Eric Boullier: «McLaren wartete auf einen Leader»

Von Agnes Carlier
Formel 1
McLaren-Renndirekto Eric Boullier: «Ron Dennis gewährt mir alle Freiheiten, das Team neu zu organisieren»

McLaren-Renndirekto Eric Boullier: «Ron Dennis gewährt mir alle Freiheiten, das Team neu zu organisieren»

McLaren-Renndirektor Eric Boullier offenbart, dass er mit mehreren Formel-1-Piloten im Feld über ein mögliches Engagement beim Rennstall aus Woking spricht und erklärt: «Das Team war im Standby-Modus.»
Eric Boullier, welche Aufgaben stehen für sie an?

Es gibt im Team selbst viel zu tun, um die Probleme des letzten Jahres zu überwinden. Wir sind zur Zeit aktiv dabei, das Team zu verstärken. John Neale, Ron Dennis und ich selbst leiten das Team und arbeiten hart daran, das Team und seine Fahrer wieder zu Bestleistungen anzutreiben. Aber das ist keine einfache Aufgabe.

Was geht ihnen durch den Kopf, wenn sie am Morgen ins McLaren Technology Centre kommen?

Ich denke an die Dinge, die auf meinem Tagesprogramm stehen.

Wie ist es, in einer derart speziellen Umgebung zu arbeiten?

Es ist sehr inspirierend. Alles wurde bis ins kleinste Detail durchdacht, um die Arbeit zu erleichtern und das funktioniert auch. Das Wasser ist sehr beruhigend. Worte wie Zen kommen einem dabei in den Sinn. Als ich in Frankreich noch für den Nachwuchsrennstall DAMS arbeitete, war mein Büro in verschiedenen Grautönen gehalten und die Decke war schwarz. Damals zogen mich die Leute auf und fragten, ob ich Ambitionen hätte, eines Tages bei McLaren zu arbeiten. Aber damals hätte ich nie darüber nachgedacht, eines Tages die Verantwortung für 650 Mitarbeiter zu tragen.

Welche Worte kommen ihnen bei McLaren in den Sinn?

Disziplin, Ordnung, Organisation. Ich bin ein Ingenieur, alles muss einer Logik folgen.

Wurden sie von der Herkules-Aufgabe, die sie bei McLaren erwartet hat, überrascht?

Ehrlich gesagt ja. Ich hätte nicht gedacht, dass es eine derart wichtige Herausforderung werden würde. Sie ist grösser als erwartet. Aber mein Optimismus leidet nicht darunter.

Wie würden sie ihre Ziele zusammenfassen?

Das ist ganz einfach: Das beste Team im Fahrerlager zu werden.

Was wird benötigt, um als Formel-1-Team wieder an die Spitze zurückzukehren?

Es gibt keinen leichten Weg. Wir befinden uns in einem grundlegenden Wandel. Hier im Team ist es sehr gemütlich und einige Leute haben eine bequeme Routine entwickelt. Wir müssen das Team wieder stärken, und es gibt einige schwierige Aufgaben, die anstehen. Aber wir werden an die Spitze zurückkehren.

Die Durststrecke dauert nun schon ziemlich lange an: Seit 16 Jahren hat McLaren keinen Konstrukteurstitel mehr geholt, nur einen Fahrer-WM-Titel seit der Jahrtausendwende erobert und seit 27 Rennen keinen GP-Sieg mehr errungen...

Ron Dennis gewährt mir alle Freiheiten, das Team neu zu organisieren. Und ich gehöre nicht zu jenen Menschen, die jeden Tag um Erlaubnis fragen: Darf ich dies oder jenes machen? Ich bin verantwortlich. Ron holte mich, weil er davon überzeugt ist, dass ich etwas Gutes tun kann. Dazu brauche ich auch die Freiheit, es zu tun, ganz einfach.

Wissen sie nach den ersten Wochen schon, was sich im Werk ändern muss?

Die Entscheidungsprozesse. Innerhalb des Managements läuft das wie geschmiert. Aber die Umsetzung gestaltet sich schwierig. Die Folge daraus ist, dass die Veränderungen und die ganze Dynamik etwas lahmen. Das müssen wir ändern.

Wie war die Stimmung im Werk?

Ich hatte das Gefühl, dass das ganze Team auf einen Leader wartete. Die Mannschaft war im Standby-Modus. Die Leute arbeiteten, doch es war ein bisschen wie: Wo wollen wir uns hinbewegen? Nach rechts oder links? Sie schienen sich zu wünschen: Bitte schickt uns jemanden, der uns führt.

Kann sich McLaren aus diesem Tief überhaupt erholen?

McLaren hat über die Jahre viele Rennen dominiert und gewonnen. Das Team kann sich sehr gut wieder zurückkämpfen. Vielleicht hatte sich die Mannschaft in den letzten Jahren etwas zu sehr auf das Wir-wissen-wie-es-geht und das Wir-wissen-schon-was-wir-machen konzentriert. Manchmal hätte das Team wohl über den eigenen Tellerrand blicken sollen. Selbstbewusstsein ist gut und gehört zum Optimismus dazu, aber es kann auch zu viel des Guten sein.

Haben sie die Erfolgsformel für den WM-Titelgewinn schon gefunden?

Sie ist sehr einfach: Um als Team an der Spitze mitzukämpfen, brauchst du einen Werksmotor und keinen Kundenmotor.

Sie setzen also auf den Honda-Deal, der 2015 startet? Ist damit eine Wiederholung des gemeinsamen Erfolges der späten 80er-Jahre möglich?

Das ist nicht der einzige Erfolgsfaktor, alles muss perfekt sein: Wir müssen jedes Mosaiksteinchen an die richtige Stelle setzen: Die besten Fahrer, die beste Expertise, die beste Ingenieursleistung, alles muss einfach Spitzenklasse sein. Dann klappt das auch mit dem Titel.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit Honda derzeit?

Honda arbeitet in den japanischen Werken in Tochigi und Sakura auf Hochtouren an der Antriebseinheit. Honda ist nicht nur für den V6-Turbo verantwortlich, sondern auch für das ganze Energierückgewinnungssystem. McLaren ist für das Chassis und die Anordnung des ganzen Systems zuständig. Natürlich vergeht die Zeit wie im Fluge und es gibt noch sehr viel zu tun, bevor wir im Januar 2015 bereit sein werden.

Und wie sieht es auf der Fahrerseite aus? Läuft die Suche nach künftigen McLaren-Piloten schon?

Es gehört zu meinen Aufgaben, mit den Fahrern in Kontakt zu stehen und zu wissen, in welcher Situation sich die Fahrer befinden. Ja, ich spreche mit einigen Fahrern im Feld. Derzeit wollen wir nur herausfinden, in welcher Position sie sich befinden. Denn es geht ja ums richtige Gesamtpaket. Wir wollen also wissen, ob und wann sie zu McLaren stossen könnten. Doch es geht nicht darum, um jeden Preis einen Weltmeister im Auto zu haben. Das willst du nicht, wenn dein Auto zwei Sekunden langsamer ist als die Spitze. Das wäre nicht nur ein bisschen zu teuer, sondern auch schwierig zu handhaben. Wir wollen natürlich die bestmögliche Fahrerpaarung, denn das ist ein Erfolgsfaktor. Wir werden uns einig, wenn alle bereit dazu sind.

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