Zielflaggen-Witz: Sergio Pérez crasht, dennoch Rang 9

Von Mathias Brunner
Formel 1

​Die Zuschauer beim Grand Prix von Japan wunderten sich: Sergio Pérez, wegen einer Kollision mit Gasly von der Bahn geflogen, wurde auf Rang 9 geführt. Wie geht das? Schuld ist ein Zielflaggen-Witz.

Wir kennen das aus unzähligen Rennen: Dass ein Fahrer zwar ausfällt, aufgrund der zurückgelegten Distanz jedoch gewertet wird. Seltener ist der Fall, dass ein Pilot sein Auto in der letzten Runde eines Grand Prix schrottet, dennoch aber Neunter wird. Wie konnte das bei Sergio Pérez in Suzuka gehen? Die Antwort lautet: Weil die Zielflagge beim japanischen Grand Prix zu früh gezeigt worden ist!

Formel-1-Rennleiter Michael Masi hat eine Untersuchung eingeleitet. Der Australier will wissen, wie das passieren konnte: Valtteri Bottas und dessen Fahrerkollegen wurden nach den geplanten 53 Rennrunden von Suzuka mit der karierten Flagge abgewunken, doch schon eine Runde zuvor, also am Ende der 52. Runde, wurde die elektronische Tafel aktiviert, auf welcher ebenfalls eine karierte Flagge zu sehen ist! Einige Fahrer reagierten am Funk irritiert und erhielten von ihren Teams die Anweisung, auch die 53. Runde zu fahren.

Im Sportreglement steht unter Artikel 43.2: «Sollte – aus welchem Grund auch immer – das Zielsignal gegeben werden, bevor das führende Auto die geplante Rundenzahl vollendet hat, so gilt die Reihenfolge aus der Runde zuvor.» Aus der Reglementsprache übersetzt und auf Suzuka umgesetzt: Es gilt der Stand nach 52 Runden, nicht nach 53. Und da war der Wagen von Pérez noch auf Rang 9 und stand nicht ramponiert neben der Bahn, nach einem Rempler von Gasly.

Rennchef Masi: «Nach ersten Erkenntnissen handelt es sich um einen Systemfehler, wir forschen nach der Ursache, und ich will dem Ergebnis nicht vorauseilen. Wir haben zur Saison 2019 hin die Regel so geändert, dass die Anzeige auf der elektronischen Tafel als das massgebliche Signal gilt, nicht die klassische, geschwenkte Flagge. Wir müssen nun herausfinden, wie das passieren konnte.»

Immer wieder Ärger mit der Zielflagge

Die von Masi angesprochene Regeländerung geht auf die Vorkommnisse von Montreal 2018 zurück – damals zeigte das kanadische Fotomodell Winnie Harlow die karierte Flagge zu früh. Tenor in den sozialen Netzwerken: Der Kleiderständer sei halt zu doof, um eine karierte Flagge zur rechten Zeit zu zeigen. Aber der Autoverband FIA korrigierte diese unfaire Fehleinschätzung. In Tat und Wahrheit hatte Harlow die Anweisung erhalten, die Flagge zu zeigen und tat, wie ihr geheissen. Jetzt mal ehrlich: Wer von uns hätte schon zurückgefragt, ob es wirklich der richtige Zeitpunkt ist?

Harlow wurde der Befehl zum Abwinken zu früh erteilt, weil der Repräsentant des örtlichen Motorsportvereins das entsprechende Zeichen zu früh gab. Er hatte bei der Rennleitung nachgefragt, ob sich das Rennen in der letzten Runde befände, diese verstand den Funkspruch nicht als Frage und quittierte mit einem Okay.

Mit dem Fall Winnie Harlow war das Fass überlaufen. Denn es handelte sich nicht um den ersten Faux-pas. Das Gleiche wie in Kanada 2018 war in Shanghai 2014 passiert, ebenfalls wegen eines Kommunikationsfehlers. Fehler gab es auch in Interlagos 2002, Buenos Aires 1978 und Monaco 1970, um nur drei weitere Situationen darzulegen.

Zwei Runden vor Schluss des Grand Prix ausserhalb von Shanghai 2014 wurde Formel-1-Starter Charlie Whiting vom chinesischen Renndirektor Zhuang Tao gefragt, ob in der zweitletzten Kurve die weisse Flagge gezeigt werden solle. Allein für diese Frage hätte Tao die schwarze Flagge erhalten sollen (oder die rote Karte, ganz wie Sie wollen): Seit wann wird das in der Formel 1 getan? In den USA gibt es die weisse Flagge in der IndyCar- und NASCAR-Serie, gewiss, aber nicht im GP-Sport. Die meisten Fans wissen so etwas, wieso wusste es Tao nicht?

