Ducati wollte 2003 mit Biaggi debütieren: Warum man sich anders entschied
Max Biaggi galt als Wunschlösung für Ducatis MotoGP-Debüt in der Saison 2003. Ex-Teammanager Livio Suppo erklärt, warum man sich stattdessen für Loris Capirossi entschied.
Mit dem Einstieg in die MotoGP begann für Ducati im Jahr 2003 eine neue Ära. Nachdem die Italiener zuvor jahrelang die Superbike-WM dominiert hatten, wollte man auch in der Königsklasse sofort konkurrenzfähig sein. Bei der Fahrerwahl stand ursprünglich ein Name ganz oben auf der Wunschliste: Max Biaggi.
Das verriet Ex-Ducati-Teammanager Livio Suppo im Podcast von Mat Oxley und Peter Bom. Demnach favorisierten der heutige Ducati-CEO Claudio Domenicali sowie Ducati Corse General Manager Filippo Preziosi zunächst klar Biaggi und nicht Loris Capirossi. «Ducati debütierte 2003 in der MotoGP. Also fanden 2002 die Verhandlungen mit den Fahrern statt. Es gab lange Verhandlungen mit Max Biaggi», erinnerte sich Suppo.
Für die Ingenieure bei Ducati sprach auf den ersten Blick nahezu alles für Biaggi. «Meine beiden Vorgesetzten, Claudio Domenicali und Filippo Preziosi, sind Ingenieure. Und wenn ein Ingenieur die Karrieren von Max und Loris vergleicht, dann gibt es keine Zweifel: Man entscheidet sich für Max, weil er mehr gewonnen hat als Loris», erklärte Suppo.
Warum man sich für Loris Capirossi entschied
Der damalige Ducati-Manager führte die Gespräche sowohl mit Biaggi als auch mit Loris Capirossi – und gewann dabei einen entscheidenden Eindruck. «Ich teilte Claudio und Filippo mit, dass die Motivation von Loris deutlich größer ist als die von Max», schilderte Suppo. Besonders Biaggis damalige Denkweise ließ ihn zweifeln.
«Max war damals vier Jahre lang Werkspilot von Yamaha – zuerst in der 500er-WM und später in der MotoGP. In seinem Kopf gab es nur einen Gedanken: 'Ich benötige eine Honda, um zu gewinnen. Um die Meisterschaft zu gewinnen, benötige ich eine V5-Honda – ganz egal, ob es eine Werksmaschine oder eine Satellitenmaschine ist. Selbst die Satelliten-Honda ist besser als jedes andere Motorrad im Feld. Da ich Max Biaggi bin, reicht mir eine Satelliten-Honda, um zu gewinnen, weil ich ein so guter Fahrer bin.’»
Suppo war überzeugt, dass Biaggi den Wechsel vor allem aus finanziellen Gründen vollzogen hätte. «Hätten wir ihn unter Vertrag genommen, dann hätte er diese Entscheidung wegen des Geldes getroffen. Marlboro war damals unser Hauptsponsor. Doch Max hätte nicht die Motivation gehabt, die nötig gewesen wäre.»
Ducati stand damals vor einer enorm schwierigen Aufgabe. Zwar war die Marke in der Superbike-WM über Jahre das Maß aller Dinge, doch der Sprung in die Prototypen-Welt der MotoGP war eine völlig andere Herausforderung. «Es gab hohe Erwartungen an Ducati, weil wir die Könige der Superbike-WM waren und mehr Rennen gewonnen haben als die anderen Hersteller zusammen», erklärte Suppo. «Die Leute erwarteten, dass Ducati auch so gut in der MotoGP sein wird, weil man in der Superbike-WM so erfolgreich war. Doch das war nur in der Theorie so. Es ist eine Sache, ein Serienmotorrad zu tunen, und eine andere, einen Prototyp zu bauen.»
Motivation war damals wichtiger als pures Talent
Rückblickend fühlt sich Suppo in seiner Einschätzung bestätigt. Besonders die Mentalität von Loris Capirossi und Troy Bayliss habe in den Anfangsjahren den Unterschied ausgemacht. «Das Projekt war schlussendlich sehr erfolgreich, das Motorrad war nicht schlecht. Doch ich denke, dass vor allem in den ersten Jahren die Einstellungen von Loris und Troy den Unterschied ausgemacht haben.»
Die erste Ducati Desmosedici galt als extrem aggressiv und schwierig zu fahren. «Das Motorrad hatte ziemlich oft Probleme. Es war sehr aggressiv, es war ein Biest», erinnerte sich Suppo. Genau deshalb sei Capirossis Einstellung so wichtig gewesen. «Loris war so stolz, ein Werkspilot zu sein, nachdem er viele Jahre lang eine Satellitenmaschine fuhr. Das hat einen großen Unterschied ausgemacht.» Für Suppo steht deshalb fest: «Abhängig von der Situation ist der auf dem Papier stärkere Fahrer nicht die richtige Wahl.»
Biaggis Traum von einer Honda RC211V sollte sich 2003 erfüllen. Er kam im Team von Sito Pons unter und erhielt eine Werks-Honda. Gegen Erzfeind Valentino Rossi hatte Biaggi aber erneut keine Chance. Rossi sammelte mit der Repsol-Honda satte 357 Punkte, Biaggi kam nur auf 228 Zähler und reihte sich auf Platz 3 der Gesamtwertung ein – noch hinter Markenkollege Sete Gibernau aus dem Movistar-Team. Capirossi sollte die Ducati-Debütsaison als WM-Vierter beenden.
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