Wenn Motocross auf MotoGP trifft

Kolumne von Michael Scott
MotoGP
Durch einen Regenschauer direkt vor dem Start des MotoGP-Rennens auf dem Sachsenring entstand große Verwirrung. Viele Fahrer wechselten vor dem Start das Motorrad und fuhren aus der Boxengasse los.

Es hieß immer, dass Fahrer mit Dirt-Track-Hintergrund die besten Voraussetzungen für den GP-Rennsport haben. Am Sachsenring änderte sich das. Motocross-Kenner hatten einen entscheidenden Vorteil. Dies war, Dank eines beispiellosen und für einige höchst amüsanten Massenstarts aus der Boxengasse, der Fall.

Die Ausfahrt der Boxengasse ist auf dem winzigen deutschen Kurs besonders eng. Sie erste Kurve wird noch enger. Die Piloten versuchten sich nebeneinander zu quetschen und warteten auf das grüne Licht. Fünf Fahrer drängten sich in einer Reihe. Stefan Bradl und die acht Fahrer am Ende der Startaufstellung brausten mit großem Vorsprung in die enge erste Kurve. In der Boxengasse schmiegte sich Ellbogen an Ellbogen, Knie an Knie und Schulter an Schulter. Einige entkamen nur knapp einer Kollision, als sie in die erste Kurve einbogen und ihre Karbonbremsen zogen. Sie mussten feststellen, dass sie zu kalt waren, um wie vorgesehen zu funktionieren.

Großartige Unterhaltung

Es war keine Überraschung, dass Ex-Motocrosser Márquez versicherte, dass er den Start genossen hat. Doch als der Adrenalin-Rausch des Rennens abflaute, stimmte er seinen Kollegen zu, dass der Start unfair und gefährlich war. Grund für diese seltsame Startphase war das wechselhafte Wetter, welches mit dem stets wachsenden und sich verändernden Regelwerk kollidierte. Dieses Kapitel des Regelbuchs wurde in den letzten zehn Jahren mehrmals verändert, um zu vermeiden, dass Wetterveränderungen nicht die unflexiblen TV-Zeitpläne über den Haufen werfen. Dieses Problem existiert, seit Mitte der 1970er die Slick-Reifen eingeführt wurden. Sie sind im Regen tödlich.

Nach einigem Hin und Her wurde ein System entwickelt, wie Rennen gestoppt und neu gestartet werden können. Die Ergebnisse wurden durch kombinierte Zeitenlisten ermittelt. Es war eine Zeitverschwendung und schwer zu verstehen, denn der Führende auf der Strecke war manchmal nicht der Sieger. Doch es war sicherer, denn der Führende entschied über den Rennabbruch. Er konnte jederzeit seine Hand heben, wenn es auf der Strecke zu gefährlich wurde. Für die TV-Sender war es jedoch ein Desaster. Die Entscheidung der Fahrer konnte nicht länger über die Pläne der TV-Sender gestellt werden, da jedes Mal viel Geld auf dem Spiel stand. Daher folgte ein Durcheinander verschiedener Pläne. Eine Idee war ein Pace-car, das den Fahrern erlaubt hätte, die Reifen zu wechseln, solange es um die Strecke kreist. Dieser Plan scheiterte beim ersten Test.

Es folgte eine neue Regelung: Das Rennen wurde abgebrochen, schnell die Reifen gewechselt und ein Sprintrennen über wenige Runden gestartet, das die endgültigen Platzierungen brachte. Dieses System funktioniert ziemlich gut und wird heute noch in der Moto3- und Moto2-Klasse eingesetzt.

Für die Saison 2005 hatte jemand eine bessere Idee: Flag-to-Flag-Rennen über die gesamte Distanz. Wenn sich die Wetterbedingungen ändern, können die Fahrer an die Box kommen und auf ihr Ersatzbike wechseln. Auf diese Weise können sie die gesamte Renndistanz absolvieren.

Es funktionierte in vielerlei Hinsicht gut. Zudem machte es Spaß, das anzusehen. Doch es war von Anfang an nervenaufreibend. Schwierig wurde es erstmals 2006 in Australien. In der engen Boxengasse von Phillip Island waren die kollisionsvermeidenden Manöver spektakulär und erfolgreich. Der TV-Plan blieb unbeeinträchtigt. Alle waren zufrieden.

Seit damals gab es, bis Assen vor einigen Wochen, nur einen wirklich wetterbedingten Bike-Wechsel: in Le Mans. Es bleibt eine seltene Begebenheit. Doch es kommt vor. In Deutschland bot sich ein sehr gutes Beispiel für das Gesetz der unbeabsichtigten Konsequenzen.

Wie beim Motocross

Ein starker Regenschauer fand direkt vor dem Start sein Ende. Die Strecke trocknete schnell auf. Die acht Fahrer im hinteren Startfeld hatten nichts zu verlieren und starteten mit ihren Trocken-Bikes, die mit Slicks, einer härteren Dämpfung und Karbonbremsen ausgestattet sind. Stefan Bradl, der in Reihe 1 stand, ließ in der Startaufstellung auf Slicks wechseln, obwohl die Maschine ansonsten für nasse Bedingungen abgestimmt war. Die Änderung des Set-ups dauerte zu lange und die Gabelfedern konnten nicht mehr gewechselt werden. Ein großes Problem.

Der Rest der ersten fünf Reihen war auf Regenreifen unterwegs, was sich bereits in der Aufwärmrunde als falsch erwies. Während Bradl und die anderen acht Fahrer in der Startaufstellung standen, fuhren die anderen 14 in die Box. Sie nahmen den Start aus der Boxengasse, der etwas zehn Sekunden kostet, in Kauf, um auf das Trocken-Bike zu wechseln.

Die hart erkämpften Startplatzierungen hatten keine Bedeutung mehr, als sich die Fahrer am Ausgang der Boxengasse nebeneinander drängten. Pedrosa hatte sich für die zweite Reihe qualifiziert und fand sich nun hinter fünf Fahrern wieder, die sich in die erste Reihe gerempelt hatten: Dovizioso, Rossi, Aleix Espargaró, Iannone und Márquez. Das Problem mit den kalten Bremsen sorgte dafür, dass Rossi nach dem Start weit gehen musste und Lorenzo beinahe in die anderen Fahrer raste. Er betonte auch das Risiko mit kalten Reifen.

Pedrosa beklagte sich über die Ungerechtigkeit dieses Starts und teilte auch die Sicherheitsbedenken der anderen Fahrer. Es war wie beim Motocross- Ein seltener Anblick. Neun Jahre mussten vergehen, um dieses Problem offenzulegen. Doch es muss eine Lösung her. Die Renndirektion muss wohl eine bessere Ordnung für solche Fälle finden. Das wird wohl einige zusätzliche Seiten im Regelwerk bringen.

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