Zeremonienmeisterin der FIA: Die Frau, die das Formel-1-Podium organisiert
Hinter den Traditionen und Riten der Formel 1 mit Parc Fermé und Podium steckt jede Menge Arbeit. SPEEDWEEK.com traf FIA-Zeremonienmeisterin Linda Boudabous. Ein Blick hinter die Kulissen.
Wenn die Spannung in der Formel 1 abfällt, der Sieger feststeht und die Autos abgestellt werden, dann beginnt hinter den Kulissen die Arbeit erst so richtig. Ein ganzes Team kümmert sich darum, dass die Abläufe im Parc Fermé, wo die Autos inspiziert werden, und auf dem Podium reibungslos vonstatten gehen. Was alles dahintersteckt, bekommen die Zuschauer idealerweise gar nicht mit.
Linda Boudabous koordiniert Parc Fermé und Podium
SPEEDWEEK.com traf im Rahmen des Rennwochenendes in Madrid Linda Boudabous, die Zeremonienmeisterin des Weltverbands FIA. Sie organisiert zusammen mit einem großen Team den reibungslosen Ablauf nach dem Rennen. Regelmäßige Formel-1-Zuschauer haben sie mit Sicherheit schon mal im Fernsehen gesehen: Mit Headset im Parc Fermé, beschäftigt damit, die Fahrer zu koordinieren, oder am Rande des Podiums bei der Trophäenübergabe. Hinter diesen wenigen Minuten, die im TV zu sehen sind, steckt tagelange Arbeit mit einem großen Team.
Boudabous, aufgewachsen in Monaco, ist jeweils ab Donnerstag an der Rennstrecke. Ist eine Strecke neu, wie zum Beispiel in Madrid, gilt es, sich besonders genau umzuschauen und mit den Gegebenheiten vertraut zu machen. Boudabous ist nach Qualifying oder Rennen diejenige, die den Fahrern sagt, wo sie hingehen müssen. Sie muss sich also genau vor Ort auskennen und den Zeitplan genauestens im Kopf haben. Die Formel 1 verlässt sich auf sie.
Lange Vorbereitung, großes Team
Die Vorbereitungen für die Zeremonien laufen schon Tage vor dem Grand Prix, viele Personen sind involviert: Mitarbeiter aus den Bereichen Medien, Technik, Formel-1-Management, Sicherheit, TV und und und sind Teil des Teams, Boudabous ist das Gesicht, das wir im Fernsehen sehen.
Die Abläufe fürs Wochenende werden Minute für Minute, Meter für Meter durchgeplant. Es gilt, die technischen Checks an den Autos, die Medienverpflichtungen und die offiziellen Feierlichkeiten zu koordinieren. Und das in einem quirligen Umfeld: überall Menschen, überall Kameras, alle Augen auf sie. Besonders intensiv sind die Sprintwochenenden. Und Boudabous und ihr Team betreuen neben der Formel 1 auch noch die Nachwuchsserien Formel 2 und Formel 3.
Im Parc Fermé hören die Fahrer auf Boudabous Kommando. Das hat erst ein wenig Eingewöhnung gebraucht. Boudabous: «Es ist schwierig für die Fahrer, wenn sie dich nicht kennen. Sie werden das ganze Wochenende über ständig angesprochen, daher neigen sie ganz natürlich dazu, sich an die Leute zu wenden, die sie kennen. Ich glaube, es hat eine ganze Saison gedauert, bis sie wussten, dass ich diejenige bin, die die Informationen liefert. Und wenn sie dein Gesicht kennen, kommen sie ganz selbstverständlich zu dir.»
Mit ihrem Team ist sie über Funk verbunden. «Da sprechen wir viel mit dem technischen Team, weil die Checks im Parc Fermé ja das Wichtigste sind und wir sie dabei nicht stören wollen. Wir bekommen dort zum Beispiel auch Informationen von der Rennleitung. Wir sprechen viel miteinander und das ist auch der Schlüssel.»
