Serie «Vergessene Flugplatzrennen», Folge 4: Mainz-Finthen
Flugplatzrennen gehörten bis zur Jahrtausendwende fast 50 Jahre lang zu den populärsten Motorsport-Events in Deutschland und Österreich. Wir erinnern an einige der über 30 Veranstaltungen.
Der deutsch-amerikanische Motorsportclub HMSC in Wiesbaden hatte zwar mit dem Pferdsfeld-Areal seit 1956 eine sichere Heimat für seine Flugplatzrennen, musste aber damit rechnen, dass spätestens 1960 wegen Besitzwechsel die Genehmigung entzogen wird. Schon früh machten sich die Club-Verantwortlichen deshalb auf die Suche nach einem neuen Austragungsort.
Der US-Militärflughafen Wiesbaden-Erbenheim schien wie geschaffen und bot sich zunächst als Ersatzlösung an. Um probeweise eine komplette Rennveranstaltung durchzuspielen, wurde dort schon im Juni 1958 ein Termin angesetzt. Gut gefüllte Tourenwagen- und GT-Startfelder, bestes Wetter sowie hohes Zuschauer-Aufkommen versprachen ein tolles Motorsport-Wochenende vor den Toren der Landeshauptstadt.
Tragödie bei der Testveranstaltung
Doch die Testveranstaltung endete bei einem der letzten Sonntags-Rennen mit einer Tragödie. Der BMW 507-Sportwagen des Düsseldorfers Wolfgang Seidel kam am Ende der langen und sehr schnellen Geraden wegen kompletten Bremsversagens erst im dicht besetzten Publikumsbereich zum Stehen. Die Schreckensbilanz: Zwei tote und fünf schwerverletzte Zuschauer.
Allen war klar, dass die US-Army auf diesem Flugplatz keine weiteren Rennen mehr genehmigen würde. Nach dem Pferdsfeld-Aus mussten so für mehrere Jahre Notlösungen in Hockenheim und am Nürburgring her. HMSC Präsident Gerd Kroeber und sein treuer Gefolgsmann und Stellvertreter Volker Carius fanden dann im Laufe der Zeit mit dem US-Stützpunkt Mainz-Finthen endlich den idealen Veranstaltungsort. Als sehr hilfreich erwiesen sich dabei die weiterhin guten Beziehungen zu den regionalen US-Dienststellen.
Das neue Motorsport-Mekka der Rhein Main-Region hieß nun also Mainz-Finthen, günstig gelegen inmitten der einzugsstarken Städte-Region Wiesbaden, Darmstadt, Offenbach und Frankfurt. Aus der Premiere am 14. Juni 1964 wurde eine Rundstrecken-Veranstaltung, die sich im Laufe der Jahre zum größten Flugplatzrennen hierzulande mauserte.
Schon die Erstauflage notierte fast 250 Teilnehmer und sah viele internationale Rennställe und Piloten am Start. Unter ihnen auch der Abarth-Rennstall mit Italiens Nachwuchs-Hoffnung Franco Patria, der im Werks-Abarth GT 2000 der versammelten Porsche 904 GTS-Elite den Tagessieg entriss.
Bei den Tourenwagen besiegte Wiesbadens Lokalheld Peter Lindner im Jaguar MK 2 mit dem berühmten Kennzeichen WI-PL 1 BMW-Werkspilot Hubert Hahne (BMW 1800 TISA). Schon zur Premiere kamen 15.000 Zuschauer, später mit Einzug von DRM und DTM steigerte sich der Zulauf bis auf Rekordwerte von mehr als 30.000 Besucher.
In die Euphorie über den Premiere-Erfolg mischte im Oktober des gleichen Jahres allerdings auch große Trauer. Denn mit Franco Patria und Peter Lindner verunglückten gleich zwei der Finthen-Auftaktsieger vier Monate später beim 1000 km Rennen von Paris-Monthlery tödlich. Italien verlor seine größte Nachwuchshoffnung, Deutschland einen seiner besten und populärsten Rennfahrer.
