Johnny Herbert zu Fernando Alonso: Zeitverschwendung

Von Mathias Brunner
Formel 1

​Der Engländer Johnny Herbert (52) spricht vielen Fans aus der Seele, wenn er über Fernando Alonso sagt: «Seit Jahren sitzt er in mittelmässigen Autos, eine Verschwendung vom Zeit und Talent.»

Die FIA hat inzwischen bestätigt: 15 Ränge zurück für Fernando Alonso in der Startaufstellung des Aserbaidschan-GP. In der Nacht auf Samstag werden weitere 15 Plätze zurück hinzukommen, alles wegen neuer Honda-Motorteile, die in den McLaren des Asturiers eingebaut werden müssen. Ein Witzbold im Fahrerlager von Baku: «Wo fährt Alonso los? In Teheran?»

Ich treffe Johnny Herbert im Fahrerlager von Baku und frage ihn, ob er fünf Minuten Zeit für mich habe. Der 52jährige Engländer, von Brasilien 1989 bis Malaysia 2000 Formel-1-Fahrer, lacht: «Hey, wie in den alten Tagen! Als es noch keine PR-Mitarbeiter gab, die man um Termine mit einem Fahrer bitten musste. Klar habe ich Zeit, setzt dich her.»

Ich möchte wissen, wie der dreifache GP-Sieger Fernando Alonso einschätzt. Der stärkste Eindruck des britischen WM-Vierten von 1995 (damals mit Benetton): «Meine grosse Enttäuschung ist, dass ich Fernando Alonso nun schon seit mehreren Jahren in mittelmässigen Autos sehen muss – was für eine Verschwendung von Zeit und Talent.»

Herbert, mit Mazda 1991 Le-Mans-Sieger geworden, ist der Überzeugung: «Ein Zeichen von wahrer Grösse eines Rennfahrers ist für mich die Gabe, sich an neue Umstände anpassen zu können. Das hob früher Senna und Prost von den anderen Piloten ab, heute sehe ich nur Hamilton, Alonso, Vettel und teilweise noch die Red Bull Racing-Piloten in dieser Kategorie. Das beste Beispiel dafür, dass Fernando nichts von seinen Fähigkeiten eingebüsst hat, ist seine Darbietung in Indianapolis. Nicht nur, dass er sich mühelos an ein IndyCar und ans Ovalfahren gewöhnt hat, er war auch siegfähig. Das war saustark.»

Was macht Alonso denn so besonders? Johnny Herbert überlegt kurz und meint dann: «Da gibt es mehrere Faktoren. Zunächst ist da mal die Fähigkeit, einen Rennwagen auf Messers Schneide zu balancieren, und zwar Kurve um Kurve, Runde um Runde, ein ganzes Rennen lang. Früher war Fernando sehr angriffig beim Einlenken, mit einem lebhaften Heck ausgangs der Kurven konnte er gut umgehen. Das hat mich immer an Mika Häkkinen erinnert. Alonso fuhr überaus aggressiv. Wenn ich das über andere Fahrer sage, dann klingt das nach Unruhe, nach Unstetigkeit, nach Fehlern, bei Alonso aber war das zwar immer am Limit, aber eben nie darüber hinaus.»

«Nur ganz wenige Piloten können so lange auf höchstem Niveau fahren, Michael Schumacher konnte das auch. Es ist das Eine, ans Limit zu gelangen, aber es ist etwas ganz Anderes, ein Rennen lang am Limit zu bleiben.»

«Mit der Zeit hat sich sein Stil geändert. Sein Strich ist sanfter geworden. Der Wechsel zu den 2017er Autos hat ihm ohne jeden Zweifel geholfen. Wir haben Rennwagen mit mehr Abtrieb und auch mit mehr mechanischem Grip dank der fetteren Reifen. Es ist mit diesen Autos schwieriger, das Letzte rauszuholen, und bei McLaren-Honda kann das Alonso, und Stoffel Vandoorne schafft das bislang einfach zu selten. Das erklärt die grossen Unterschiede zwischen den beiden. Der Belgier tut sich schwer, Alonso blüht mit diesen Autos auf und spricht davon, dass es viel mehr Spass mache als in den letzten Jahren, Formel 1 zu fahren.»

«Ein gutes Beispiel für die Fähigkeiten von Fernando Alonso ist auch der Umgang mit den Reifen. Alonso spürt sein Auto extrem gut, durch das Lenkrad, durch die Sensoren in seinem Hintern. Er merkt instinktiv, was der Wagen braucht. Wenn ein Techniker seinem Piloten ins Auto funkt, die Reifen seien zu heiss, dann ist es schon zu spät. Dieser Fahrer wird seine liebe Mühe damit haben, die Reifen wieder ins optimale Betriebsfenster zu bringen. Ein Spitzenpilot hingegen spürt, wenn seine Walzen zu überhitzen beginnen und nimmt genau so viel Tempo raus, dass die Reifen im besten Gebrauchsbereich bleiben, wir reden hier von wenigen Zehnteln pro Runde.»

«Fernando kann ein Rennen ausgezeichnet lesen, er hat genügend Hirnkapazitäten, um das eigentliche Fahren vom Nachdenken übers Rennen abzukoppeln. Auch das zeichnet einen Spitzenpiloten aus. Ich nenne das Rennintelligenz. Dazu kommt hervorragendes räumliches Sehen. Wann hast du jemals gesehen, dass er einem Gegner über den Flügel gefahren ist? Oder kannst du dir vorstellen, von einem Fernando zu hören, er habe einen Gegner nicht gesehen, wie das Sainz in Kanada über Grosjean sagte? Unmöglich – Fernando hätte den Wagen von Romain gespürt.»

«All diese Faktoren tragen dazu bei, dass Fernando Alonso einer der herausragenden Piloten unserer Zeit ist. Schade nur, dass er das nicht in einem Fahrzeug zeigen kann, das seinen Fähigkeiten entspricht.»

 

 

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