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TourenwagenKolumne

Avus-Rennleiter Gerhard Gottlieb wird 90: Ein persönlicher Geburtstagsbrief

Lieber Gerhard Gottlieb, wenn ich so zurückblicke auf zwei Jahrzehnte Zusammenarbeit – was haben wir alles erlebt. Du als Chef-Dirigent, ich als Streckenreporter und TV-Kommentator.

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Ewig jung – Gottlieb kurz vor seinem 90. Geburtstag fit und ohne Falten
Ewig jung – Gottlieb kurz vor seinem 90. Geburtstag fit und ohne Falten
Foto: Götsch
Ewig jung – Gottlieb kurz vor seinem 90. Geburtstag fit und ohne Falten
© Götsch

Ein Avus-Rennleiter musste ja mal grundsätzlich strapazierfähig, nervenstark und unerschrocken sein. Schließlich galten diese Eigenschaften ja auch irgendwie für die Fahrer, die auf der Avus antraten. Das war eben eine Rennstrecke für richtige Männer und nix für Weicheier – zumindest aus Deiner Sicht.

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Es galt die Devise: Einen Avus-Rennleiter kann und darf nichts aus der Ruhe bringen. Was er verfügte, war für ein Wochenende lang Gesetz. Wer aufmuckte, das Diskutieren anfing oder gar Fahrerkollegen aufwiegelte, war bei Dir, lieber Gerhard, schon immer an der richtigen Adresse. Zwar hast Du jedem mit einem freundlichen Lächeln Dein offenes Ohr geschenkt, aber Dir nie das Heft aus der Hand nehmen lassen.

Nach einer hektischen Diskussion mit Teamchefs und Fahrern um rollenden oder stehenden Start hast Du mir mal ganz empört gesagt: «Ja wo kommen wir denn da hin, wenn jetzt schon die Rennställe bestimmen, wie das hier abläuft.»

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Im alle Jahre wiederkehrenden Ringen um Regelfragen und Rennformate warst Du für mich immer so eine Mischung aus Diplomat und Diktator. Du hast dieses Rollenspiel meisterhaft beherrscht. Oft genug hatte es den Anschein, als würdest Du die jeweils stärkste Tugend einiger berühmter Rennleiter-Kollegen samt deren O-Töne in Dir vereinen:

Den unbekümmerten Frohsinn eines Kurt Bosch: «Herbert, übersetz’ dem Agostini mal, dass er ein Arschloch ist»;

die militärisch knappe Ansprache eines Ali Schatz: «Wer nicht spurt, lernt mich auch anders kennen»;

das Gottvertrauen eines Gernot Leistner: «Für mich zählt noch immer ein Handschlag mehr als jeder Vertrag»;

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die Unkompliziertheit eines Peter Rumpfkeil „Es gibt nichts, was bei uns nicht lösbar wäre»;

das Selbstverständnis eines Wolfgang Wilcke «Hier entscheidet nur einer – und das bin ich».

Lieber Gerhard, mit Dir und der Avus sind so viele schöne Erinnerungen verbunden - davon allein ließe sich locker ein ganzes Buch füllen. Da sind Sachen dabei, die glaubt uns heute kein Mensch mehr… Hier nur eine kleine Auswahl.

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BRAUN 3

Tatort Südkehre 1987. Beim Formel 3-Rennen hat Wolfgang Wilcke, als Spoko dort am Wendepunkt platziert, plötzlich eine grandiose Eingebung. Weil ein paar Regentropfen fallen und Bernd Schneider seinen Dallara nach sehenswerten Pirouetten in die Leitschienen feuert, brüllt Wilcke den Posten an: «Rot, sofort rot, die rote Flagge raus.»

Ich stehe als Außenreporter direkt daneben, rufe via Mikro Freund Kalli Hufstadt am Sprecherplatz in der Haupttribüne und melde, dass das Rennen mit Rot abgebrochen ist. Der lässt ebenfalls über Streckenfunk aufgeregt wissen, dass bei ihm «von einer roten Fahne weit und breit nichts zu sehen und es außerdem brottrocken ist. Gerade eben ist das Feld hier wieder volles Rohr vorbeigedonnert».

Deinen Tobsuchtsanfall, lieber Gerhard, habe ich dann im internen Funk mitgekriegt. «Wolfgang, bist Du jetzt völlig übergeschnappt, zieh’ sofort den roten Lappen ein, das Rennen läuft weiter. Wenn hier einer Rot zeigt, bin ich das. Haste mich verstanden?»

