Unfairer MotoGP-Vorteil? Nicolo Bulega widerspricht Pol Espargaro
Hat Nicolo Bulega durch seine zahlreichen Tests mit Ducatis neuer MotoGP-850er einen unfairen Vorteil für 2027? Der zukünftige VR46-Pilot reagiert auf die Kritik von Pol Espargaro.
Noch bevor Nicolo Bulega 2027 seine erste komplette MotoGP-Saison bestreitet, wird im Fahrerlager bereits über einen möglichen Vorteil des Italieners diskutiert. Der Grund: Während seine zukünftigen Gegner noch mit den aktuellen 1000-ccm-Maschinen beschäftigt sind, hat Bulega Ducatis neue 850er für 2027 bereits mehrfach getestet.
Beim zurückliegenden MotoGP-Wochenende in Spielberg bezeichnete KTM-Testpilot Pol Espargaro diesen Vorsprung als massiven und unfairen Vorteil. Bulega sieht die Angelegenheit naturgemäß anders.
«Für mich gibt es dazu nicht viel zu sagen. Wir haben nichts gemacht, was gegen die Regeln verstößt», stellte der 26-Jährige vor dem Superbike-WM-Wochenende in Cremona klar. «Ich bin Superbike-Pilot. Warum sollte ich also kein MotoGP-Motorrad testen dürfen?»
Dabei betonte Bulega, dass seine Rolle bei der Entwicklung der neuen Ducati ursprünglich überhaupt nicht mit einem geplanten MotoGP-Aufstieg verbunden gewesen sei.
Der Testfahrerjob kam vor dem MotoGP-Deal
«Als wir im vergangenen Jahr meinen Vertrag mit Ducati unterschrieben und darüber nachdachten, dass ich als MotoGP-Testfahrer arbeiten könnte, wussten wir noch nicht, dass ich 2027 in die MotoGP wechseln würde», erklärte Bulega. Das Testprogramm sei deshalb nicht entwickelt worden, um ihm einen Vorsprung für seine spätere Karriere als Stammpilot zu verschaffen.
«Wir hatten diese Tests bereits geplant, bevor wir wussten, dass ich in die MotoGP gehen würde. Es war also keine Strategie», versicherte Bulega und fügte mit einem Augenzwinkern hinzu, dass er mit dem Wechsel in die MotoGP liebäugelte, den Aufstieg in die Königsklasse aber nicht als Tatsache ansah: «Auf dem Papier stand definitiv nicht, dass ich 2027 MotoGP fahren würde.»
Erst im Laufe der aktuellen Saison sei die Entscheidung über seine Zukunft gefallen. 2027 wird Bulega für das Pertamina-Enduro-VR46-Team eine Ducati pilotieren und in Valentino Rossis Team die Nachfolge von Franco Morbidelli antreten, der Bulegas Platz bei Aruba erhält.
Dass ihm die bereits gesammelten Kilometer auf der 850er beim Einstieg helfen werden, bestreitet Bulega nicht. Gleichzeitig wehrt er sich gegen den Eindruck, er könne das neue Motorrad bereits auf seine persönlichen Bedürfnisse zuschneiden.
Bulega stellt klar: 850er wird nicht auf ihn maßgeschneidert
«Wenn du als Testfahrer arbeitest, kannst du nicht einfach ausprobieren, was du selbst möchtest», stellte Bulega klar. «Ich komme nicht in die Box oder zu Dall'Igna und sage: 'Bitte bringt mir dieses Chassis, weil es für mich besser ist.'»
Stattdessen bestimmt Ducati das Entwicklungsprogramm. «Sie geben mir 1.000 Dinge, die ich für sie ausprobieren soll. Ich kann nicht sagen: Das will ich, das will ich, das hier nicht und das hier schon.»
