Formel 1: Urteil zur Ferrari-Kollision

Ducati in der MotoGP: Freiwilliger Abstieg?

Von Günther Wiesinger
Ducati hat seit Oktober 2010 (mit Casey Stoner) kein MotoGP-Rennen gewonnen. Auch die neue GP14 ist nicht konkurrenzfähig. Es gibt nur einen Ausweg aus dem Dilemma.

Der neue Ducati-Corse-Feldherr Gigi Dall'Igna, seit 11. November 2013 in dieser Position tätig und vorher zehn Jahre lang als Renndirektor von Aprilia Reparto Corse für unzählige Siege und WM-Titel (125 ccm, 250 ccm und Superbike-WM) verantwortlich, muss jetzt jene Suppe auslöffeln, die ihm sein Vorvorgänger Ing. Filippo Preziosi im Jahr 2012 eingebrockt hat.

Damals wurden im Herstellerbündnis MSMA (Motorcycle Sports Manufacturer's Association) einstimmig einige folgenschwere technische Reglementsänderungen beschlossen.
1) Ab 2013 dürfen in der MotoGP-Weltmeisterschaft nur noch fünf statt sechs Motoren pro Fahrer verwendet werden.
2) Für 2014 wurde eine Reduktion des Tankinhalts auf 20 statt 21 Liter festgesetzt und ein Einfrieren der Motorentwicklung ab dem ersten Grand Prix.

Wie kann man solche Wünsche und Vorschläge des siegreichen Kontrahenten Honda erfüllen, wenn man zu diesem Zeitpunkt mit den Ducati-Werkspiloten Valentino Rossi und Nicky Hayden pro Runde im Schnitt 1,5 und mehr Sekunden einbüsste und von Podestplätzen im Trockenen – im Normalfall – nicht einmal träumen konnte?

Hat Preziosi damals geträumt, er werde 2013 nach dem Loswerden Rossis wieder auf die Siegerstrasse zurückkehren und unter diesen Massnahmen deshalb 2014 nicht leiden müssen? Wir wissen es nicht.

Prezioso wurde als General Manager bei Ducati Corse vor mehr als einem Jahr entlassen; Ex-BMW-Rennchef Bernhard Gomeier übernahm seine Position. Inzwischen ist Gigi Dall'Igna am Ruder. Er gilt als genialer Macher, konnte aber in den zwei Monaten seit seiner Amtsübernahme keine Wunder wirken, sondern an der Ducati Desmosedici GP14 für den ersten Sepang-Test der letzten Woche nur «kosmetische Änderungen» anbringen, wie er einräumte.

Immerhin ein Lichtblick: Andrea Dovizioso rückte auf Platz 7 vor, mit 0,837 sec Rückstand.

Doch es gibt viel zu tun: Die anderen Ducati-Werksfahrer Iannone, Crutchlow und Pirro trudelten auf den Rängen 10, 12 und 15 ein.

Das schon von Rossi 2011 und 2012 kritisierte lästige Untersteuern existiert immer noch. «Wir haben 20 bis 30 Probleme zu lösen. Und Untersteuern kann man nicht mit einem Zaubertrick beseitigen; das kann viele Ursachen haben», erklärte Gigi Dall'Igna in Malaysia gegenüber SPEEDWEEK.com.

Die neue Ducati GP14 ist ein Problemfall

Der Ducati-Heilsbringer steckt in einem Dilemma. Er soll Ducati wieder aufs Podest bringen und am liebsten die glorreiche Ära von 2007 wachrufen, als Casey Stoner auf der roten Rakete aus Borgo Panigale die japanische Übermacht blamierte.

Aber die GP14 ist ein Problemfall. Und die Motorenentwicklung wird ab Mitte März (Saisonauftakt am 23. März in Katar) eingefroren. «Dann kann ich nicht einmal mehr die Motoraufhängung und die Position des Triebwerks im Chassis ändern», hält Gigi Dall'Igna ernüchtert fest.

