MotoGP 2017: Teamorder oder «Suggested Mapping»

Kolumne von Michael Scott
MotoGP
Jorge Lorenzo ließ seinen Teamkollegen Andrea Dovizioso trotz Teamorder nicht vorbei

Jorge Lorenzo ließ seinen Teamkollegen Andrea Dovizioso trotz Teamorder nicht vorbei

Der spannende MotoGP-Titelkampf zwischen Marc Márquez und Andrea Dovizioso führte 2017 zu einer hitzigen Diskussion über das Thema Teamorder in der Königsklasse. Und über das Verhalten von Jorge Lorenzo.

Man muss Jorge Lorenzo lieben. Oder vielleicht auch nicht. Es interessiert ihn ohnehin nicht. Er ist immer ganz bei sich, mit einem einzigartigen Blick auf seinen Platz in dieser Welt. Jorge machte aus der Teamorder beim Saisonfinale in Valencia ein Festmahl für Kritiker.

Das Thema Teamorder wird ohnehin kontrovers genug diskutiert. Vielleicht war es im Interesse von Anstand und Sportlichkeit, von Wahrheit und Schönheit, dass Jorge sich davon distanzierte. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass seine Meinung über sich selbst weit über den direkten Anweisungen von Menschen steht, die ihm wahrlich enorme Summe auf sein (wahrscheinlich Offshore-) Konto überweisen.

In Valencia sendete ihm das Ducati-Team einen sehr durchschaubaren Code auf das Dashboard seiner Desmosedici. Eine noch direktere Anweisung folgte auf seiner Boxentafel.

Dieser Code wurde bereits in Malaysia verwendet und wird nun für immer in die Motorradsport-Geschichte eingehen: «Mapping Suggestion: Mapping 8».

Das bedeutet: Fahr langsamer, verliere einen Platz. Lass deinen Teamkollegen vorbei, damit er das Rennen vielleicht beeinflussen kann. Er hat die Chance dazu. Und vielleicht gewinnt er den Titel. Also lass ihn durch.

Aber Jorge... Naja, er hatte eine bessere Idee. Also ignorierte er sie alle und machte einfach weiter. Diese Komödie setzte sich Runde für Runde fort. Die TV-Kameras der Dorna zeigten die Mechaniker an der Boxenmauer, die immer verwirrter dreinschauten und hilflos mit den Schultern zuckten. «Wir haben es ihm angezeigt», sagten Jorges Jungs zu Dovis Crew.

In der Box wunderten sich die älteren Semester genauso und starrten mit weit offenen Augen ungläubig auf die Monitore. Und Jorge machte weiter. Runde um Runde. Er zeigte ihnen nicht im Vorbeifahren den Mittelfinger, aber das brauchte er auch nicht.

Die Situation sah so aus: Dovi musste siegen und Márquez durfte nicht auf Platz 11 oder weiter vorne landen. Noch besser wäre es gewesen, wenn Márquez nicht ins Ziel gekommen wäre, das hätte die Sache vereinfacht. Im Rennen führte Johann Zarco vor Márquez und dessen Repsol-Honda-Teamkollegen Dani Pedrosa. Knapp dahinter Jorge und direkt an seinem Hinterrad Dovizioso. In manchen Sektoren der ziemlich albernen Miniatur-Strecke lag er nur wenige Zentimeter zurück. Doch er konnte ohne etwas Hilfe nicht überholen.

Sie lagen noch nah an der Führungsgruppe. Wenn Dovi den Anschluss geschafft hätte, dann wäre es möglich gewesen, Márquez in einen Fehler zu treiben. Der Spanier fabrizierte, nach zwei Stürzen an den Valencia-Trainingstagen, insgesamt erstaunliche 27 Abflüge im Verlauf der Saison.

Um ehrlich zu sein, die Chance war nicht groß. Dovi hätte nicht nur Márquez in einen Fehler treiben, sondern auch Pedrosa und Zarco besiegen müssen. Und das auf einer Strecke, auf der weder er noch die Desmosedici besonders gut zurechtkommen und Überholen in den langsamen Kurven schwierig ist.

Die meisten Beobachter und auch das Ducati-Management waren der Meinung, dass Dovi nach seiner hervorragenden Arbeit während der gesamten Saison zumindest eine Chance verdient. Die Nachricht «Suggested Mapping» wurde Jorge mindestens zwei Mal geschickt – mit ein paar Runden Abstand etwa zur Rennmitte.

Wenn er hätte antworten können, was im Gegensatz zur Formel 1 nicht möglich ist, wäre die Antwort vielleicht gewesen: «Suggested Action – Piss Off». Am Ende macht es aber keinen Unterschied. Beide Ducati-Fahrer stürzten und Márquez blieb durch seine üblichen kleinen Wunder auf dem Bike sitzen.

Das war nun nur die Obduktion der Geschehnisse. Und hier kommt noch mehr amüsierendes Zurückblicken. Der Einzige, der aus dieser Nummer mit noch mehr Ansehen herauskam, war Dovizioso selbst, denn er war immer ein Gentleman. Er verweigerte jeglichen negativen Kommentar. Egal, wie frustrierend diese kleine Lücke Runde für Runde sein musste. «Am Ende», sagte er, «half es mir dabei, sanfter zu fahren, als ich hinter ihm lag. Also war es positiv, dass er vor mir fuhr.» Ach ja?

Jorge blieb selbstherrlich und unabhänig. Er wusste es am besten. «Ich habe die Situation analysiert und dachte, dass es besser ist, ihn mit mir zu ziehen, damit wir die Führungsgruppe erreichen. Wenn wir Zarco und Pedrosa eingeholt hätten, dann hätte ich ihn ganz sicher durchgelassen.» Ach ja?

Doch die wildeste Rechtfertigung kam von Gigi Dall’Igna, General Manager von Ducati Corse, dessen Anweisungen ihm so öffentlich um die Ohren geflogen waren. Seine Teamorder wurde ignoriert. Doch er sagte, das sei nicht der Fall gewesen. «Die Fahrer sind diejenigen, die wirklich wissen, was gerade passiert. Die Nachricht war ein Vorschlag, keine Anweisung.» Ach ja?

Ich hoffe, es wird solche Missverständnisse nicht bei der Anzahl von Nullen hinter der ersten Ziffer auf Lorenzos nächstem Vertrag geben.

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