Deshalb widerspricht Bulega der These, die neue Desmosedici GP werde bereits auf seine Bedürfnisse zugeschnitten. «Es stimmt nicht, dass das Motorrad für mich gebaut wird. Das Motorrad wird für die Werksfahrer entwickelt. Ich probiere lediglich aus, ob mir bestimmte Dinge gefallen oder nicht.»
Marquez traut Bulega viel zu
Während Espargaro den Erfahrungsvorsprung kritisch betrachtet, äußerte sich Marc Marquez in Spielberg positiv über Bulegas Aussichten für 2027. Das Lob des mehrfachen MotoGP-Weltmeisters kam beim Italiener gut an.
«Für mich ist es natürlich eine Freude zu hören, was Marquez vergangene Woche gesagt hat», erklärte Bulega. Gleichzeitig warnt er davor, seine bisherigen Testkilometer überzubewerten.
Eine wichtige Rolle spielt dabei Pirelli. Der italienische Hersteller löst 2027 Michelin als MotoGP-Einheitsausrüster ab. Bulega verfügt aus der Supersport- und Superbike-WM über jahrelange Erfahrung mit Pirelli und hat zudem bereits den für die MotoGP entwickelten Reifen getestet.
Doch auch diesen Vorsprung hält er für überschaubar. «Jetzt kenne ich die Reifen. Aber die Fahrer in der MotoGP werden vielleicht einen oder zwei Testtage benötigen, um sie zu verstehen. Ich denke, beim ersten Rennen werden beim Thema Reifen alle ungefähr auf demselben Niveau sein.»
MotoGP-Pirelli unterscheidet sich vom Superbike-Reifen
Zudem warnt Bulega vor der Annahme, dass sich seine Superbike-Erfahrung eins zu eins übertragen lasse. «Es ist immer noch ein Pirelli, aber es ist kein Superbike-Pirelli», unterstrich der Ducati-Pilot. «Der Reifen ist also anders. Die Vorderreifen sind vielleicht etwas einfacher zu verstehen als die Michelin, weil die grundlegende DNA ähnlich ist.»
Die notwendige Fahrweise unterscheide sich dennoch. Noch größer sei der Unterschied beim Motorrad selbst. «Wie man fahren muss, ist etwas anders als im Superbike. Vor allem das Motorrad ist komplett anders. Deshalb ist es nicht besonders ähnlich, ein Superbike zu fahren», erklärte Bulega. «Aber natürlich ist es gut, diese Erfahrung aus der Superbike-WM zu haben, weil es in einigen Bereichen Ähnlichkeiten gibt.»
Bulega räumt Vorteil ein, aber...
Ganz von der Hand weisen möchte Bulega seinen Vorsprung deshalb nicht. Schließlich wird er zu Beginn der Saison 2027 zu den Fahrern gehören, die bereits Erfahrung mit der Kombination aus 850-ccm-Ducati und Pirelli-Reifen besitzen.
«Natürlich kann es mir am Anfang helfen, dieses Motorrad bereits bei einigen Tests gefahren zu sein», räumte er ein. Allerdings erwartet er, dass dieser Vorteil schnell zusammenschmilzt. Vor Beginn der neuen Saison stehen den MotoGP-Stammpiloten mehrere Testmöglichkeiten zur Verfügung.
Bulega verwies dabei ausgerechnet auf Marquez: «Die Fahrer in der MotoGP sind unglaublich. Ein Fahrer wie Marquez braucht nicht viel Zeit, um das zu verstehen.» Zumal sich laut Bulega am grundlegenden Chassis der Ducati nicht alles ändern wird. «Das Chassis ist mehr oder weniger das gleiche wie in diesem Jahr», erklärte der zukünftige VR46-Pilot.
Für Bulega ist die Diskussion deshalb relativ einfach: Seine Testkilometer werden ihm den Einstieg 2027 erleichtern. Von einem speziell für ihn entwickelten Motorrad oder einem entscheidenden Vorsprung gegenüber der etablierten MotoGP-Elite will er aber nichts wissen.
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