Assen-GP: Die Ursachen des langjährigen Erfolgs

Kolumne von Günther Wiesinger
Moto2
Die Dutch-TT in Assen ist der traditionsreichste Grand Prix im Kalender. Der Publikumserfolg hat viele Ursache. Die Veranstalter setzen auf Qualität – seit Jahrzehnten, in vielen Belangen.

«Sieben Jahre lang habe ich dem Veranstalter in Assen nahelegt, die Rennen am Sonntag statt am Samstag auszutragen», verriet Dorna-Chef Carmelo Ezpeleta bei der Dutch-TT am Wochenende gegenüber SPEEDWEEK.com. «Aber sie haben sich immer mit dem Argument der Tradition dagegen gesträubt. Ich habe erwidert: Die Zeiten haben sich geändert, viele Menschen haben für Samstag andere Pläne. Erst vor einem Jahr haben die Niederländer eingewilligt. Und was ist passiert? Der Grand Prix war ausverkauft.»


Am vergangenen Sonntag erschienen in Assen 105.000 Zuschauer. Das waren trotz des nicht gerade einladenden Wetters 10.000 mehr als im Vorjahr.

Egbert Braakman, jahrzehntelang Rennsekretär der Stichting Circuit van Drenthe, legte uns die genauen Zahlen vor. «Am Renntag 2016 wurden 105.000 Zuschauer gemeldet. Davon haben rund 91.000 eine Eintrittskarte bezahlt.»

Jaap Timmer, jahrelang Promoter der Dutch-TT, nebenbei Vorsitzender der FIM Road Racing Commission (CCR), dazu Opel-Händler, kann sich auch an die allerbesten Zeiten erinnern.

«1982 hatten wir am Renntag hier 142.000 Zuschauer. Aber damals war die Strecke mehr als 8 km lang. Auf der heutigen 4,5-km-Piste würden wir so viele Fans gar nicht mehr unterbringen.»

Jaap Timmer kennt auch viele Gründe, warum die Dutch-TT auf die Fans eine so grosse Anziehungskraft ausübt.

Ich selbst habe diesen Event oft als «Mekka des Motorradsports bezeichnet», als Wimbledon für Zweiradfreunde, die Engländer sprechen von «The Cathedral of Speed».

«Wir haben auch vor der Dorna-Ära immer ein ausgezeichnetes Programm gehabt. Wir haben alle sechs WM-Klassen durchgeführt, das hat sonst fast niemand gemacht, bestenfalls Deutschland», hält der Niederländer Jaap Timmer fest. «Auch nach 1992, als nur noch drei WM-Klassen übrig blieben, haben wir immer attraktive Rahmenrennen veranstaltet, inklusive Seitenwagen. Wir haben auch bei der Auswahl der GP-Fahrer in erster Linie Wert auf beste Qualität gelegt. Kollege Wilhelm Herz aus Hockenheim hat einfach immer möglichst viele Deutsche genommen.»


Die Ursache für den Zuschauer-Erfolg von Asssen (seit 1949 immer im GP-Kalender) hat aber auch weitere Ursachen. Dazu gehört der unverrückbare Traditionstermin am letzten Juni-Samstag (jetzt halt Sonntag), dazu gehören die christlichen Preise, die wilde TT-Nacht, aber auch die romantischen Camping-Abenteuer in den oft nassen Wiesen rund um den TT-Circuit, wo das Bier in Strömen fliesst. Lagerfeuer-Romantik. Woodstock mit Motorenlärm.

Einmalig auch die vielen «Helmparks», wo die Zehntausende Motorradfahrer ihre Helme abgeben können, kostenlos natürlich.
Noch ein Hinweis für viele andere Veranstalter: In Assen parkt fast jedes Motorrad auf Asphalt, dafür werden sogar Fahrradwege und am Sonntag sogar Zufahrtswege für Autofahrer gesperrt und abgeriegelt.


