Amerika und der «unsichtbare Feind»: Besorgnis wächst

Von Günther Wiesinger
MotoGP
In New York sind die Fallzahlen dramatisch gestiegen

In New York sind die Fallzahlen dramatisch gestiegen

In Europa darf zwischen Mitte April und Mitte Mai mit einer Eindämmung der Corona-Pandemie gerechnet werden, lauten die Prognosen. In den USA wird inzwischen von Krieg gesprochen.

Da uns Motorsportler natürlich auch in diesen schlimmen Zeiten die Frage beschäftigt, wann die Infektionswelle in den unterschiedlichen Ländern in Europa ihren Höhepunkt erreichen wird, werfen wir täglich einen Blick in die weite Welt. Denn nur wenn wir berücksichtigen, was in China, Amerika, Indien, Australien, Brasilien, in Kanada, in den USA und anderen Ländern und internationalen Drehscheiben wie Singapur passiert, können wir uns ein Bild verschaffen.

Die SPEEDWEEK.com-Redaktion verfügt dank unserer Print-Vergangenheit seit Jahrzehnten über ein weltweit einzigartiges Netzwerk an Korrespondenten, Fotografen und freiberuflichen Mitarbeitern, die alle weitgereist und weltoffen sind, die weitgehend frei von seltsamen Ideologien sind und die Situation mit wachem Auge beobachten und analysieren.

Dieses globale Netzwerk erweist sich in dieser Phase der Covid-19-Verbreitung von unermesslichem Nutzen. Es spannt sich von Indonesien und Malaysia über Neuseeland bis Südafrika, von Brasilien und Kanada bis Finnland.

So erhalten wir zeitnahe Neuigkeiten und Bestandsaufnahmen aus vielen Ländern, die im Motorsport eine relevante Rolle spielen.

Da wir in vielen Ressorts über Redakteure und feste freie Mitarbeiter verfügen, die seit Jahren pausenlos an die Rennstrecken dieser Welt reisen, haben wir auch einen direkten Draht zu wichtigen Entscheidungsträgern, zu den Teams, Fahrern, Veranstaltern und Sponsoren.

Deshalb liefern wir auf SPEEDWEEK.com nicht nur im Winter (in der angeblich toten Saison) gelegentlich lesenswerte Nachrichten, sondern auch in Zeiten einer weltweiten Pandemie.

Wir sammeln Informationen, analysieren und kommentieren sie. 

Deshalb gaukeln wir unseren Usern kein sinnloses «best case»-Szenario vor, sondern wir bemühen uns um Aufklärung und faktenbasierte Informationen.

Die Politik kann nicht ignoriert werden

Wenn sich manchmal politische Statements in die Berichterstattung mischen, dann bitte ich um Verzeihung, denn momentan gehen die Emotionen hoch. Nicht nur, weil jeder Mensch den ersten Tag der Normalität herbeisehnt, sondern auch, weil in manchen Ländern zu spät reagiert wurde, was viele Menschenleben kostet.

Italien werfe ich am wenigsten vor, denn Ende Februar wurde die Epidemie noch von den meisten Menschen in Europa auf die leichte Schulter genommen. Und damals ahnte niemand, wie stark sich der Virus bereits in Norditalien eingenistet hatte.

Ich habe mich selbst bis 20. Februar zum Rennradtraining in Ligurien in Italien aufgehalten. Bis dahin waren im ganzen Land nur 200 Personen positiv getestet.

An dieser Stelle empfehle ich den Donald-Trump-Anhängern eindringlich, die restlichen Textabschnitte zu überspringen und sich einer anderen Beschäftigung zuzuwenden.

Fakt ist: Der US-amerikanische Regierungschef belügt seine Bürger seit Wochen täglich. Die Vereinigten Staaten haben deshalb bereits in der Hitparade der meisten aktiven Covid-19-Fälle den ersten Platz übernommen.

Trump hat nach den ersten 15 bestätigten Fällen in den USA noch prophezeit, der Spuk werde in zwei Wochen vorbei sein.

