Hugh Anderson: Die neuseeländische Motorsportlegende wird 90
1960 betrat ein Neuseeländer den Continental Circus, der sich in kürzester Zeit zum GP-Sieger und Weltmeister entwickeln sollte. Am 18. November feiert Hugh Anderson seinen 90. Geburtstag.
Wie alle Rennfahrer träumte Hugh Anderson vom Gewinn der Weltmeisterschaft. Nachdem er in der heimischen Meisterschaft unzählige Titel gewonnen hatte, packte der Neuseeländer seine Sachen und wagte den Sprung nach Europa. In Großbritannien bezog er Quartier. Mit einem Sieg beim Halbliter-Rennen in Madrid machte er erstmals auf sich aufmerksam. Auch die ersten «Gehversuche» in der Weltmeisterschaft verliefen durchaus vielversprechend.
1961 hatte allerdings nicht viel gefehlt und seine Karriere wäre bereits im zweiten Jahr in Europa durch einen Unfall brutal gestoppt worden. Beim niederländischen Weltmeisterschaftslauf in Assen war der damals 25-Jährige im Rennen der 350er-Klasse mit Phil Read, Paddy Driver, Ernesto Brambilla und Frantisek Stastny in einem harten Kampf um die dritte Position verwickelt als der folgenschwere Sturz passierte.
Read, Driver und Brambilla hatte er bereits hinter sich gelassen. Der Nächste war Stastny, der von ihm ins Visier genommen wurde. «Beim Versuch eine Linkskurve im zweiten Gang mit Vollgas zu fahren, um wertvolle Zeit zu gewinnen, verlor der Hinterreifen die Haftung und ich geriet neben der Strecke auf Gras. Vor der nächsten Kurve musste ich mein Motorrad niederlegen», erinnert sich Anderson in seiner Biografie «Being There».
Nach einem angsteinflößenden Highsider landete der Unglücksrabe auf Schulter und Kopf. Zu allem Überfluss wurde er auch noch von seinem Motorrad getroffen, was die ohnedies schon gravierenden Verletzungen noch verschlimmerte. «Meine Verletzungen waren ein ausgerenktes und gebrochenes rechtes Hüftgelenk, ein gebrochenes linkes Schlüsselbein und drei gebrochene Rippen auf meiner rechten Seite, verursacht durch die Landung der Maschine auf mir.»
Der Orthopäde erklärte, dass man unter Narkose seine Hüfte wieder einrenken und ihm dann für sechs Wochen einen Ganzkörpergips von der Brust bis zu den Zehen seines rechten Beins und bis zum Knie des linken Beins anlegen würde. Nachdem Anderson dem Arzt aber erklärt hatte, dass erfahrungsgemäß der Heilungsprozess bei ihm schnell voranschreite und er vier Wochen für ausreichend empfand, einigte man sich auf fünf Wochen.
Obwohl er die Weltmeisterschaft mit einem Zähler lediglich an der 19. Stelle abschloss, hatten die Entscheidungsträger in den Werksteams längst seinen Namen in ihren Notizbüchern stehen, hatte er doch vor seinem verhängnisvollen Sturz gut besetzte Rennen in Salzburg, St. Wendel und Tubbergen gewonnen. Ein Vertrag mit Suzuki war da nur noch die logische Folge.
Für die japanische Motorradmarke machte es sich bereits 1962 bezahlt, Anderson in ihren Reihen zu haben, denn noch in seinem Prämierenjahr als Werksfahrer gelang ihm beim GP von Argentinien der erste Sieg in einem Weltmeisterschaftslauf. Nachdem er das Rennen der 50 ccm-Kategorie gewonnen hatte, gelang ihm am selben Tag dieses Kunststück auch in der Achtelliterklasse. So «nebenbei» hatte er bei seinen Siegesfahrten auch die Rundenrekorde verbessert.