Denn das wuselige Umfeld ist nicht ohne: «Im Parc Fermé ist so viel los. Die Fahrer sind hier, die Autos stehen dort, die Mechaniker kommen, um die Autos abzuholen, das Fernsehen überträgt live. Man muss an so viele Dinge denken.» Dazu spielen viele Kleinigkeiten eine Rolle, damit alle Zähnchen im Rad ineinandergreifen können. Die FIA muss Wasser und Handtücher bereitstellen (die danach hin und wieder auch von Promis entführt werden, siehe Kim Kardashian in Monaco). Schampus und Trophäen werden vom Veranstalter oder von Vertragspartnern bereitgestellt. Boudabous und ihr Team müssen lediglich sichergehen, dass alles bereitsteht. Und das jeder Beteiligte zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort ist.
Vorbereitung ist alles. Boudabous lernt Gesichter und Funktionen, recherchiert im Vorfeld viel. Außerdem wird jede Eventualität vorbereitet: «Wir haben alle Nationalhymnen, Flaggen und alles andere bereit.» Also falls ein Fahrer aufs Podium kommt oder gewinnt, der nicht unbedingt Stammgast ist. Boudabous: «Wir bereiten uns auf alles Mögliche vor, sogar das Wetter. In Miami hatten wir zum Beispiel mal eine Wettervorhersage, die für den Zeitplan der Siegerehrung extrem ungünstig war. Deshalb haben wir bereits eine Alternative gefunden, falls das Wetter während der Siegerehrung schlecht sein sollte. Wir versuchen also immer, so viel wie möglich vorauszusehen.»
Neben den Fahrern kümmert sie sich auch um zum Beispiel Staatsoberhäupter, die nach dem Rennen die Trophäen überreichen. Boudabous: «Es ist ein großer Unterschied, wie wir mit den unterschiedlichen Menschen sprechen und wie wir mit ihnen umgehen. Wir haben Staatsoberhäupter, wir haben verschiedene Arten von sehr hochrangigen Persönlichkeiten, darunter auch Könige. Da gibt es natürlich eine ganze Reihe von Protokollvorschriften. Das sind oft Menschen, die ich zum ersten Mal sehe. Die Fahrer hingegen habe ich das ganze Wochenende über bei mir, und das 24-mal im Jahr. Da sind die Beziehungen natürlich ganz anders.»
Erfolgreiche Fahrer werden oft zu Podiumsstammgästen, kennen die Abläufe irgendwann. Boudabous beobachtet aber: «Am Ende des Rennens brauchen sie immer eine Art Verschnaufpause.» Die Fahrer wissen, was kommt und was ihre Verpflichtungen zum Beispiel gegenüber Medien sind. Dennoch verlassen sich selbst die Routiniers auf Boudabous und ihr Team: «Wir müssen ihnen immer die aktuellen Informationen geben, besonders am Sprint-Wochenende, wo das Format etwas anders ist. Sie wissen, was sie tun müssen, aber sie wissen auch, dass wir sie durch den Ablauf führen. Ich glaube, sie verlassen sich auf uns und sie denken vielleicht, die sagen uns sowieso, was wir tun sollen.» Jede Strecke ist unterschiedlich aufgebaut, entsprechend unterscheiden sich die Laufwege und Routinen.
Immer mal wieder sind auch Neulinge dabei, so zum Beispiel Nico Hülkenberg letztes Jahr in Silverstone bei seinem ersten Podium im 239. (!) Grand Prix. Boudabous: «Es war lustig, weil er gar nicht wusste, wo er hinmusste. Es ist schön, auch mal neue Gesichter zu haben und sie durch die ganze Prozedur zu führen. Sie hören sehr genau zu, weil sie es noch nicht kennen.» So auch Pierre Gasly, der in Monza die erste Pole-Position seiner Karriere holte: «Er hat gewartet und gefragt: Was mache ich als nächstes? Unser Job, auch der des Medienbeauftragen, ist also sehr wichtig, weil wir sie durch die ganzen Abläufe begleiten können.»
Boudabous hat auf oder neben dem Podium die Pole-Position, erlebt dort ganz besondere Momente live mit: «Manchmal spürt man wirklich die Spannung auf dem Podium, wie sie im Rennen wirklich alles gegeben haben.» In diesen Momenten würde sicherlich jeder Formel-1-Fan gerne mit ihr tauschen…
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