Die WM auf Konkurs-Kurs

Kolumne von Toni Hoffmann
Fédération Internationale de l'Automobile (FIA)

Fédération Internationale de l'Automobile (FIA)

Die allmächtige FIA hat in der globalen Vermarktung und Verwertung der Fernsehrechte der Rallye-Weltmeisterschaft total versagt.

Das Wort «Konkurs» hat den Saisonbeginn der Rallye-Weltmeisterschaft entscheidend und nachhaltig negativ geprägt. Die Rallye-WM und damit die Veranstalter, die Hersteller, die Teams und die sonstigen involvierten Organisationen stehen, und das ist seit Freitagabend amtlich, ohne Promoter und ohne TV-Übertragungen, das wichtigste Marketing-Element, da.

Das bislang damit beauftragte Unternehmen North One Sport erlitt in den Bemühungen, einen globalen Promoter zu finden, Schiffsbruch. Die Verwertung der TV-Rechte, sprich die Berichterstattung der Rallye-Weltmeisterschaft durch North One Sport war ohnehin, gelinde gesagt, sehr bescheiden, in Deutschland nur kurz über Sport1 mit viel Werbung und den bedingt zu empfangenden Bezahlsender Motors-TV.

Die FIA hat sich in diesem Bereich total verrannt. Allein schon die Tatsache, 2000 International Sports Communications (ISC), der Vorgänger-Agentur von North One Sport, die TV-Rechte an der Rallye-Weltmeisterschaft bis 2020 zu übertragen, war verwerflich. Kein klar denkendes Unternehmen bindet sich über einen solch langen Zeitraum an eine vertragliche Zusammenarbeit.

NOS versprach zwar öffentlich viel und versuchte sich als Event-Organisator in Szene zu setzen, doch so überaus erfolgreich waren die Briten nicht. Ihre vorgeschlagenen WM-Termine mussten oft überarbeitet werden. Das TV-Konzept passte hinten und vorne nicht, siehe Deutschland. Und bei den Versprechungen hat sich NOS oft versprochen.

Auch finanziell geriet das Unternehmen im letzten Jahr in Schieflage. Convers Sports Iniatives (CSI) um den dubiosen russischen Magnaten Vladimir Anatov schien mit der Übernahme von NOS der Retter zu sein. Und die FIA nahm dies hin, obwohl sie die Besitzverhältnisse genauer hätte prüfen und einen neuen Vertrag, wegen Änderung der Besitzerverhältnisse, aushandeln müssen. Nichts geschah.

Als Anatov in den Verdacht der Geldwäsche und Veruntreuung bei seiner litauischen Bank Sonras Bank geriet, deswegen steckbrieflich gesucht und auch in London verhaftet, wenn auch nur wenige Tage, wurde, hätte die FIA die Notbremse ziehen müssen. Tat sie aber nicht. «Man beobachte die Situation ganz genau», war aus Paris zu hören. Von Handeln keine Spur, obwohl die Lage mehr als kritisch war.

Die FIA wollte wie in der Politik die Angelegenheit aussitzen. Der Sitz allerdings ging in die Brüche. Die Situation war der FIA total entglitten, die FIA hatte sie nicht mehr unter Kontrolle. Ende 2011 wusste jeder, dass er nichts wusste. Es gab keinen Investor, es gab kein akzeptables TV-Konzept, es gab quasi nichts für eine vernünftige Vermarktung. Die Hersteller zögerten mit der WM-Einschreibung, Ford wartete bis zum Schluss und nutzte die um eine Woche verlängerte Einschreibefrist. Und um Mini wurde und wird auch weiter gepokert. Mini durfte sich entgegen den erlaubten Vorgaben Mitte Januar als dritter Hersteller mit einem reduzierten Programm anmelden. WM-Teams überdachten lange ihre Beitrittsentscheidung. Privatfahrer blieben in den Rahmenmeisterschaften wie Super 2000 und Produktionswagen aus. In der S2000-Wertung sind nur sechs (!) Teams registriert. Zehn aber sollten es laut FIA-Statuten sein.