In der Saison 1963 setzte Anderson neue Maßstäbe. In der 125 ccm-Klasse gewann er die Hälfte der zwölf WM-Läufe. Zu den Triumphen in Frankreich, auf der Isle of Man, in den Niederlanden, Irland, der DDR und Finnland kamen noch zwei zweite Plätze in Deutschland und Belgien dazu. Ein fünfter Rang in Japan rundete den Erfolgslauf ab. In der Endabrechnung verwies er die beiden Honda-Piloten Luigi Taveri und Jim Redman deutlich auf die Plätze.
In der Kategorie 50 ccm stand er nach neun Rennen zwar «nur» zweimal auf der obersten Stufe des Siegertreppchens, aber zusätzlich standen zweite Plätze in Spanien, bei der Tourist Trophy, in den Niederlanden und Japan zu Buche. Der Deutsche Hans-Georg Anscheidt hatte zwar dreimal das bessere Ende für sich, aber weil die Klasse sechs verschiedene Sieger sah, ging die WM-Krone an den Fahrer aus Neuseeland.
Auch im Jahr darauf bissen sich die Gegner in der Schnapsglas-Klasse die Zähne an ihm aus und er konnte seinen Titel erfolgreich verteidigen. Weniger gut lief es bei der 125ern. In elf Läufen sah Anderson nur sechs Mal die Zielflagge, dreimal davon allerdings als Sieger. Weil sich die Hondas als überlegen erwiesen, musste er Taveri und Redman den Vortritt lassen.
1965 wurde wieder das Jahr von Hugh Anderson, zumindest auf der 125er-Suzuki. Die ersten vier Rennen gewann er überlegen. Nach einem Sturz bei seiner liebsten «Nebenbeschäftigung», dem Moto-Cross, zog er sich eine Verletzung zu, die nicht nur den einen oder anderen Start verhinderte, sondern ihn auch nachhaltig behinderte. Erst die drei letzten Grand Prix entschied er wieder zu seinen Gunsten und brachten WM-Titel Nummer 4.
Die Saison 1966 sollte die siebente und letzte in der Karriere von Hugh Anderson in der Motorrad-WM werden. Honda hatte in der Achtelliterklasse mit der Fünfzylinder-Maschine das Kommando übernommen und bei den 50ern hatte der von Suzuki neu verpflichtete Anscheidt seinem Teamkollegen den Rang abgelaufen. Rang 4 (50 ccm) und 5 (125 ccm) entsprachen nicht den hohen Ansprüchen des Ausnahmekönners.
Fortan verlagerte der Neuseeländer seine motorsportlichen Aktivitäten zum Moto-Cross, wo er als Werksfahrer die Farben von Suzuki vertrat und maßgeblich in die Entwicklung der Maschinen eingebunden war. Erst Ende 1969 kehrte er mit seiner Frau, die ihn nach seinem schweren Sturz in Assen als Krankenschwester aufopfernd betreut hatte, und seinem Kindern Caroline und Hugh jr. – später kam noch Tochter Michelle dazu – in seine Heimat zurück.
1994 erhielt der bei Rennfahrerkollegen, Journalisten und Fans gleichermaßen beliebte Neuseeländer für seine sportlichen Verdienste aus den Händen von Governor General Dame Catherine Tizard die Auszeichnung «Member of the Order of the British Empire». Im darauffolgenden Jahr erfolgte die Aufnahme in die neuseeländische «Sports Hall Of Fame». 2022 wurde der vierfache Weltmeister dann auch noch offiziell zur MotoGP-Legende ernannt.
All diese Auszeichnungen erhielt der bis heute einzige neuseeländische Weltmeister im Straßenrennsport, der sich auch als angesehener Geschäftsmann und als versierter Restaurator klassischer Motorräder einen Namen machte, nicht zu Unrecht wie seine eindrucksvolle Bilanz beweist. Von den 68 WM-Läufen, die er von 1960 bis 1966 bestritt, gewann Anderson 25. Darüber hinaus gab es noch zwölf zweite und elf dritte Plätze.
Am 18. Jänner 2026 vollendet der in Auckland geborene Anderson sein 90. Lebensjahr. Die SPEEDWEEK-Redaktion gratuliert dem rüstigen Jubilar!
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