Tavullia: Besuch in der Heimat von Valentino Rossi

Von Günther Wiesinger
Editorial

Valentino Rossi geniesst in Misano den Status eines Motorradgotts. Alles andere als ein Sieg beim Heim-GP wäre eine Enttäuschung für den 36-jährigen Superstar.

Wenn man nur einmal Valentino Rossis Heimatort Tavullia besucht hat, wird man nie mehr die Frage stellen, warum der Superstar seine Startnummer 46 nie gewechselt hat.

Die Nummer 46 hängt in Tavullia in 100-facher Ausführung auf jedem Zaun, auf jedem Verkehrsschild, auf jedem Haus, sie klebt auf jedem Auto, das gilt eigentlich für viele Gebäude in der Region um Riccione, Rimini und Gabicce Mare.

Dazu kommt die dominierende Farbe – Gelb. Diese Gelbsucht ist allgegenwärtig.

Vom Paddock des Misano World Circuits Marco Simoncelli aus ist Tavullia nicht leicht zu finden. Man muss Richtung Cattolica fahren und irgendwann nach einer steinalten Brücke rechts abbiegen; es geht unter der Autobahn durch in den prachtvollen mittelalterlichen Ort San Giovanni, dort sehe ich die ersten Wegweiser: Tavullia, 5 km. Vom Ortszentrum Cattolica bis Tavullia sind keine 8,5 km zu fahren.

Als die rund 4 km lange, sanfte Steigung Richtung Tavullia beginnt, sehe ich links von der Strasse einen Truck mit der Nr. 46. Er steht neben einem modernen Gebäude. Es handelt sich um das riesige Merchandising-Lager des neunfachen Weltmeisters. Die Trucks kreuzen bei jedem europäischen Grand Prix vor Ort auf. Inzwischen befindet sich dort auch die Werkstätte des Moto3-Rennstalls SKY VR46.

Dass in Tavullia Tempo 46 statt Tempo 50 gilt, wie uns im Fernsehen oft erzählt wird, halte ich für ein Märchen. Es wird trotzdem immer wieder verzapft.

Ich erblicke auf den nächsten Metern nach dem Ortsschild von Tavullia Tausende von gelben Startnummern 46, einzeln und auf 50 cm hohen Banderolen, die auf Leitplanken oder Zäunen befestigt werden, einzelne 46-Tafeln auf Bäumen, Laternen, Fahrradständern, in Schaufenstern, an der Kirche, am Hauptplatz, im Fanshop.

Hunderte Rossi-Fans pilgern am GP-Wochenende mit ihren Motorrädern zum Hauptplatz in Tavullia. Hier in diesem Kaff ist der Motorradgott zuhause. Das muss man gesehen haben. Rossi besitzt hier eine Pizzeria, aber gestern Abend fand ausgerechnet in der Via Roma 67 in der «Paride's Pizza» eine Veranstaltung der VR46-Akademie statt, es waren alle Rossi-Schützlinge dort von Fenati über Baldassarri bis Bulega. Dieses Restaurant liegt genau gegenüber der Rossi-Kneipe.

Bar Sport: Spezieller Capucchino

Wer etwas auf sich hält, genehmigt sich im «Café Sport» gegenüber der Kirche einen Capuccino. Die Nr. 46 wird fein säuberlich mit Kakao drüber gestäubt.

Die meisten Touristen, die mit Rossi nichts am Hut haben, passieren Tavullia nur auf dem Weg nach Gradara, wo sie die mittelalterliche Burg sehen wollen. Sie ist rund 5 km entfernt.

Kurz nach der Abzweigung nach Gradara stutzt der aufmerksame Tourist. Was ist da rechts unten zu sehen? Sieht aus wie eine Rennstrecke, aber ohne Asphalt. Ist das die Ranch von Valentino? Wirkt ziemlich riesig. Ich mache ein Foto.

Rossi-Ranch: Jeder ist wllkommen

Iodaracing-Teambesitzer Giampiero Sacchi hat mir einmal eine typische Rossi-Geschichte erzählt. Er kennt Tavullia. «Ich war 1995 Manager von Max Biaggi. Im Winter bin ich damals nach Tavullia gefahren, ich wollte Valentino unter Vertrag nehmen», erzählt er. «Wir haben uns mit seinem Papa auf dem Hauptplatz vor der Kirche getroffen. Ich hatte einen Max-Biaggi-Kleber auf dem Auto. Valentino sagte zur Begrüssung: Reiss diesen Kleber runter, sonst brauchen wir gar nicht zu reden...»

Übrigens: Valentino war damals 12 Jahre alt.

Der Schweizer Randy Krummenacher gehört zu den vielen Gästen, die schon auf Rossis Ranch trainiert haben. Eigentlich ist dort jeder Rennfahrer willkommen – seine Herkunft spielt keine Rolle. Krummi hat Rossi dort sogar schon eine Fingerverletzung zugefügt, als die beiden gemeinsam stürzten. «Valentino hat 80 Motorräder dort», erzählt Randy. «Aber die Piste darf nur am Mittwoch und Samstag betrieben werden.»

Es steht zwar weit und breit nur ein einziges Haus. Und der liebenswerte Eigentümer regte sich während des Baus der Piste nie auf. Als sie fertig war, beklagte er sich über die Lärmbelästigung. Deshalb die eingeschränkten Betriebszeiten.

Zwischendurch komme ich ein bisschen ins Grübeln. Ist schon mal ein Casey-Stoner-Fan nach Kurri-Kurri gepilgert? Wie viele Startnummern 27 fand man im Heimatort des Ende 2012 abgetretenen Weltmeisters während dessen Blütezeit? Hat Stoner jemals einen GP-Kollegen zum gemeinsamen Training eingeladen?

An diesem Wochenende dreht sich in Misano alles um Rossi. Er ist jedermanns Darling; die Belastung muss riesig sein. Jeder will den Superstar sehen, jeder will ein Selfie, ein Autogramm, die Merchandising-Buden werden überrannt. Die Tribünen werden am Sonntag mehrheitlich in Gelb erstrahlen, nur in der «Curva Carro» werden ein paar versprengte Ducati-Fans auf Erfolge von Dovizioso, Iannone, Pirro, Petrucci, Hernandez und Barbera hoffen.

Als Misano 2007 erstmals seit 1993 wieder GP-Schauplatz wurde, pilgerten Tausende Rossi-Fans aus Tavullia in ungefährer Luftlinie (also keine 5 km) über die Hügel an die Rennstrecke. Rossi empfahl ihnen, um 5 Uhr abzumarschieren. So sassen die meisten um 6.30 Uhr frierend, müde und hungrig auf ihren Plätzen...

Trotzdem: Die Bewunderung für Valentino kennt hier keine Grenzen. Sein Status ist der eines Motorradgotts. Als WM-Leader und Vorjahressieger wäre alles andere als ein weiterer Triumph (es wäre der 113.) am Sonntag eine Enttäuschung.

Aber die wahren Rossi-Getreuen sind nicht gnadenlos. Sie werden ihren Helden auch nach einer etwaigen Niederlage mit ungetrübter Hingabe weiter verehren. Aber «The Doctor» will beim Heimrennen nicht Zweiter werden. Nicht nach dieser glänzenden Saison. Nicht in dieser Form.

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