Trump kündigte am 25. März an, man werde die in acht (von 50) Bundesstaaten verhängten strengen Maßnahmen zu Ostern aufgeben. «Because it is a beautiful date», lautete die einleuchtende Begründung.

Trump sprach noch vor zwei Tagen davon, es gäbe nur einzelne Hotspots, es gäbe keinen Grund zur Besorgnis.

Trump trug gestern bei seiner täglichen Pressekonferenz (live auf CNN um 23 Uhr) erstmals eine überwiegend schwarze Krawatte, mit zarten dunkelroten Streifen.

Sein unerträgliches Beschwichtigungsprogramm erreichte trotzdem einen neuen Höhepunkt.

Trump erzählte, er habe den Defence Protection Act (DPA) aktiviert, eine Art Kriegsgesetz, und dadurch werde er den Automobilgiganten General Motors zur Herstellung von Atemschutzgeräten zwingen. «Sie haben sich gesträubt, sie wollten viel Geld damit verdienen, jetzt zwingen wir sie zur Produktion. Wir werden so viele ‚ventilators‘ herstellen, dass wir auch unser Freunde in Großbritannien, Italien, Deutschland und so weiter beliefern können, in beliebiger Stückzahl. Ich habe GM gesagt, sie sollen im stillgelegten Werk in Ohio produzieren.»
Hörte sich großartig an.

Doch die Wahrheit sieht anders aus. General Motors hat das zugesperrte Werk in Ohio 2019 verkauft.

GM hat längst angeboten, die Masken zum Selbstkostenpreis zu produzieren. Aber es müssen Produktionslinien umgebaut und Komponenten in hoher Stückzahl eingekauft werden. Der GM-Chef kündigte an: «Wir hoffen, in 100 Tagen ca. 100.000 Stück herstellen zu können.»

«Wir brauchen sie jetzt», schreit der Bürgermeister von Los Angeles um Hilfe. In seiner Riesenstadt hat sich die Anzahl der Infizierten in einer Woche verdreifacht!

Trump verzapfte auch: «Die Behörden in New York haben von uns eine ausreichende Anzahl von Atemschutzmasken erhalten. Aber sie wurden im Lagerhaus nicht abgeholt.»

NYC-Bürgermeister Bill de Blasio konterte postwendend: «Diese 2500 Stück haben wir längst in Verwendung. Wir brauchen weitere 25.000. Heute!»

Nicht nur das. Atemschutzmasken müssen in New York vom medizinischen Personal bereits fünf Tage lang verwendet werden. Normal sollten sie nach einem Tag vernichtet werden.

Selbst die engsten Berater sowie Gouverneure und Senatoren aus der eigenen Partei widersprechen Trump pausenlos. Er sei ahnungslos und unterinformiert («under informed») geben sie zu Protokoll. Die Trump-Hoffnung, zu Ostern sei der Spuk vorbei, bezeichneten sie diplomatisch als «aspirative», als ehrgeizig.

Trump posaunte gestern: «Kein Land hat mehr Tests gemacht als die USA.»

Die Wahrheit: In Relation zur Einwohnerzahl hat Südkorea fünfmal so viel getestet und Italien viermal so viel.

Trump sprach gestern zwischendurch von einem «horrible virus».
Aber sobald er sein Skript beiseite legt, wird er nur von seinen Instinkten übermannt, dann schaltet er in den Wahlkampfmodus, dann schimpft er über die Fake-News-Medien, dann blitzt seine Verachtung gegen General Motors durch und seine Bewunderung für Boeing, dann schildert er, dass ihm Obama einen Scherbenhaufen überlassen hat.

Er trauert minutenlang dem Börsensturz nach, statt seinen Bürgern Hoffnung zu geben und Leadership zu zeigen.

Die zutiefst besorgte demokratische Gouverneurin von Michigan bezeichnet er nur als «this woman».

Während selbst Trumps republikanischen Parteifreunde sagen «Wir befinden uns mitten in einem Hurrikan» und während Dutzende Krankenschwestern im TV mit der Aussage «Wir ziehen in den Krieg und sind völlig unbewaffnet» aufrüttelnde Worte finden, trauert Trump öffentlich dem vielen Geld nach, das ihm angeblich durch die Politikkarriere durch die Lappen geht.

