Circuit of Wales: Das grösste Motorsport-Luftschloss?

Kolumne von Günther Wiesinger
Moto2
Der Circuit of Wales existiert bisher nur in den Köpfen der Investoren und Politiker

Der Circuit of Wales existiert bisher nur in den Köpfen der Investoren und Politiker

Eigentlich hätte der britische Motorrad-GP bereits 2015 in Wales stattfinden sollen. Aber die gross angekündigte Rennstrecke existiert bis heute nicht. Der Circuit of Wales droht ein Reinfall und eine Blamage zu werden.

Silverstone gilt als «Home of Motorsport», ganz Grossbritannien als Ursprungsland des motorisierten Rennsports. Die legendäre Tourist Trophy auf der Insel Man bleibt ein Denkmal, auch wenn es nicht mehr in die heutige Zeit passt, mit 215 km/h Schnitt über öffentliche Strassen zu brettern, noch dazu auf einem 60 km langen Rundkurs, der sich Mountain Circuit nennt.

Aber in England gehen die Uhren sowieso anders.

Es herrscht Linksverkehr, es wird in Inches, Yards und Miles gemessen, in Gallons, Fish and Chips gelten als bevorzugte lukullische Genüsse, die Briten erfreuen sich am stundenlangen Schlange stehen, die Pubdichte hat sagenhafte Ausmasse angenommen.

Und nirgendwo ist die Rennstreckendichte so gross wie hier, von Brands Hatch über Mallory Park bis zu Donington Park, Silverstone, Cadwell Park und so weiter. Kaum ein Flughafen, der keine Racing-Vergangenheit hat, das «Festival of Speed» in Goodwood ist ein Mekka für alle Motorsport-Verrückten.

Da wollten die Politiker im tristen Wales nicht länger nachstehen. Wales sollte nicht länger motorsportliches Niemandsland bleiben; also kündigten die Politiker und ein paar zuversichtliche Investoren vor bald fünf Jahren den monströsen Bau des «Circuit of Wales» an.

Dort hätte schon 2015 der British Motor Cycle Grand Prix abgewickelt werden sollen.

Aber der Circuit of Wales könnte sich als grösstes Luftschloss der britischen Motorsport-Geschichte entpuppen. Bis heute sind die Pläne nicht bewilligt, bis heute ist die Finanzierung nicht gesichert, die Politiker haben längst kalte Füsse bekommen, die Umweltschützer laufen Sturm gegen das Mega-Projekt, das in einer ersten Ausbauphase bis 2017 rund 218 Millionen Euro kosten soll, bis zum Ende der Ausbauphase sogar stolze 430 Millionen Euro.

Ob damit wirklich 6000 Arbeitsplätze gesichert und jährlich bis zu 750.000 Zuschauer ins entlegene Blaenau Gwent (45 Minuten von Cardiff entfernt) gelockt werden können, ist höchst unglaubwürdig.

Am Freitag wollte ich in Silverstone mit dem Circuit-of-Wales-Manager Chris Herring um 1000 Pfund wetten, dass dieses Projekt niemals Wirklichkeit wird.

«Mehr als 10 Pfund wette ich nicht dagegen», grinste der ehemalige HRC-Marketing-Manager und heutige Rennstrecken-Befürworter.

Da die Firma «Heads of the Valleys Development Company» als künftiger Rennstreckenbetreiber in Wales bereits einen Fünf-Jahres-Vertrag mit der Dorna zur Durchführung des British Grand Prix abgeschlossen hat, muss dieses Unternehmen jetzt fünf Jahre lang (bis inklusive 2019) die Abwicklung des britischen Motorrad-WM-Laufs gewährleisten und das finanzielle Risiko tragen.

Immerhin sind bereits viele Funktionäre im Paddock mit «Circuit of Wales»-Mützen zu sehen.

Diese Mützen stellen bisher das einzige handfeste Erzeugnis der Heads of the Valleys Development Company dar.

Der British Grand Prix befindet sich also weiter auf der Suche nach einer wahren Heimat. Der Silverstone Circuit gilt als Autorennstrecke, Fahrer, Teams und die Dorna fühlen sich hier nicht wirklich wohl. Der Zustand des Fahrbahnbelags ist jämmerlich.

Der teure und aufwändige Silverstone Wing wird von der MotoGP-Familie seit zwei Jahren (im Gegensatz zur Formel 1) verschmäht.  Die GP-Fahrer sind zur alten Start/Ziel- und Boxenanlage zurückgekehrt, weil hier das Fahrerlager grösser, die Infrastuktur besser ist und die Zuschauer gegenüber den Boxen einen besseren Überblick geniessen.

Aber die Circuit-of-Wales-Manager geniessen in Silverstone nur Gastrecht, so erhielten sie keinen Zugang für das Media Centre. Das bisherige Pressezentrum wurde anderweitig vermietet. Es wurde also für die Journalisten und Fotografen ein Zelt aufgebaut, in dem es am Morgen ziemlich kalt ist, durch die fast direkte Sonneneinstrahlung sind die Bildschirme nur mühsam ablesbar, man ist für jede vorüberziehende Wolke dankbar. Auf Toilettenanlagen wurde vergessen; sie sind rund 600 Meter entfernt, man muss das Areal verlassen und den Ausweis zweimal scannen lassen.

Donington Park wäre für die Motorradstars die geeignetere Rennstrecke, aber das Management rund um den Sohn von Donington-Gründer Tom Wheatcroft konnte sich mit den Circuit of Wales-Leuten nicht einigen. Die neuen British-GP-Promoter sollten auch gleich den millionenteuren und längst überfällen Umbau der veralteten Donington-Anlage finanzieren.

Der «Circuit of Wales» wäre dann sozusagen ein schönes Stück nördlich in der engeren Heimat von Robin Hood entstanden.

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