Der Italiener hat ein schweres Erbe übernommen. Etliche Stars sind an der schwer fahrbaren Ducati zerschellt: Bayliss, Capirossi, Melandri, Gibernau, Hayden und Rossi. Dovizioso rackert sich nach Leibeskräften ab. Der teure Neuzugang Crutchlow steht bisher klar in Dovis Schatten. Er wurde mit einer Gage von 6 Millionen für zwei Jahre zu Ducati gelockt.

Gigi Dall'Igna weiss: In der Saison 2014 riecht es bei Ducati wieder stark nach Plätzen zwischen 8 und 10. Vier Fahrer von Honda und fünf von Yamaha scheinen übermächtig. Dazu sind schon einige grosse Sponsoren abgesprungen, was 2013 eine schmerzhafte 7-Mio-Euro-Lücke ins Budget riss. Und Ende 2014 läuft auch der hoch dotierte Marlboro-Vertrag aus. Der neue Eigentümer Audi, der Ducati 2012 um rund 750 Millionen Euro geschluckt hat, wird langsam ungeduldig.

Dall'Igna ist also zum Erfolg verdammt. Er muss zurück aufs Podest, und zwar dalli-dalli, wenn dieses Wortspiel erlaubt ist. Er hat jetzt einen Ausweg gefunden: 2014 existiert nämlich in der MotoGP-WM neben den Werksteams (bisher fahren vier Honda und vier Yamaha und drei Ducati im Factory Status) erstmals die neue Open Class, eigentlich für arme Privatteams vorgesehen. An dieser Arme-Leute-Kategorie kann sich jedes Team beteiligen, das die neue Einheits-Elektronik von Magneti Marelli verwendet. Wer im Factory-Format antritt, kann zumindest seine eigene Software benützen.

Der grosse Anreiz: Die Open-Fahrer bekommen 24 statt 20 Liter Sprit für die bis zu 120 km langen Rennen, müssen also die 260-PS-1000-ccm-Motoren nicht abmagern. Dazu gibt es zwölf statt fünf Motoren, die Motorenentwicklung wird nicht eingefroren. Und als Draufgabe erhalten die Fahrer weichere Hinterreifen, die zumindest im Qualifying und im ersten Renndrittel 0,6 bis 0,8 sec pro Runde bringen.

Es wird kein eigenes Klassement veröffentlicht und keine eigene Siegerehrung gemacht. Es wird dem Publikum also gar nicht auffallen, ob Ducati diese verlockenden Annehmlichkeiten nützt oder nicht.

Aber für das Renommee des Hauses Ducati, das sich gerne mit Ferrari vergleicht, wäre ein Wechsel ins Open-Format ein endgültiges Eingeständnis des technischen Unvermögens. Eine Teilnahme an der Open Class wäre vergleichbar mir einem freiwilligen Abstieg von Bayern München in die dritte Liga – bei unverändertem Budget. Dann würde man sich auf das Niveau von Teams wie Avintia und PBM begeben, die mit dem Ducati-Jahresbudget zehn Jahre lang fahren. Aber in der Not frisst der Teufel Fliegen. Und der neue Ducati-Slogan liegt auf der Hand: «Rückstand durch Technik».

Diesen hat sich Ducati eingehandelt, weil das Motorrad nie den neuen Anforderungen der Bridgestone-Einheitsreifen angepasst wurde, die es seit 2009 gibt. Und weil Preziosi im Jahresrhythmus vom bewährten Stahlrahmen auf ein unbrauchbares Karbon-Monocoque wechselte und sich dann von Rossi in ein Alu-Chassis-Konzept zwingen liess, wie es auch die Japaner verwenden, für das aber bei den Roten kein Know-how existiert.

Es bleibt keine Wahl

Durch diese Fehler der Vergangenheit bleibt Ducati gar keine andere Wahl, als den Weg Richtung Open Class zu wählen.

Der virtuose Gigi Dall'Igna hat eine Sisyphusarbeit am Hals. Aber er bleibt ruhig und benimmt sich auch in seiner delikaten Situation wie ein Gentleman. «Ich darf Filippo Preziosi nichts ankreiden. Er hat die MotoGP-WM schon gewonnen, ich nicht», erklärte der ziegenbärtige Erfolgskonstrukteur.  

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