Es kam noch schlimmer. Whiting, leicht perplex, antwortete: «Nein, natürlich nicht.» Worauf Tao dem Mann mit der karierten Flagge mitteilte: «No flag now.» (Keine Flagge jetzt.) Ob der arme Chinese mit der karierten Flagge in der Hand nur «Flagge jetzt» gehört hat oder das erste «no» (nein) als «now» (jetzt) verstanden hat, ist nie ganz klar geworden. Jedenfalls hielt er wacker die karierte Flagge hinaus.

Rennleader Lewis Hamilton funkte sofort an die Mercedes-Box: «Äh, ich habe eben die Flagge gesehen!» Und das eine Runde zu früh, in der 55., statt in der 56. Runde. Gemäss Reglement muss in solchen Fällen das Klassement der Runde zuvor verwendet werden, also nach 54 Runden.

In Brasilien 2002 war es umgekehrt: Da wurde die Flagge nicht zu früh, sondern zu spät gezeigt. Damals wurde die Fussball-Legende Pelé (eigentlich Edson Arantes do Nascimento) gebeten, den Interlagos-GP zu beenden. Die Organisatoren waren so ergriffen von der Präsenz ihres Idols, dass dem Fussballer nicht gesagt wurde, wann er die Flagge raushalten soll.

Sieger Michael Schumacher flitzte über die Ziellinie – keine Flagge. Da plauderte Pelé im Rennleiterhäuschen gerade mit einem Mann, wie ein Film zeigt. Ferrari-Star Schumacher wunderte sich später: «Ich fuhr die Faust aus dem Cockpit, und dann dachte ich – wo nur ist die Flagge?»

Der zweitplatzierte Ralf Schumacher flitzte über die Ziellinie – keine Flagge. Dann erwachten die Brasilianer aus ihrem Tiefschlaf, und der überrundete Takuma Sato erhielt von Plé als Erster die karierte Flagge gezeigt.

In Buenos Aires 1978 war es ausgerechnet Rennlegende Juan Manuel Fangio, der den falschen Piloten abwinkte! Statt des Siegers Mario Andretti winkte Fangio den ebenfalls für Lotus fahrenden Ronnie Peterson als Ersten ab, doch der Schwede war nur Fünfter. Weil die ersten Vier (Andretti, Lauda, Depailler und Hunt) eine Runde mehr fahren mussten, entschloss sich die Rennleitung, eine Runde abzuziehen.

Und dann war da natürlich Monaco 1970, als Jochen Rindt in seinem Lotus den führenden Jack Brabham in einen Fehler jagte. Was dann geschah, konnte niemand besser formulieren als mein Journalisten-Vorbild Dieter Stappert, egendärer Schriftleiter der «powerslide».

Geniessen Sie jedes seiner Worte.

«Brabham spürt auf einmal den Druck, er spürt, dass er das, was da von hinten auf ihn zukommt, nicht aufhalten kann, er schiesst ein letztes Mal, ein allerletztes Mal auf die Gasometer-Haarnadel zu, in der Mitte der Strasse, links vorne sind Courage und Peterson, zum Überrunden, aber die halten sich weit aus der Schusslinie, und Brabham kommt daher, mit einem Irrsinnstempo. ‚Mensch’, denk ich, ‘ich glaub’, ich spinn, wieso bremst der nicht?’ Aber er hat gebremst, nur zu spät, ausserdem ist er zu weit rechts, ganz innen, da liegen Dreck und Staub und Gummibrösel, und Brabham rutscht, rutscht an uns vorbei, die Räder blockiert und voll eingeschlagen, immer geradeaus, und da kommt Jochen, schaltet runter wie in der Fahrschule, dritter, zweiter, erster, schaut nach links, wo der Brabham in den Strohballen hängt, ein Streckenposten ist ihm auf die Schnauze gefallen, und der Lotus umrundet die Haarnadel und biegt als Erster in die krumme Zielgerade ein, die Tribünen explodieren, Hemden, Jacken, Anoraks, Hüte, Programme, alles fliegt durch die Luft, das Geschrei der Leute übertönt fast den Motorenlärm, und auf der Ziellinie steht der Mann mit der Flagge, er wartet auf Jack Brabham, die Flagge oben, der Mann glotzt dem Lotus mit offenem Mund nach, die Augen quellen ihm heraus, grenzenloses Unverständnis, ein einziges Fragezeichen, jetzt dreht er sich wieder um, jetzt, endlich, kommt der Brabham, mit zerknitterter Schnauze, wieder glotzt der Mann dem Auto nach, wieder fällt die Flagge nicht, und erst als Pescarolo kommt, da wird dem Mann klar, dass er nicht geträumt hat, dass Rindt Erster ist und Brabham verloren hat, und der Mann senkt die Flagge, und das Rennen ist aus.»

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