Mahindra/Peugeot: Streiken die Teams in Jerez?

Kolumne von Günther Wiesinger
Moto3
Davide Borghesi und Mufaddal Choonia

Davide Borghesi und Mufaddal Choonia

Jetzt könnte es für Mahindra Racing vollends peinlich werden. Das Peugeot MC Saxoprint Team will in Jerez streiken, wenn die Getriebeprobleme auch im ersten Training auftreten.

Nur Platz 16 für Alexis Masbou (in Katar 2015 noch GP-Sieger auf Honda) und Platz 21 für John McPhee (2015 noch Platz 2 beim Indy-GP, dazu zweimal bester Startplatz auf Honda) beim Moto3-WM-Rennen auf dem Circuit of the Americas (COTA), also keine Punkte für das deutsche Team.

Jetzt hat Teammanager Terrell Thien von den technischen Gebrechen an der Moto3-Rennmaschine von Peugeot die Schnauze voll. «Sollte Mahindra das Problem mit dem Getriebe in Jerez nicht beseitigt haben und wenn das Rausspringen der Gänge im FP1 wieder auftaucht, dann werden wir entscheiden, ob es für unsere Fahrer aus Gründen der Sicherheit sinnvoll ist, das zweite freie Training in Jerez am Freitagnachmittag zu fahren.»

Thien vermutet, dass auch andere Rennställe, die in der Moto3-WM 2015 die baugleiche Mahindra MGP3O einsetzen, ähnliche Überlegungen anstellen.

Und Thien kann sich jetzt ausmalen, warum sich die renommierten Siegerteams wie SKY VR46, Gresini und RW Racing (Loi) im Sommer 2015 nicht zum Umstieg von KTM oder Honda auf Peugeot/Mahindra überreden liessen.

SKY VR46-Teambesitzer Valentino Rossi hat letztes Jahr zur Genüge erlebt, wie sein Schützling Francesco «Pecco» Bagnaia im Mapfre-Aspar mit der Mahindra litt. Rossi würde Bagnaia am liebsten wieder auf einer KTM fahren sehen.

Das Kapitel «Mahindra in der Moto3-WM» ist ein Paradebeispiel für miserables technisches Management.

Die Fakten sprechen für sich: Mahindra liess die erste 250-ccm-Viertakt-Maschine für 2012 bei Engines Engineering in Italien bauen, wo schon Loncin, Malaguti und dann 2011 Mahindra übelste Reinfälle mit der 125er-Maschine erlebt hatten.

Fazit: Marcel Schrötter setzte sich im Juli 2012 mitten in der Saison wegen jämmerlicher Konkurrenzfähigkeit ab, das neue Werksteam heimste im ganzen Jahr insgesamt nur vier WM-Punkte ein.

Danach zog Mahindra Racing die Reissleine und liess das 2013-Bike bei Suter Racing Technology in der Schweiz bauen. Damit schaffte das Werksteam 2013 stattliche 173 Punkte für die Konstrukteurs-WM.

Doch die starke Italiener-Fraktion bei Mahindra (das Team setzte sich aus einigen ehemaligen Malaguti-Leuten zusammen) drängte den indischen Renndirektor Mufaddal Choonia zu einem Standortwechsel nach Besozzoo/Italien. Dort sollte anstelle des bewährten Suter-Konstrukteurs Alex Giussani der unbekannte Italiener Davide Borghesi die Weiterentwicklung betreiben.

Für 2015 ging das neue Kompetenzzentrum in Besozzo in Betrieb – mit einem unmittelbaren Effekt. Während Mahindra 2013 mit zwei Piloten 173 Punkte eingesammelt hatte, holten neun Fahrer zusammen im Vorjahr 120 Punkte.

Wayne Gardner, 500-ccm-Weltmeister 1987 auf Rothmans-Honda, bezeichnete die Rennmaschine seines Sohnes Remy in Misano kurzerhand als «Scheisshaufen».

Besonders schwer betroffen war der erfolgreiche spanische Teambesitzer Jorge «Aspar» Martinez, der in der kleinen Klasse mit Bautista (2006), Talmacsi (2007), Simón (2009) und Terol (2011) Weltmeister wurde.