Die kriminellen Machenschaften von Anatov konnten wirtschaftlich nicht ungesühnt bleiben. Ende November meldete CSI die Insolvenz an. Die Tochtergesellschaft North One Sport betonte weiter ihre Unabhängigkeit und Funktionalität, versprach weiter einen Investor, der aber nie kam. Da hätte die FIA endlich eine Vollbremsung vollziehen müssen. «Man beobachte die Situation ganz genau», war aus Paris zu hören.

Nun stellt sich die Frage, was bitte soll denn beobachtet werden, wenn es nichts mehr zu beobachten gab. NOS konnte die versprochenen Leistungen nicht bringen, das war Ende 2011 nur zu deutlich. Am Freitag, 6. Januar, zog die FIA endlich die Reissleine und kündigte NOS. Viel zu spät, denn der Startschuss für die WM 2012 fiel bereits wenige Tage später am Mittwoch, 17. Januar, in Valence.

Die Rallye-WM stand nicht nur ohne Promoter und TV-Verwerter da, nein, es gab auch keine Zeitnahme, keine Auswertung und auch nicht das Sicherheits-Trackingsystem, weil auch die Bereiche, teils über Subunternehmen, von NOS vertraglich bedient wurden. In Monaco, wo nicht gerade besten FIA-Freunde sitzen, dürfte die Halsweite stark angeschwollen sein. Da kehrt der Automobil Club de Monaco mit seiner legendären Rallye Monte Carlo mach drei Jahren wieder ins Oberhaus zurück und findet statt eines Rosenteppichs ein Super-Chaos vor. Die WM stand plötzlich ohne globalen Vermarkter, ohne weltweiten TV-Verwerter, ohne Zeitnahme und, und… da.

Die Monegassen dürften ihr WM-Comeback zu diesem Zeitpunkt sehr stark bedauert haben. In den drei Jahren ihrer Zugehörigkeit zur Intercontinental Rally Challenge lief alles bestens. 2011 gab es 14 Stunden Live-Übertragungen von ihrer Rallye in Eurosport. Und 2012 sollte es plötzlich nur schwarze Röhren geben? Das war nicht Monte like. Die Monegassen, ohnehin als Bäcker eigener Brötchen bekannt, übernahmen die Eigenverantwortung und verpflichteten Eurosport. In der Kürze der Zeit sendete Eurosport wenigstens in halbstündigen Aufzeichnungen gegen Mitternacht Bilder von der Rallye Monte Carlo. Zeitnahme und Auswertung führten die Monegassen wie in den drei Jahren zuvor in Eigenregie aus. Der Kopfstoss Richtung FIA sass.

Ihr Präsident Jean Todt versprach während der Rallye Monte Carlo bei einer Pressekonferenz in Valence schon für Schweden Abhilfe. Todt wäre mit Sicherheit angesichts seiner Handlungs-Lethargie in seinen früheren Positionen als Rennleiter bei Peugeot und noch mehr bei Ferrari in hohem Bogen gefeuert worden. Doch nun steht er ja der FIA vor. Am Sonntag, 22. Januar, sah es in Monaco nach einer Einigung zwischen der FIA und Eurosport als Promoter und TV-Verwerter aus. Die Teams und die Veranstalter atmeten auf. Doch der Atem hielt nicht lange.

Die FIA in ihrer Engstirnigkeit legte Eurosport Events zu viele Knüppel in den Weg, dass aus der Sicht von Eurosport eine Zusammenarbeit, schon gar nicht über die angestrebten drei Jahre nicht möglich war. Eurosport brach die Gespräche am Mittwochabend ab. Am späten Freitagabend gestand die FIA offiziell ihr Scheitern ihrer Bemühungen um einen Promoter und TV-Vermarkter ein. Ein Armutszeugnis war dies mit einem grossen Imageschaden der ohnehin stark angeschlagenen Rallye-Weltmeisterschaft. Und das Gerangel um Mini trägt auch zum Kurs auf den Konkurs der WM bei.

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