Sauber-Russen: Schweizer TV warnt vor Hochstapelei

Von Mathias Brunner
Formel 1
Der Russland-Kenner Peter Gysling vom Schweizer Fernsehen

Der Russland-Kenner Peter Gysling vom Schweizer Fernsehen

Kaum freuen sich Sauber-Fans weltweit über die russischen Retter von Sauber, gehen die ersten Mahnfinger hoch. Sauber-Sprecher Hanspeter Brack sagt aber: «Wir sind über den Berg.»

Peter Gysling arbeitet als Russland-Korrespondent des Schweizer Fernsehens in Moskau. In der «Tagesschau am Mittag» warnt Gysling in Sachen Sauber-Rettung: «Für mich tönt die ganze Geschichte ein bisschen nach Hochstapelei. Das sind ja sehr bedeutungsschwangere Bezeichnungen dieser Institute, welche Sauber hier erwähnt.»

Der russische «Investment Cooperation International Fonds», der staatliche Fonds zur Entwicklung der Nord-Westlichen Russischen Föderation und das «Nationale Institut für Luftfahrt und Technologie» (NIAT) sind heute Montagmorgen als langfristige Partner des Hinwiler Formel-1-Rennstalls verkündet worden.

In der Sauber-Pressemitteilung von heute Morgen wird NIAT so beschrieben: «Das Nationale Institut für Luftfahrt und Technologie ?NIAT ist eines der führenden wissenschaftlichen Forschungsinstitute Russlands. Mit fast 1000 Mitarbeitern trägt das NIAT zur Entwicklung von Technologien und der Luftfahrt-Industrie bei.»

Gysling sagt weiter in der Sendung: «Alle drei Institute gibt es, die sind mit der Regierung verbunden. Aber es gibt kaum nachweisbare Aktivitäten. Das sogenannte Institut für Flugzeugbau etwa war lediglich an der Entwicklung von feuersicheren Sitzen für Trolley-Busse beteiligt. Das ist auch gar kein staatliches Forschungs-Institut, sondern eine private GmbH, die pikanterweise dem Vater des 17-jährigen, künftigen Formel-1-Fahrers Sergey Sirotkin gehört.»

Vater Sirotkin beschreibt seine Firma so: «NIAT liefert Lösungen zum Serienbau von Flugzeugen – in Form von Unternehmens-Beratung, Herstellung von Bauteilen, Metall-Bearbeitung, Verbundstoff-Verarbeitung, Hochpräzisions-Giessen und so fort. Wir entwerfen und bauen auch entsprechende Maschinen.»

Die Firma wurde im September 1920 als staatlich-wissenschaftliche Institution gegründet, den Namen hat sie trotz einer Privatisierung behalten.

Gysling bleibt skeptisch: «Es gibt sehr viel Geld hier in Russland. Ich gehe davon aus, dass auch Oligarchen an diesem Deal beteiligt sind. Sauber wird es so wahrscheinlich gelingen, seine Gläubiger vorderhand zu beruhigen.»

Andere Kritiker fragen sich, wie der Staatliche Fonds für Entwicklung der Nord-Westlichen Russischen Föderation zum künftigen Grossen Preis von Russland in Sotschi passe – der Föderationskreis Nordwestrussland ist eine administrative Einheit mit Verwaltungssitz Sankt Petersburg. Der Staatliche Fonds für Entwicklung der Nord-Westlichen Russischen Föderation ist ein gemeinnütziges Unternehmen, welches Programme, Projekte und Aktivitäten finanziert, die das Kulturerbe der Nord-Westlichen Regionen der Russischen Föderation unterstützen. Sotschi hingegen liegt in Südrussland.

Gegen-Argument: Wieso soll im Rahmen des kommenden Russland-GP nur die Region Krasnodar im Süden gefördert werden?

Und überhaupt: Staatliche Investitions-Fonds spielen auf den Kapital-Märkten eine immer grössere Rolle. Dabei steht die Schweiz immer öfter im Mittelpunkt des Interesses: Gemäss einer Studie des «Sovereign Wealth Fund Institute» (Institut für Staats-Fonds) haben in einem Zeitraum von 2005 bis 2011 nur die USA, Grossbritannien, China und Frankreich mehr SWF-Investitionen angezogen als die Schweiz!

Der norwegische Staats-Fonds beispielsweise ist in grossem Stil bei Schweizer Renommier-Unternehmen eingestiegen wie Nobel Biocare (weltweit grösster Hersteller von Zahn-Implantaten), Clariant (Spezial-Chemie), Logitech (Computer-Zubehör) oder Valora (Handels- und Logistik-Holding); Geld aus dem Staats-Fonds von Qatar steckt in zahlreichen Immobilien, vorwiegend in Luxus-Hotels. Auf dem Bürgenstock wird für 500 Millionen Franken eine Hotel-Anlage mit dem grössten Spa-Bereich von Europa gebaut, Geld aus Qatar steckt auch im Berner «Schweizerhof», im Lausanner «Royal Savoy», im «Radisson Blu» am Zürcher Flughafen.

Wieso also nicht auch eine russische Beteiligung an einem Schweizer Autorennstall?

Gysling spricht auch von einer Abhängigkeit, in die sich Peter Sauber begibt. Man müsse mit dem jungen Sergey Sirotkin arbeiten, weil dessen Vater beteiligt sei. Gysling warnt: «Die ganze Geschichte könnte unter Umständen auch in einer Sackgasse landen.»

Nur: Solche Abhängigkeiten gehören in der Formel 1 zum Tagesgeschäft – wo wäre denn der Williams-Rennstall heute ohne die mehr als 30 Millionen Dollar Mitgift der staatlich-venezolanischen Ölfirma PDVSA, die Pastor Maldonado in die Formel 1 hievte?

Es ist schwer vorstellbar, dass die Sauber-Besitzer Peter Sauber und Monisha Kaltenborn diese Abkommen verkünden, ohne die entsprechenden finanziellen Absicherungen in der Tasche zu haben.

Monisha Kaltenborn: «Details zur Zusammenarbeit werden wir später bekannt gegben, zu einem Zeitpunkt, den wir mit unseren Partnern festsetzen.»

Sauber-Sprecher Hanspeter Brack beruhigt die Gemüter: «Sauber ist finanziell über den Berg – der Rennbetrieb ist über diese Saison hinaus gesichert. Wir werden mit den drei Partnern nun in Ruhe schauen, welche gemeinsamen Projekte man anpacken kann und wo Vorteile für beide Seiten liegen. Frau Kaltenborn hat heute Morgen die Belegschaft über den Deal informiert, der auch für die Angestellten überraschend kam. Es gab spontan Applaus.»

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