Erinnerungen an den Sportsmann Doriano Romboni

Kolumne von Günther Wiesinger
Moto2
Brasilien-GP (250 ccm) 1995: Doriano Romboni (re.) neben Sieger Biaggi

Brasilien-GP (250 ccm) 1995: Doriano Romboni (re.) neben Sieger Biaggi

Doriano Romboni war nicht nur ein erstklassiger Motorrad-Rennfahrer. Er war ein Gentleman aus gutem Hause. Vielleicht ein bisschen zu nobel für dieses harte Geschäft.

Unfassbar. Doriano Romboni ist tot. Beim Supermoto-Rennen in Latina verunglückt.

Seit seinem GP-Rücktritt nach der Saison 1998 habe ich ihn nicht mehr oft getroffen. Ein paarmal in Mugello, zwei- oder dreimal.

Und dann am vergangenen Montag, am 25. November. Ich sitze in einem engen Air Nostrum-Flieger der Fluggesellschaft Iberia. Der Flug IB8592 sollte eigentlich um 16 Uhr vom Flughafen Madrid Barajas nach Almeria abheben, zum letzten grossen Moto2- und Moto3-Test der Saison.

Ich sitze rechts am Fenster, Reihe 12. Gegen 16.15 Uhr tauchen einige Passagiere auf, die offenbar verspätet in Madrid eingetroffen sind und dann zum Anschlussflug nach Almeria gehetzt sind.

Ein paar Gesichter kommen mir bekannt vor.

Drei Reihen vor mir setzt sich Doriano «Rambo» Romboni auf einen Gangplatz. Er ist beim Hetzen Richtung Gate sichtlich ins Schwitzen gekommen. Er zieht ein Kleidungsstück nach dem anderen aus und verstaut es oben in der Ablage. Dazu seine moderne Lederhandtasche, die er beim Betreten des Flugzeugs um die Schulter hängen hatte.

«Rambo» hat sich in den letzten 15 Jahren nicht verändert, denke ich mir. Kein Gramm zugenommen. Er sieht fit aus. Der aus wohlhabenden Hause stammende Romboni war modisch gekleidet, wie immer. Seinen modischen Schal legt er auch im Flugzeug nicht ab, obwohl ihm warm geworden ist. Mit ihm kamen Roberto Locatelli an Bord und die Team-Italia-Piloten Andrea Locatelli und Matteo Ferrari. Sie lassen sich unweit von Romboni in ihre Sitze fallen.

Ich grüble nach. Was tut Romboni bei einem GP-Test in Almeria?
Irgendwo habe ich gelesen, dass er eine Aufgabe im GP-Sport übernommen hat. Aber ich erinnere mich nicht an Einzelheiten.

Als wir nach dem 55-Minuten-Flug auf dem im Winter wie ausgestorben wirkenden Flughafen in Almeria landen, die Runway liegt direkt am Meer, treffe ich Doriano vor dem Gepäck-Förderband.
Er begrüsst mich herzlich. Er spricht immer noch ein ausgezeichnetes Englisch.

«Was treibst du hier», erkundige ich mich.

Doriano deutet auf seinen Freund Roberto Locatelli, den 125-ccm-Weltmeister von 2000. «Ich bin jetzt an seiner Stelle beim Team Italia», erzählt er. Dann zeigt er auf einen jungen Mann. «Locatelli», sagt er und stellt mir den neuen italienischen Moto3-Meister vor.
Roberto Locatelli, mit dem jungen Andrea nicht verwandt, dreht uns den Rücken zu, wendet sich dann zu uns und fragt grinsend: «Ja, was ist?» «Loca» weiss genau, dass nicht von ihm die Rede ist und lacht...

«Ich nehme jetzt fürs Team Italia Andrea Locatelli und Matteo Ferrari unter meine Fittiche», erläutert Romboni. Als eine Art Riding Coach.

«Wirst du Teammanager statt Alfredo Mastropasqua», frage ich.
«Nein, Alfredo hat mich engagiert, er bleibt Teamchef. Ich übernehme die Aufgaben von Roberto, der wechselt ja zu Italtrans. Ich war in diesem Jahr schon in einer ähnlichen Position beim Team Italia tätig, in der Superstock-600-EM. Wir haben diese Meisterschaft mit Franco Morbidelli gewonnen.»

Dann schnappen wir uns unser Gepäck, die Wege trennen sich.
Ich denke mir: Ich muss Doriano in den nächsten drei Tagen mal interviewen. Aber ich treffe ihn nie mehr.

Dann diese Hiobsbotschaft heute am frühen Nachmittag. Mir fehlen die Worte.

Ein Sympathieträger

Doriano war ein Sympathieträger. Immer freundlich, nur auf der Rennstrecke kompromisslos, ehrgeizig, schnell, ein Mann mit WM-Format.

Er war auch in der Weltmeisterschaft ein Senkrechtstarter. Ich sehe ihn noch, wie er 1990 auf der Honda auf dem Nürburgring und in Assen seine ersten WM-Rennen gewann und um die WM kämpfte. Er wurde Zweiter in Frankreich und England, die WM beendete er als Vierter.

Nachher wechselte er in die 250-ccm-Weltmeisterschaft, er schloss sie zwischen 1992 und 1995 auf den Rängen 10, 5, 4 und 9 ab.

«Rambo» war eine Art Herrenfahrer, vielleicht holte er deshalb aus seiner Begabung nicht das Maximum heraus. Finanziell hatte er nie Sorgen, es stammte aus einer begüterten Familie, wie gesagt.

Mein Freund Paolo Scalera, eine italienische Reporter-Legende, seit 1976 in der WM dabei, kümmerte sich immer wieder um die Karriere von Doriano Romboni, suchte für ihn Sponsoren und fädelte den Transfer ins 250er-Honda-Werksteam von Dieter Stappert ein. Damals hatte Doriano lauter bayerische Mechaniker, mit Sepp Schlögl an der Spitze. 1995 war das, er wurde WM-Neunter.

Ich rufe Sepp Schlögl an. Er hat noch nichts von diesem Unglück gehört. «Ach, hör auf», seufzte der ehemalige Chefmechaniker von Stars wie Dieter Braun, Toni Mang, Helmut Bradl, Ralf Waldmann und Thomas Lüthi. «Wie ist das passiert? Ein Autounfall?»

Ich schildere Sepp Schlögl die Einzelheiten. «Ein Wahnsinn», meinte er betroffen. «Doriano war eine Zeit lang sauschnell. Aber er hatte dann einige schwere Verletzungen.»

1998 steuerte Romboni noch die MZ 500. Dann wechselte er in die Superbike-WM.

Der Motorsport hat einen Weltklassefahrer verloren. Dass es ausgerechnet bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung für den tödlich verunglückten Marco Simoncelli passieren musste, ist eine unbeschreibliche Ioronie des Schicksals. Sprachlosigkeit macht sich breit.

Mit Doriano Romboni ist nicht nur ein sechsfacher GP-Sieger von uns gegangen, sondern ein besonders liebenswürdiger Mensch, ein Gentleman alter Schule. Ein Ehemann und dreifacher Vater. Aus seiner ersten Ehe mit Arianna stammt Valentina (14); seine zweite Frau Sara brachte Carolina (4) und Margherita (3) zur Welt.

Andrea Locatelli und Matteo Ferrari werden den Weg an die Weltspitze ohne ihn gehen müssen. Er hätte diesen vielversprechenden Moto3-Rookies tausend gute Ratschläge geben können. Jetzt nimmt er sie mit ins Grab.

Ich bin traurig. Ciao, Doriano.

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