MotoGP

Bekenntnisse eines gescheiterten Propheten

Von - 16.01.2015 11:45

Wenn man ein paar hundert Motorrad-GP-Rennen gesehen hat, gilt man als allwissend. Aber ich weiss gar nichts, zumindest nicht, was die Zukunft betrifft.

Als MotoGP-Reporter sollte man über gewisse Fachkenntnisse verfügen und gewisse Zusammenhänge durchschauen, man sollte treffliche Kolumne schreiben, manchmal exklusive News auftischen und tiefgründige oder zumindest aufschlussreiche Interviews führen.

Man wird aber von Fans, Rennfahrern oder Teammitgliedern auch immer wieder als Experte herangezogen und sollte am besten die Top-Ten aller drei GP-Klassen für die kommende Saison in der richtigen Reihenfolge vorhersagen.

Aber ich mache einen weiten Bogen um alle Menschen, die sich von mir sinnvolle Aussagen auf die Kräfteverhältnisse in der kommenden Saison erwarten.

Ich selber mache ja auch einen weiten Bogen um alle Experten (oder besser: Scharlatane), die irgendwelche Wirtschaftskrisen vorhersagen, Devisenkurse prophezeien oder Aktienkurse vorherberechnen.

Denn es gibt zwei Arten von Prognostikern: Die, die es nicht wissen, und die, die nicht wissen, dass es sie nicht wissen. (Dieser Satz stammt vom US-Ökonom John Kenneth Galbraith).

Ich weiss, dass ich nichts weiss. Und das ist keine Koketterie.

Eigentlich spare ich mir seit 1982 alle halbschlauen Vorhersagen.
Denn damals habe ich eine umfangreiche Vorschau auf die 500-ccm-Weltmeisterschaft geschrieben und gewissenhaft abgewogen, wer von den Top-Ten der Saison 1981 mehr oder weniger grosse Titelchancen haben könnte.

Am Schluss gewann Franco Uncini auf der Gallina-Suzuki die Weltmeisterschaft gegen alle Stars wie Crosby, Spencer, Roberts, Sheene, Mamola, Katayama, Lucchinelli, Ballington und Ferrari.

Ich konnte nur hoffen, dass sich am Saisonende niemand mehr an meine völlig verfehlten Weissagungen erinnerte.

Franco Uncini (er ist heute Safety Officer im GP-Sport) war im Jahr zuvor auf dem 13. WM-Rang mit zwölf WM-Punkten gelandet. Ein Jahr später erbeutete er 103 Punkte.

Danach vermied ich alle Expertisen, ich flüchtete mich in unverfängliche, nicht sonderlich ernst gemeinte Aussagen. Zum Beispiel: «Wer am Jahresende die meisten Punkte hat, der hat die besten Chancen auf den Titelgewinn.»

In der 125-ccm-Weltmeisterschaft erlebte ich später eine ähnliche Überraschung wie 1982 mit Uncini.

1995 triumphierte Haruchika Aoki (Honda) mit haushoher Überlegenheit in der 125er-WM, er gewann den Titel mit 224 zu 140 Punkten gegen Kazuto Sakata. Dabei war er im Jahr davor nur WM-Zwölfter – mit 59 Punkten und einem Podestplatz.

Spätestens seit diesem Aussenseitererfolg behalte ich meine Wahrscheinlichkeitsrechnungen für mich. Ich sag gar nichts mehr.

Wir erleben jedes Jahr Überraschungen wie beim Moto2-Titelgewinn von Stefan Bradl 2011, unerwartete Verschiebungen von Kräfteverhältnissen wie bei KTM und Cortese 2012, Formtiefs von Ausnahmekönnern wie 2014 bei Lorenzo, dafür frappante Leistungsexplosionen wie bei Jack Miller 2014 und sagenhafte Rookie-Performances wie bei Marc Márquez 2013 und 2014 in der MotoGP.

Diese Liste liesse sich endlos fortsetzen.

Rossis zweijähriges Desaster bei Ducati war in dieser Form nicht zu erwarten. Schliesslich war von einer himmlischen Ehe die Rede. Casey Stoner gewann im Oktober 2010 noch auf der Ducati, Rossi stürzte in Valencia 2010 innerhalb von Rang 3 im Rennen (auf Yamaha) auf Rang 17 beim ersten Ducati-Test ab.

Auch Cal Crutchlows Ducati-Schlamassel nahm abartige Formen an. Dafür wuchs Alex Márquez in der Moto3-WM über sich hinaus, obwohl Teamkollege Rins stärker eingeschätzt wurde.

Eigentlich scheiterte meine Propheten-Karriere schon 1978 – und zwar gründlich.

Damals flog ich mit Kawasaki-Werkspilot Gregg Hansford von Miami nach Caracas/Venezuela zum WM-Auftakt. Am Flughafen wurden wir vom freundlichen Kawasaki-Rennchef Ken Suzuki empfangen.

«Wir haben mit Toni Mang erstmals einen deutschen Werksfahrer. Was können wir von ihm erwarten?», erkundigte sich Suzuki bei mir.

Da mir Toni Mang bis dahin eher als Mechaniker von Dieter Braun und durch seine Trinkfreudigkeit als durch sein Fahrkönnen aufgefallen war, erwiderte ich sinngemäss: «Den kannst du vergessen.»

Der Rest ist bekannt: Toni Mang gewann in den folgenden Jahren für Kawasaki 1980 vier Weltmeistertitel (250 ccm, 350 ccm).

Damals war mein Ruf als Experte besiegelt.

Ich wurde von Jahr zu Jahr kleinlauter, wenn es um Vorhersagen ging.

Echte Kompetenz besitzt man erst, wenn man weiss, wo sie endet.

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