Kuriose MotoGP auch in Sachen Topspeed, doch Europa-Werk nicht zu stoppen
Die letzte Saison der 1000er-MotoGP-Ära wird als außergewöhnliche, mit Überraschungen und Dramen gespickte Kampagne in die WM-Geschichte eingehen. Die Topspeed-Wertung macht keine Ausnahme.
Die Motorrad-Straßen-WM ist mit Getöse in die zweite Hälfte einer schon jetzt bemerkenswerten Saison gestartet. Etliche Male wechselte das Kommando in den ersten zwölf Veranstaltungen. Nach einem fulminanten Start von Marco Bezzecchi drehte sich das Blatt nach dem Italien-GP wieder zugunsten des Champions und Arbeitgebers Ducati. Doch auf die Comeback-Serie von Marc Marquez folgte das Gegen-Comeback der zweiten Kraft aus Italien.
Mit gleich vier siegfähigen Aprilia-Piloten wurde beim letzten Event die alte Ordnung wiederhergestellt. Aprilia belegt in allen WM-Tabellen Platz 1. Während Ducati alles unternimmt, dagegenzuhalten, bleibt KTM nur die Rolle des Beobachters. Dank Pedro Acosta hält man dich die Werke aus Asien vom Leib. Honda und Yamaha betreiben derweil Schadensbegrenzung. Beide Werke sind bereits im Schwerpunkt voll in die Entwicklung der neuen 850er-Prototypen abgetaucht.
WM-Tabelle und Topspeed haben auch 2026 nur bedingt miteinander zu tun
Eine stets hochinteressante Disziplin der MotoGP ist die Höchstgeschwindigkeit der Prototypen. Daran hat sich auch bei eingefrorener Motorenentwicklung (mit Ausnahme von Yamaha) nichts geändert, denn insbesondere die immer komplexere Aerodynamik der Prototypen nimmt ebenfalls Einfluss auf die Leistung der Renner auf den Geraden. Die Betrachtung der erzielten Höchstgeschwindigkeiten zeigt aber auch, dass sich Prioritäten in Sachen Topspeed deutlich verschoben haben. Oder um es vorwegzunehmen: Die Rangliste in der WM hat nur sehr bedingt etwas mit Speed-Auswertung zu tun.
Das ließ sich gleich zu Beginn der 2026er-Saison festmachen. Marc Marquez stolperte noch in nicht bester Verfassung und mangelndem Vertrauen in die GP26 mit wechselhaften Resultaten los – «MM93» lag dennoch bei den drei ersten Events jeweils auf P1 bei der höchsten Geschwindigkeit im GP-Rennen. Im Grand Prix der USA etwa verlor der Weltmeister auf einer seiner Paradestrecken in Austin dennoch acht Sekunden auf Sieger Marco Bezzecchi, der nur auf Rang 14 der Topspeed-Liste geführt wurde.
Marc Marquez: Viermal die Nummer 1 auf den Geraden
Über mangelnde Kompetenz auf den Geraden konnte sich bislang kein Ducati-Pilot beschweren. Achtmal wurden Desmosedici-Fahrer an der Spitze geführt, viermal davon gebührte dem WM-Vierten Marc Marquez der Titel des Speedkönigs.
Außergewöhnlich das Bild im Aprilia-Lager. Die bislang erfolgreichsten MotoGP-Piloten, WM-Leader Jorge Martin und Teamkollege Marco Bezzecchi, hatten nie das schnellste Motorrad. Wenn eine Aprilia an der Topspeed-Spitze geführt wurde, was nur auf dem Sachsenring der Fall war, dann war es die RS-GP unter Ai Ogura. Wie sehr sich auch Ergonomie und Fahrstil auswirken, zeigt sich am Beispiel des Trackhouse-Duos Ogura und Fernandez.
In den Niederlanden gelang Trackhouse ein fabelhafter Doppelsieg. Ogura gewann mit zwei Sekunden vor seinem spanischen Teamkollegen. Beim Topspeed spielte die Mannschaft in Assen hingegen gar keine Rolle. Ai Ogura wurde als 13. gestoppt, Raul Fernandez war sogar nur 21. und gut vier km/h langsamer.
Nach wie vor gut aufgestellt zeigen sich die Österreicher. Beim letzten GP in Silverstone hatte Brad Binder das schnellste Werkzeug im Feld, trotz vermeintlichen Leistungsdefizits mit zurückgenommener Spitzendrehzahl. Auch der sehr kompakte Enea Bastianini tauchte 2026 bereits ganz oben auf der Tempoliste auf – doch WM-Rang 12 dokumentiert, dass die Probleme des Italieners in anderen Bereichen liegen.
2026 noch nicht mit Spitzenresultaten in Erscheinung treten konnten die Honda-Piloten. Ging es geradeaus, war man dennoch konkurrenzfähig. Dass man sich bei HRC mit Erfolg bemüht hat, Motorleistung und Luftwiderstand effizient zu nutzen, zeigte sich auf der schnellsten Geraden des Kalenders. Zwar hatte Aprilia-Pilot Jorge Martin im Training einen Rekordwert von 368,6 km/h erreicht, doch im GP war niemand schneller als Rookie Diogo Moreira – auch die Kollegen Marini und Mir wurden zudem in den Top 10 gelistet.
Chancenlos ist bislang nur das Quartett der Yamaha-M1-Piloten. Beständig rangieren die Piloten der neuen V4-Entwicklung ganz am Ende der Auswertung. Im Schnitt fehlen Quartararo und Co. zehn Stundenkilometer auf die Speed-Elite aus Europa.
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