Valentino Rossi: Dark Side of the Moon

Kolumne von Michael Scott
MotoGP
Abgesehen von Marc Márquez‘ Titelgewinn, war es die wohl größte Überraschung des Jahres: Valentino Rossi trennte sich nach 14 Jahren und sieben gemeinsamen WM-Titeln von seinem Crewchief Jeremy Burgess.

Valentino Rossis Helmdesign basiert seit vielen Jahren auf der Gegenüberstellung von Sonne und Mond. Das Tag-und-Nacht-Motiv ist mittlerweile jedem Fan geläufig. Seine dunkle Seite zeigte Rossi kürzlich, als er seinen legendären Crewchief Jeremy Burgess nach 14 gemeinsamen Jahren vor die Tür setzte.

Immerhin hatte er den Anstand, beschämt zu reagieren, als er mit den unvermeidlichen Fragen konfrontiert wurde. Das Gerücht um einen Ersatz für Burgess hatte sich längst über den inneren Zirkel hinaus verbreitet. Rossi teilte seine Entscheidung sogar den 500-ccm-Weltmeistern Wayne Gardner und Mick Doohan mit, bevor er sie dem Mann eröffnete, der ihn zu sieben WM-Titeln geführt hatte.

Es schien, als würde Rossi sogar seine eigene Großmutter verkaufen, wenn es nötig wäre. So haben diese Entscheidung zumindest viele Menschen aufgefasst. Jeremy Burgess ist angesehen, sehr erfolgreich und im Fahrerlager eine wahre Institution. Man könnte sagen, er ist eine Ikone. Wenn jemand also Ikonenschändung betreibt, dann kann man das nur auf zwei Arten betrachten. Die meisten Menschen wählen den offensichtlichen Weg: Sie sehen es als einen Fall verzweifelter Selbsttäuschung oder den Hilferuf eines Untergehenden.

Die Yamaha kann man nicht verantwortlich machen, denn Jorge Lorenzo zeigt, was damit möglich ist. Auch der Fahrer ist nicht schuld, denn wenn er je an sich gezweifelt hätte, wäre er nicht Valentino Rossi. Also musste die Großmutter verantwortlich sein. Sie musste gehen, im Interesse besserer Rundenzeiten. Hinter dem charmanten Lachen und der Leichtigkeit seines Auftretens versteckte Rossi schon immer seine Rücksichtslosigkeit auf der Strecke. Nun bewies er sie auch abseits der Strecke.

«Man liest oft, dass Sportler, die auf ihr Karriereende zugehen, ihren Trainer oder ihren Caddy wechseln», erklärte Jeremy Burgess. Wie oft geht das gut? Nie, antwortete Burgess. Rossi war immer gut darin, die Menschen Lügen zu strafen. Auch in diesem Jahr tat er dies. Leider war es die Hoffnung der Optimisten, die er durch seine vierten Plätze, ad absurdum führte. Rossi war 2013 sicherlich «Best of the Rest», doch auch darum musste er stets kämpfen.

Normalerweise hatten die Kritiker immer Unrecht. Als Rossi vom dominanten Repsol-Honda-Team zu Underdog Yamaha wechselte, war dies der Fall. Rossi und Burgess machten alle Zweifler mundtot, doch das ist 2014 bereits zehn Jahre her. Marc Márquez war damals ein 11-jähriges Kind.

Rossi erlebt eine harte Zeit, seit er sich 2010 in Mugello sein Bein brach und sein Teamkollege Jorge Lorenzo den Weltmeistertitel holte. Der letzte Ausweg: Rossi stellte Yamaha vor die Wahl. «Entweder er geht oder ich gehe.» Rossi ging.

Das Ducati-Desaster, das folgte, konnte niemand voraussagen. Rossi und sein treuer Gefolgsmann Burgess rechneten damit am allerwenigsten. Heute sind Burgess‘ erste Aussagen über die Ducati berüchtigt. Der Australier prophezeite, dass die Set-up-Probleme, die ihnen von Sturzkönig Stoner vererbt wurden, schnell zu lösen wären. Diese Aussage warf später ein noch schlechteres Licht auf das einst so erfolgreiche Duo.

Obwohl sie Hand in Hand mit dem Werk agierten, machte das Projekt in den zwei Jahren einige Rückschritte. Weder Burgess noch Rossi konnten Ducati helfen. Für das Duo ist es wohl nur ein schwacher Trost, dass die Entwicklung sich nach ihrem Weggang genauso negativ fortsetzte.

Die Rückkehr auf «meine Yamaha M1», wie es Rossi formulierte, wurde von großen Erwartungen begleitet. Doch der neunfache Weltmeister fand ein Bike vor, das sich verändert hatte, seit sich nicht mehr die gesamte Entwicklungsabteilung um seine Wünsche kümmerte. Die Maschine war in der Zwischenzeit auf den sanfteren und weniger aggressiven Fahrstil von Jorge Lorenzo abgestimmt worden. Wie viele vielleicht wissen, pusht Rossi mehr und seine harten Bremsmanöver brachten ihn daher mit dem weichen Vorderreifen in Schwierigkeiten. Dieser Reifen wurde in der letzten Saison eingeführt und alle Fahrer befürworteten es, außer Dani Pedrosa und Casey Stoner.

Nachträglich erklärte auch Rossi, dass er von Anfang an gegen diesen Reifen war, aber «zu dieser Zeit steckten wir sowieso in der Scheiße.»

Probleme mit der Front und am Kurveneingang begleiteten Rossi durch die ganze Saison 2013. Nach viel hin und her besserte sich dies, aber beseitigen konnten sie die Schwierigkeiten nicht. Zudem war nur Lorenzo in der Lage, die Honda-Fahrer herauszufordern. Dass der Reifen Rossi wohl mehr bremste, als die Veränderungen an der M1, sagt eigentlich schon alles.

Auf dem Höhepunkt seiner Karriere erhielt Valentino streckenspezifische Reifen für den Renntag, die am Samstag von Michelin hergestellt und pünktlich zum Rennen geliefert wurden. Zehn Jahre später muss er sich mit den Einheitsreifen von Bridgestone begnügen. Anpassungsfähigkeit wäre hierbei also der Schlüssel zum Erfolg. Doch Anpassungsfähigkeit ist leider eine Sache, die immer schwieriger wird, wenn man einmal die 20er hinter sich hat.

Rossi wird im nächsten Jahr 35 und wäre daher perfekt als erfahrener MotoGP-Staatsmann an der Strecke zu gebrauchen. Vielleicht könnte er die Entwicklung eines Yamaha-Production-Racers leiten oder sich ganz auf das Teammanagement konzentrieren. Er wäre auch der perfekte Botschafter für die Weltmeisterschaft, wenn er von Strecke zu Strecke reist. Auf diese Weise könnte er auch seine unglaublich erfolgreiche Merchandising-Linie Hand in Hand mit der MotoGP-WM promoten. Man könnte prophezeien, dass er den Beckham-Style adaptiert und ihm ein Vertrag als Unterwäschemodel winkt.

Das Problem ist nur, dass Rossi nicht aufhören kann, ein Racer zu sein und auch weiterhin glauben wird, dass er wieder siegen kann. Burgess war ein notwendiges Opfer, um diesen Standpunkt weiterhin vertreten zu können.



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