Martin Brundle: «Die Formel 1 ist auf dem Holzweg»

Von Mathias Brunner
Formel 1
​Analyse des 158fachen GP-Teilnehmers Martin Brundle (57) nach dem WM-Auftakt in Melbourne: Wie sieht das Kräfteverhältnis dieser neuen Formel 1 aus? Wer kann ruhig schlafen und wer hat Sorgen?

Selten waren die Fans vor einer neuen Formel-1-Saison so gespannt: Was würden die ganzen Regeländerungen mit dieser neuen, schnelleren Formel 1 bringen? Antwort: Gemessen am Australien-GP liesse sich schliessen, dass die Dominanz von Mercedes-Benz zu Ende gegangen ist, aber ist das wirklich das korrekte Bild?

Der 57jährige Martin Brundle, Formel-1-Experte der britischen Sky, ist sich da nicht so sicher. In seiner Kolumne sagt der 158fache GP-Teilnehmer: «Klar wird die Saison 2017 ein gewaltiger Entwicklungswettlauf, aber aus meiner Erfahrung gilt die Faustregel – ein gutes Auto bleibt ein gutes Auto, egal wie lange die Saison dauert und auf welcher Art von Rennstrecke wir fahren.»

Der Sportwagen-Weltmeister von 1988 bedauert: «Das Feld mit diesen 19 Autos, Daniel Ricciardo fehlte ja, sah schon mager aus. Wir bräuchten wieder mehr Teams. Aber eigentlich wollte ich mit etwas Positivem beginnen. Jeder Fahrer steigt mit einem breiten Lächeln im Gesicht aus, weil die Autos so schwierig zu bändigen sind und so viel Spass machen. Die Piloten können wieder richtig Attacke machen.»

«Im vergangenen Jahr bauten die Reifen bald und dann im Schnitt von 0,2 Sekunden pro Runde ab. 2017 sind sie viel haltbarer. Die Mailänder haben errechnet, dass der Reifenabbau jetzt nur noch bei durchschnittlich 0,075 Sekunden liegt. Je mehr Sprit die Autos also verbrauchen, desto schneller werden die Autos.»

Der Le-Mans-Sieger von 1990 sagt weiter: «Viele Fahrer fuhren ihre persönliche beste Rennrunde ganz zum Schluss des Rennens. Sie haben in Australien erkannt, dass sie aus diesen Reifen noch viel mehr herausholen können, und das werden wir schon in China erleben.»

«Wir haben auch gesehen, dass die Hinterreifen nicht hinüber sind, wenn sich ein Pilot mal einen Rutscher erlaubt hat. Auch das wird die Fahrer dazu ermuntern, noch härter zu attackieren. Als Zwischenbilanz lässt sich also festhalten – Fahrstil und Rennstrategie sind nicht mehr von den Reifen dominiert. Kehrseite der Medaille: Eine Variable entfällt. Und das wiederum bedeutet auch: Eine mässige Startposition oder ein schlechter Start wiegen noch schwerer als früher. Denn die Teams haben weniger Möglichkeiten, ihren Piloten durch eine clevere Reifenwechselstrategie wieder zurück ins Rennen um vordere Plätze zu bringen.»

«Zu Beginn des Rennens wurde offensichtlich, dass sich Sebastian Vettel im Ferrari wohler fühlt als Lewis Hamilton im Mercedes. Lewis beklagte sich am Funk mehrfach über die Reifen. Es wäre nun leicht zu sagen, dass Ferrari danach einfach Glück gehabt habe. Dass der Boxenstopp von Hamilton eben schlecht angesetzt und es Pech war, hinter Max Verstappen wieder auf die Bahn zu kommen. Aber Ferrari hat sich diese Chance erarbeitet, der Sieg ist den Italienern nicht in den Schoss gefallen.»

«Red Bull hat sich sehr viel Arbeit vor sich. Alle waren davon überzeugt, dass eine Reglementänderung zu Gunsten der Aerodynamik das Team um Adrian Newey begünstigen würde, aber in Melbourne war RBR nur dritte Kraft.»

«Was mir sonst noch aufgefallen ist: Fernando Alonso attackierte wie kein Zweiter und hielt den untermotorisierten McLaren in den Top-Ten wie ein Löwe. Bis sein Auto ihn im Stich liess. Ich kann verstehen, wie die Geduld von Fernando in diesem Team langsam zu Ende geht.»

«Die grösste Sorge vieler Fans derzeit: das Überholen. Hier müssen wir bedenken: Melbourne ist generell nicht der ideale Kurs zum Überholen. Und dann lautete die Vorgabe für die Autos, dass sie zwischen vier und fünf Sekunden pro Runde schneller werden sollen. Im Pflichtenheft stand nicht etwa, dass das Überholen leichter sein soll. Ich war nicht überrascht von den Problemen der Piloten, wenn ich sehe, wie die Autos mit Dutzenden von Luftleit-Elementen und Zusatzflügelchen ausgerüstet sind. Ich sage daher – die Formel 1 befindet sich auf dem Holzweg. Die Autos sind zu schwer, zu leise, zu kompliziert und zu abhängig von der Aerodynamik. Am Speed liegt es nicht. Die MotoGP-Asse sind auf gewissen Strecken fast eine halbe Minute langsamer als die F1-Boliden. Aber ich höre keinen Fan, der sich über die Bikes beschwert. Speed ist nicht gleichzusetzen mit einer guten Show.»

«Wir haben Millionen von Dollar für dieses Technikfeuerwerk verprasst. Und selbst wenn kommende Rennen auf anderen Strecken spannender sein werden, haben Ross Brawn & Co. eine knifflige Aufgabe zu lösen. Mal gucken, was in China und Bahrain passieren wird.»

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