für Verbesserungen. Das lässt sich nicht leugnen, wenn man die Situation ehrlich analysiert. Ob die Geduld von Colaninno ausreicht, wird sich zeigen.
Eine weitere Saison wie 2018 darf sich die Mannschaft von Romano Albesiano nicht mehr erlauben.

Übrigens: Albesiano behauptete schon beim ersten Sepang-Test im Februar 2015 und beim Sachsenring-GP 2016: «Unser Motorrad hat keine Schwachstellen.»

Ducati ist zuletzt zweimal Vizeweltmeister geworden. Trotzdem hat der ehemalige Aprilia-Chefkonstrukteur Gigi Dall’Igna dort noch nie ansatzweise einen ähnlichen Unsinn verzapft.

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