Hervé Poncharal/Tech3: «Viele Höhepunkte mit Yamaha»

Von Günther Wiesinger
MotoGP
Nach genau 20 Jahren hat das Tech3-Team die Zusammenarbeit mit Yamaha beendet. Teambesitzer Hervé Poncharal blickt auf eine unvergessliche Ära zurück – mit vielen denkwürdigen Ereignissen und Topfahrern.

Das französische Tech3-Team entschied sich vor einem Jahr zum Wechsel von Yamaha zu KTM. 20 Jahre dauerte die Zusammenarbeit mit dem japanischen Hersteller, zuerst zwei Jahre lang in der 250-ccm-Weltmeisterschaft. Danach 18 Jahre lang in der Königsklasse. Teambesitzer Hervé Poncharal gründete den Rennstall 1989 gemeinsam mit Guy Coulon und Bernard Martignac.

1990 trat das Team, das in Bormes-les-Mimosas in Südfrankreich zu Hause ist, mit Dominique Sarron erstmals in der 250er-WM an.

Vor der ersten Saison mit KTM (in der Moto2- und MotoGP-Klasse) blickt Hervé Poncharal im Gespräch mit SPEEDWEEK.com auf die abwechslungsreichen Yamaha-Jahre zurück.

Hervé, was kommt dir zuerst in den Sinn, wenn du an die Zusammenarbeit mit Yamaha denkst?

Was mir zuerst einfällt ist das erste Zusammentreffen mit dem damaligen Yamaha-Rennchef Iio. Sie haben ihn «Mister 110» genannt. Ich habe ihn in Nizza getroffen, er flog Amsterdam nach Frankreich. Ich war etwas überrascht, als sie mich zum ersten Mal kontaktiert haben. Denn normalerweise warten die japanischen Firmen darauf, dass du auf sie zugehst. Es kommt sehr selten vor, dass sie den ersten Schritt machen. Deshalb war ich wirklich überrascht.

Ich hatte damals nicht die Absicht, HRC zu verlassen, ich war zufrieden mit ihnen.

Aber ich habe dann die Yamaha-Abordnung in Nizza getroffen. Es war am frühen Vormittag, wir haben zuerst schnell ein Mittagessen eingenommen.

Danach habe ich rasch gesehen, wie nett und leidenschaftlich sie waren. Sie haben mir vorgeschlagen, für Yamaha das 250er-Werksteam zu bilden. Sie wollten in die 250er-WM zurückkehren – mit uns.

Nach dem ersten Meeting war ich schon zu 95 Prozent überzeugt. Der erste Schritt war gleich ein Highlight. Dieser Beginn bleibt mir immer in Erinnerung.

1999 war unsere erste gemeinsame Saison. Wir haben also genau 20 Jahre miteinander verbracht.

Der zweite Höhepunkt nach dem spannenden ersten Treffen war, als sie mir Shinya Nakano als Fahrer angeboten haben. Zuerst wollten sie ihn mir nicht anvertrauen, sie wollten ihn weiter für die «All Japan 250 cc Championship» behalten.

Dann kam es zum unvergesslichen Jahr 2000: Deine Fahrer haben die 250er-WM auf den Plätzen 1 und 2 abgeschlossen.

Ja, wir haben in der 250er-WM einen Doppelsieg mit Olivier Jacque und Shinya Nakano gefeiert.

In der Königsklasse war die Konkurrenz stärker. Du hast viele Topfahrer gehabt in 18 Jahren, von Edwards über Toseland, Spies, Dovizioso und Crutchlow bis zu Zarco und FoIger. Aber für einen MotoGP-Sieg hat es nie gereicht. Wo war Tech3 am knappsten an einem MotoGP-Sieg dran?

In Valencia 2017 hat Johann Zarco um 0,337 sec verloren, er hat bis zur letzten Runde geführt. In Argentinien 2018 haben Johann sogar nur 0,252 sec gefehlt. Das waren wohl die knappsten Niederlagen.

Nach Las Termas 2018 hat Johann zu mir gesagt: «Ich hätte Cal attackieren können, aber es gab einige feuchte Stellen. Ich wollte nicht stürzen und dann blöd dastehen.»

Ja, wir haben nie gewonnen.

Und ich weiß: Das LCR-Team von Lucio Cecchinello hat mit Crutchlow dreimal gewonnen. Ich bin eifersüchtig… (Er lacht).

Ärgerlich: Sogar Marc VDS-Honda hat 2016 als Kundenteam mit Jack Miller im Regen einen Grand Prix gewonnen.

Ja, wir waren manchmal nahe dran. Anderseits: Auch Pramac hat mit Ducati seit 2005 nie gewonnen.

Ich erinnere mich an Dovizioso, ich erinnere mich an Cal. Auch Ben Spies war unglaublich, ich war so stolz, ihn als Superbike-Weltmeister meinem Team zu haben. Er war eine große Nummer.

Die amerikanischen Fahrer waren damals noch etwas ganz besonders. Wir haben ja Kenny, Freddie, Eddie, Wayne, Kevin und alle andern erlebt.

Als Ben zu uns kam, kannten ihr sein riesigen Talent. Es war unbeschreiblich.

Nach wenigen Rennen stand er 2010 in Silverstone und Indy bereits auf dem Podium. Man konnte sehen, wie leicht ihm diese Ergebnisse fielen. Er musste nicht einmal pushen, sein Talent war herausragend.

Was ist dann mit ihm schiefgelaufen?

Ich weiß es nicht. Am Ende der Saison 2010 war er in perfekter Verfassung. Er ist ins einer Debütsaison gleich WM-Sechster geworden. Danach ist er ins Werksteam gekommen. Von da an lief einiges falsch.

Cal war auch ein unglaublicher Mensch, vom Charakter her genauso wie von seinem Speed auf der Strecke.

Ich habe ihn geliebt, weil er wie ein Löwe kämpft. Er ist ein Tier. Das gefällt mir.

Wir haben oft Auseinandersetzungen gehabt. Keinen Streit, aber Meinungsverschiedenheiten. Er ist eine starke Persönlichkeit. Mit manchen Fahrern kannst du dich unterhalten, aber es kommt nichts dabei raus, nur Leere.

Aber Cal ist nicht gerade der Meister der Diplomatie.

Ich weiß. Aber das gefällt mir.

Vor der Saison 2017 hast du geglaubt, mit den zwei Rookies Zarco und Folger wirst du kaum in die Top-15 kommen. Denn inzwischen gab es sechs Werksteams mit zwölf Piloten, dazu Crutchlow bei LCR, Petrucci bei Pramac, Miller bei Marc VDS und so weiter.

Ja, sicher, das Fahrerduo 2017 mit Johann und Jonas war unglaublich. Diese zwei Neulinge haben beide bei ihren Heimrennen einen zweiten Rang erreicht; Johann in Le Mans, Jonas auf dem Sachsenring.

Das war unglaublich.

Mit Johann hat Tech3 nach all den Jahren das erste Podium beim Heim-GP in Le Mans erreicht – vor all den Tausenden Fans.

Ich dachte, diese Performance lässt sich nicht übertrumpfen. Aber dann haben wir das Ergebnis beim GP von Deutschland wiederholt. Buhhh. Ich war begeistert.

Ich habe so viele gute Erinnerungen an die Yamaha-Zeit.

Es kamen bei Yamaha viele namhafte Rennmanager zum Vorschein. Nach Iio hatten wir mit Nakashima zu tun, Yoda, Takasaki, viele ganz besondere Ingenieure. Eine ganze Reihe.

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