Martinez liess sich für 2015 zur Übernahme des Mahindra-Werksteams überreden, er gründete für die Inder auch ein Junior-Team sowie ein Entwicklungs- und Testteam. Es war bisher der grösste Reinfall im Leben des vierfachen Weltmeisters.

Bagnaia schaffte im Vorjahr einen Podestplatz und landete in der WM als bester Mahindra-Fahrer auf Platz 14 (mit 76 Punkten).

Zum Vergleich: Zu Beginn der Suter-Ära wurde Miguel Oliveira 2013 auf der Mahindra-WM-Sechster mit 150 Punkten! Und 2014 reichte es für die Mahindra-Piloten Oliveira und Binder nach dem Werkseinstieg von Honda immerhin noch für die Schlussränge 10 und 11 mit 110 und 109 Punkten.

Trotz des Desasters im Vorjahr halste sich Mahindra Racing noch den Werkseinsatz mit der Zweimarke Peugeot für 2016 auf.

Martinez hatte verlangt, dass für die Saison 2016 für die Mahindra MGP3O wieder Suter-Konstrukteur Alex Giussani als Entwicklungschef engagiert werde. Das wurde ihm versprochen.

Aber Giussani hat seit 1. April 2016 mit Mahindra nichts mehr zu tun, sein Vertrag ist beendet worden.

Das haben die Teams beim Texas-GP zufällig erfahren.
Seither brodelt es bei den Mahindra-Teams, die 2015 mit vielen Versprechungen zum Bleiben überredet wurden und bei denen jetzt die Sponsoren auf die Barrikaden steigen.

Im Zentrum des Sturms steht Mahindra-Rennchef Mufaddal Choonia, der aus dem motorsportlichen Niemandsland Indien kommt und sich von seinen italienischen Einflüsterern übers Ohr hauen liess.

Vielleicht hätte er vor der Verpflichtung von Davide Borghesi einmal dessen Erfolgsbilanz studieren sollen. Borghesi ist im GP-Sport ein völlig unbeschriebenes Blatt. «Ich glaube, er war früher bei Husqvarna im Offroad beschäftigt», meint ein Mahindra-Teambesitzer.

Alex Giussani kam von Aprilia Reparte Corse und war dann bei Sauber Petronas Engineering in Hinwil/CH tätig, ehe er zu Suter wechselte, wo er zum Beispiel das MotoGP-Chassis für das Kawasaki-Werksteam entwickelte und mit seiner Mannschaft dreimal die Moto2-WM gewann, ehe er den ansehnlichen Suter MMX500-Production-Racer in Angriff nahm und für 2013 die konkurrenzfähige Moto3-Mahindra baute. Für 2016 hat Suter Racing Technology immerhin das Alu-Chassis für die Ducati Desmosedici von Dovizioso und Iannone entwickelt und gebaut.

Naja, das spielt jetzt alles keine Rolle mehr.

Es liegt aber die Vermutung nahe, dass sich bei Mahindra in der Saison 2016 nichts ändern wird.

Ja, «Pecco» Bagnaia schaffte beim Katar-GP 2016 überraschend Rang 3. (Die zweitbeste Mahindra/Peugeot kam mit Darryn Binder auf Platz 23!) Dieser Bagnaia-Erfolg wurde einer neuen Verkleidung zugeschrieben, die angeblich 1,5 Sekunden bringen soll und peinlicherweise nur für einen Fahrer vorrätig war. In Texas wurde erzählt: Diese Verkleidung stammt aus dem Jahr 2014.

Der Zwist zwischen Suter und Mahindra-Chef Choonia wurde schon vor zwei Jahren offenkundig. Er eskalierte dann in der Saison 2014.
Deshalb wurde das Mahindra-Racing-Hauptquartier von Turbenthal/CH nach Besozzo/Italien verlagert. Seither herrscht ein akuter Mangel an Moto3-Technik-Knowhow.

Ein Geniestrich war diese Entscheidung offenbar nicht.

Wie heisst es so schön: Der Fisch beginnt immer am Kopf zu stinken.

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