Kostenexplosion führt zum Aus
Die Erfolgsstory Mainz-Finthen war indes nicht mehr aufzuhalten. Zwischen 300 und 400 Teilnehmer aus ganz Europa kamen in den Folgejahren auf den Flugplatz der Spargel- und Obst-Region Finthen. Die Bedingungen hätten kaum besser sein können, wären da nicht auch nach und nach die Schattenseiten dieses Rennens sichtbar geworden. Dies betraf vor allem die Sicherheit rund um die Flugplatz-Piste. Da sich immer wieder unvernünftige Zuschauer sorglos in den Sperrzonen aufhielten, kam es im Laufe der Jahre mehrmals zu Unfällen mit Personenschäden. Als Konsequenz stiegen insbesondere die Kosten für Versicherungsprämien und Auflagen von Jahr zu Jahr, was logischerweise den Gewinn deutlich schmälerte.
Als schließlich die Kosten für Auf- und Abbau der Strecke, Sicherheitsauflagen und Fremdleistungen geradezu explodierten und in keinem gesunden Verhältnis mehr zu en Erlösen standen, war eine weitere Durchführung wirtschaftlich nicht mehr vertretbar. Der Club warf mit der 27. Auflage 1990 das Handtuch. Erschwerend kam noch hinzu, dass die Amerikaner ankündigten, Finthen Airfield demnächst zu verlassen und das Areal an deutsche Betreiber zu übergeben.
Der letzte Finthen-Sieger hieß Johnny Cecotto im Schnitzer BMW M3. Er gewann beide heißumkämpfte DTM-Läufe. Damit wurde ein Erfolgskapitel geschlossen, dass es in dieser Form nie mehr wieder ab.
Wirklich alle großen Rennfahrer der 60er-, 70er- und 80er-Jahre waren wenigstens einmal beim diesem Kult-Rennen am Start. Sie waren alle da, von Bellof, Frentzen und Danner bis Herrmann, Heyer und Hahne. Von Kelleners, Kauhsen und Kinnunen bis Ludwig, Neuhaus und Neerpasch, von Mitter, Mass, Quester und Ravaglia bis Stommelen, Schütz und Schumacher.
Diese Namen und dazu noch viele andere haben, jeder für sich, ein Stück Geschichte in Finthen mitgeschrieben. Zum Schluss noch eine kleine Auswahl an Episoden aus der langen Geschichte dieses Rennens:
Die gerade frischgeborene Formel V startete 1965 zu ihrem zweiten Rennen in Finthen. Der Lauf endete mit dem einzigen ex-aequo-Ergebnis in der 27-jährigen Historie des Rennens – somit gab es zwei absolut zeitgleiche Sieger. Der eine hieß Theo Reuter aus Pforzheim, der andere ist der Autor dieses Beitrags.
Gerhard Mitter startete 1966 im Carrera 6 und fuhr Tagesbestzeit. Wegen eines gebrochenen und eingegipsten Fußes konnte er ohne fremde Hilfe selbst weder ins Auto ein- noch aussteigen. Seine Mechaniker hoben ihn ins Cockpit und zogen ihn nach Sieg mit Tagesbestzeit auch wieder raus.
Dieter Quester war 1968 mit 29 Jahren im BMW-Monti-Sportwagen Tagessieger. Als einer der Wenigen aus der Finthen-Frühzeit ist der inzwischen fast 87-jährige Wiener noch immer im Classic-Bereich aktiv.
Hollands Porsche-Star Ben Pon und sein Schützling Gijs van Lennep reisten mal in Pons Privatflieger an. Zur unangemeldeten Landung der Herrschaften musste das laufende Samstag-Training unterbrochen und die Landebahn geräumt werden. Als ob nichts weiter geschehen wäre, nahmen sie wenig später seelenruhig das Training mit ihren orangefarbenen Carrera 6 auf.