Dazu fantasierte Trump gestern zur besten Sendezeit, Amerika werde in kurzer Zeit einen wundervollen Wirkstoff herbeizaubern.

Aber die Experten schärfen uns seit Wochen ein: Das dauert sechs, zwölf oder 18 Monate. Und die Klinikchefs in Amerika klagen: «Unsere Krankenhäuser platzen bereits jetzt aus allen Nähten.»

«Wir werden von einem unsichtbaren Feind attackiert, wir wissen noch gar nicht, ob es sich um eine Grippe oder einen Keim handelt», stellte sich Trump gestern auf CNN vor einem Millionenpublikum bloß.

Doch in den drei Monaten seit dem Covid-19-Ausbruch in Wuhan hat jeder halbwegs aufgeweckte Schulanfänger gelernt: Ein Virus ist keine Grippe, kein Lebewesen, kein Keim, er wird als Mikroorganismus bezeichnet, der ohne Wirt nicht überleben kann. Die Viren sind darauf programmiert, ihr Erbgut in andere Zellen einzuschleusen, um sich vermehren zu können. Dazu brauchen sie menschliche Schleimhäute, im Mund oder in der Nase. 

Die Verbreitung kann bisher nur durch Abstandhalten, Verringerung der Sozialkontakte («stay at home»), ein Verbot von Großanlässen, durch Ausgangsbeschränkungen, drakonsiche Ausgehverbote und so weiter wirksam bekämpft werden. Bis zum US-Krisenstab hat sich diese Erkenntnis noch nicht durchgesprochen. Bei den Pressekonferenzen stehen bis heute sechs bis acht Personen auf zwei Quadratmetern nebeneinander.

Microsoft-Gründer Bill Gates, der schon 2015 bei einem Kongress eindringlich vor der Gefahr einer Pandemie gewarnt hat, schüttelt nur noch den Kopf. «Der Feind war nicht unsichtbar. Er hat sich vor drei Monaten von China aus auf den Weg gemacht», warf der weitsichtige Milliardär ein.

Ja, ich verstehe die Frage, was all diese Erläuterungen mit dem Motorsport zu tun haben.

Ziemlich viel.

Denn die USA sind die größte Wirtschaftsmacht der Welt. Deshalb kennen wir den Slogan: Wenn Amerika niest, bekommt der Rest der Welt einen Schnupfen.

Es beunruhigt mich, wenn dieser größte Handelspartner wegen des präsidialen Leichtsinns auf unbestimmte Zeit die Grenzen dicht machen muss. Denn auch die Autofirmen, Motorradhersteller und Zubehörfirmen, Schmierölerzeuger, Reifenhersteller und so weiter, erzielen einen erheblichen Teil ihrer Umsätze in den Vereinigten Staaten. Eine schlimme Rezession in den USA könnte auch im Motorsport zu einer endlosen Serie von Absagen, Teampleiten und Rückzugs-Serien der Werke und Sponsoren führen, in allen Disziplinen.

Doch Trump redet sich die Welt auch heute noch schön.

«Unser Präsident ist jetzt Kriegsherr», stellte ein Berater gestern fest.

«Die Sterblichkeitsrate ist gering, sie liegt nur bei 0,5 Prozent», hielt Donald Trump gestern fest.

Als Immobilien-Tycoon sollte er zumindest die Grundrechnungsarten beherrschen.

Amerika hat 330 Millionen Einwohner. Wenn sich nur 50 Prozent der Bevölkerung infizieren und 0,5 Prozent der Tod ereilt, wären 825.000 Menschen tot. Zehn Prozent wären immer noch 82.500.

Das hätte mittelfristig vermutlich schlimmere Auswirkungen als 9/11 und die globale Wirtschaftskrise 2008/2009 zusammen.

Dann können die Wirtschaftstreibenden auf der ganzen Welt schwarze Krawatten tragen.

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