Assen nahm und nimmt immer eine Sonderstellung ein. Für zehn weitere Jahre ist der Vertrag jetzt verlängert werden.
Als Bernie Ecclestone für 1992 mit seiner Firma «Two Wheel Promotions» die Verträge mit den GP-Veranstaltern machte, wollte er Assen vom Kalender streichen, weil sie mit Lucky Strike schon einen GP-Namenssponsor hatten. Die Niederländer liessen sich jedoch von Bernie nicht beeindrucken, pokerten und sagten: «Ein Motorrad-GP-Kalender ohne Assen ist wie eine Hochzeit ohne Braut.»


Ecclestone musste einlenken und Zugeständnisse machen, denn für die Teams, Werke, Fahrer und Fans wäre eine Streichung der Dutch-TT ein arger und peinlicher Rückschlag gewesen, ein Triumph für die FIM.

Assen nahm immer eine Sonderstellung ein. Nur die renommiertesten Journalisten wurden mit Presseausweisen verwöhnt, schon in den 1970er-Jahren. Egbert Braakman überwachte die Vergabe der Presseausweise jahrzehntelang so gewissenhaft und argwöhnisch, als wären es kostbare Wertpapiere. Wer für Assen akkreditiert wurde, gehörte zur Elite der schreibenden Zunft und hatte es als GP-Fotograf zu höchstem Ruhm gebracht.

Die Begeisterung der heimischen Fans erlebte Ende der 1970er- und zu Beginn der 1980 Jahre einen Höhepunkt. Mit Jack Middelburg, Boet van Dulmen und Will Hartog (genannt der «Weisse Riese») existierten damals in der 500-ccm-Weltmeisterschaft plötzlich drei niederländische Sieganwärter, die beim Heim-GP über sich hinauswuchsen.

1997 siegte Wil Hartog auf der Werks-Suzuki, 1978 wurde er Fünfter. Im Jahr 1979 belegten Hartog, van Dulmen und Middelburg bei der Dutch-TT die Ränge 3, 4 und 7. Im Jahr 1980 triumphierte «Jumping Jack» Middelburg, van Dulmen wurde Vierter. 1981 glänzten die Fliegenden Holländer noch einmal: 2. Van Dulmen. 5. Middelburg, der später bei einem Strassenrennen tödlich verunglückte.

Als der TT-Circuit noch eine Schotterpiste war, also in den 1920er-Jahren, stand neben der Strecke eine Kirche. Der Pfarrer ordnete an, man möge die Rennen gefälligst am Samstag fahren, denn am Sonntag müsse er die Messe lesen, er wolle aber dem Rennspektakel unbedingt beiwohnen.

Danach blieb der Samstag-GP-Termin bis 2015 bestehen. «Aber in der Superbike-WM und IDM sind wir ja immer am Sonntag gefahren», hält Ex-Promoter Jaap Timmer fest. «Der Samstag war also kein Muss, das hatte nichts mit Religion zu tun, nur mit der GP-Tradition.»

Die Dutch-TT verfügte jahrzehntelang über ein weiteres Alleinstellungsmerkmal: Die Piste wurde nur für Motorradrennen benützt, es gibt keine Leitplanken, es gab nie Fangzäune, der TT-Circuit galt als sicherste Motorradpiste der Welt, nur Gras neben der Piste, nicht einmal Kerbs oder Bordsteine. 
Früher war der unfreiwillige Besuch eines bekömmlichen Wassergrabens noch das Schlimmste, was einem Rennfahrer in Assen widerfahren konnte.

Die gut verdienenden Veranstalter investierten immer beherzt frisches Geld in ihre TT-Anlage. Zuerst wurde die Piste von mehr als 8 auf 6 km gekürzt.

1999 wurde die Infrastruktur modernisiert – Boxen, Tribüne, Media Centre, VIP-Räume, Tunnel, Parkplätze und so weiter.

Im Winter 2005/2006 wurde die Strecke noch einmal auf 4,542 km kastriert. Sie habe damit viel von ihrem Charakter verloren, beklagten die Fahrer. «Der erste Sektor sieht jetzt aus wie ein Parkplatz», sagt Stefan Bradl.

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