AvD-Sportchef und FIA-Observer Herbert Wilhelm Schmitz, in den 60er- und 70er-Jahren einer der höchsten Motorsport-Funktionäre im Land, wies bei seinem Erstbesuch in Finthen an der Eingangskontrolle die weltweit gültige FIA-Armbinde vor. Der Kontrolleur beschied Schmitz kurz und knapp: «Clubausweise gelten heute nicht.» Der zog beleidigt wieder ab und machte aus dem Vorfall fast eine sportpolitische Staatsaffäre. Rennleiter Gerd Kroeber und seine Vize Volker Carius wurden vom AvD-Präsidenten Fürst Metternich zum Rapport einbestellt.
In der Mittagspause marschierte vor allem in den ersten Jahren eine US-Band über die Zielgerade, und zwar von unten nach oben gegen die Fahrtrichtung. 1969 lagen die Instrumente schon auf der Wiese hinter der ersten Rechtskurve am Ende der Zielgeraden bereit. Die Männer saßen links und rechts davon im Gras und warteten auf das Ende des letzten Rennens vor der Pause. In der letzten Runde donnerte ein Mercedes 300 SE-Pilot wegen Bremsversagens in die Auslaufzone und machte aus den Instrumenten Kleinholz. Glücklicherweise wurde niemand verletzt, aber die Pauseneinlage der Band musste mangels Material ausfallen.
Kostspieliges Missverständnis
Zum zweiten Rennen des taufrischen R5 Cups 1974 brachte Harald Grohs aus Essen einen Beschützer in Gestalt seines massigen Kumpels Dieter Fröhlich mit. Der kleine und schmächtige R5-Pilot wollte sich so vor jenen Konkurrenten schützen, die ihm wegen seiner rüden Fahrweise zuvor schon an die Wäsche wollten.
Prompt kam es zum Eklat: Als sich Grohs nach gewonnenem Rennen im Parc Fermé ein Mann näherte, witterte Fröhlich Gefahr für seinen Schützling, sprang hinzu und verpasste dem vermeintlichen Aggressor sicherheitshalber einen krachenden Fausthieb. Der hart Getroffenen sank bewusstlos zu Boden und musste von Sanitätern abtransportiert werden. Pech für Grohs und seinen Beschützer: Der KO-Schlag traf ausgerechnet einen Sportkommissar.
Alle drei sahen sich ein paar Monate später vorm Amtsgericht Mainz wieder, um gemeinsam mit Richter und Staatsanwalt die Schmerzensgeld-Forderung auszudiskutieren. Der Fausthieb kostete Fröhlich 10.000 D-Mark Geldstrafe und weitere 5.000 D-Mark Schmerzensgeld.
Eine ganz besondere Erscheinung bei den Rennen in Finthen war ein großer, bärenstarker Mann, den alle nur unter dem Namen «Tom Dooley» kannten. Wie er wirklich hieß, hat man nie erfahren. Sein Gang glich dem eines Terminators, seine Kraft war schon fast außerirdisch, seine Hilfsbereitschaft grenzenlos. Umgestürzte Autos hob er alleine wieder auf die Räder und wo Not am Mann war, packte er begeistert an.
Zum guten Schluss noch dies: Fragt man heute ehemalige Teilnehmer nach ihren ganz persönlichen Erinnerungen an Finthen, wird zumeist das Riesen-Eis in Würfelformat genannt, das die Amerikaner damals für eine D-Mark hundertfach verkauften. Die meisten erinnern sich aber auch daran, dass ihnen die Mischung aus kaltem Eis und Hot Dogs nicht so gut bekommen ist. In der Warteschlange vor den Dixi-Häuschen im Fahrerlager trat so mancher Racer von einem Bein aufs andere.
Das Areal selbst wurde längst teilweise umgebaut, modernisiert und wird heute vornehmlich als Verkehrslandeplatz für den privaten Flugbetrieb im Rhein-Main-Gebiet genutzt.
Als Autor der Geschichte macht es mich stolz und glücklich, alle 27 Veranstaltungen zwischen 1964 und 1990 vor Ort als regelmäßiger Starter in den ersten Jahren, als schreibender Journalist, Streckensprecher und TV-Kommentator erlebt zu haben. Selbst der mehrfache Besuch des Siegerpodiums war mir vergönnt.
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