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Kleinlaut lässt Herr Wilcke das rote Tuch wieder einpacken und weist den verstört dreinblickenden Posten sogleich an: «Zeigen Sie jetzt mal wieder Grün.» Das Rennen läuft weiter bis zum regulären Ende, danach hebt das Protestgeschrei derer an, die beim Anblick der roten Flagge taten, was das Sportgesetz vorschreibt – langsam weiterfahren bis zu Start und Ziel und nicht überholen. Du hast die Randalierer nachher alle kurzerhand abgebügelt und ihnen erklärt, dass sie wohl eine Fata Morgana gesehen haben müssen. «Der Rennleiter hat nie Rot verfügt oder gezeigt, basta.»

Oder die Massenkollision im Renault 5-Pokal 1978. Runde 2, das Unheil nimmt seinen Lauf, als die Jungen Wilden Christian Danner und Peter Oberndorfer aneinandergeraten und dabei das halbe Starterfeld in eine Mega-Karambolage reißen. An die 15 Autos Schrott, eine Stunde Pause für Abschlepp- und Säuberungsarbeiten. Danach Neustart mit dem fahrfähigen Rest, der gleich noch mal zusammenkracht, aber immerhin kommen noch ein paar Fünfer ins Ziel.

Sehr nett auch die wundersame Verflüchtigung eines ohnehin nur schmalbrüstigen Feldes von Zwei-Liter Ford Sportwagen 1985. Schon nach dem Training schmilzt der Bestand der Marken-Rennserie nach Unfällen und Motorschäden von zehn auf sieben Autos. Zum Start erscheinen sonntags nur noch sechs Zweisitzer, davon stoßen drei schon auf der ersten Anfahrt zur Südkehre zusammen. Zwei weitere stranden in Runde zwei an den Leitschienen, der letzte verbliebene Alleinunterhalter beklagt in Runde drei den Verlust eines Rades. Statt der geplanten zehn Runden ist das Geisterrennen schon nach 3 Umläufen mangels Masse beendet.

Wegen der behördlich verordneten 18.00 Uhr-Deadline gibt es sowieso immer große Zeitnot und Du siehst in dem Kuriosum offenbar ein Geschenk des Himmels. Sicherheitshalber frage ich nach, was jetzt passieren soll. Deine Antwort ist ebenso spontan wie pragmatisch: «Nix, ruf‘ das nächste Rennen auf, jetzt sind wir wieder im Zeitplan.»

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In Deinen 20 Jahren als Avus-Rennleiter habe ich die ganze Palette Deiner Gemütslagen erlebt:

Fröhlich und locker, wenn ein Avus-Wochenende wie am Schnürchen abgelaufen ist;

nervös, als die 700 PS-Porsche 935 Turbo der alten Rennsportmeisterschaft Ende der 70er Jahre im Regen mit 350 in einer undurchdringlichen Wolke aus Wassergischt auf der Geraden verschwanden;

erleichtert, dass der befürchtete große Knall beim Procar M1-Rennen 1980 mit zwölf Formel 1-Piloten ausgeblieben ist;

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deprimiert, weil der tödliche Unfall von STW-Pilot Kieth Odor 1995 eine menschliche Tragödie und der Tiefpunkt der jüngeren Avus-Historie war;

sentimental, als Du am 1. Mai 1999 beim großen Abschiedsfinale zum unwiderruflich letzten Mal eine Veranstaltung auf Deiner geliebten Avus geleitet hast.

Als mein ganz persönliches Geschenk zu Deinem 90. Geburtstag habe ich heute für dich nochmals einen, wie ich hoffe, unterhaltsamen Streifzug durch Deine Rennleiter-Jahre auf der Avus unternommen.

Wenn’s auch manchmal chaotisch, stressig und in der Sprecherkabine enger war als in einer Besenkammer - bei Euch auf der Avus habe ich wunderbare, unvergessliche Reporterjahre verbracht. Und Du, lieber Gerhard, hast daran einen ziemlich großen Anteil.

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Ich gratuliere Dir zum 90. und sage einfach nur nochmal Danke. Bleib’ weiter gesund, munter und guter Dinge.

Herzlichst

Dein alter Streckensprecher Rainer Braun

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