Jorge Lorenzo: Wenn Angst die Kontrolle übernimmt

Kolumne von Sharleena Wirsing
MotoGP
In Assen räumte MotoGP-Star Jorge Lorenzo ein, dass er Angst hatte. Angst, dass sich sein Crash aus dem letzten Jahr, bei dem er sich das Schlüsselbein brach, wiederholen könnte.

Die Saison 2013 erlebte auf dem TT Circuit Assen ihren Wendepunkt, als WM-Leader Jorge Lorenzo stürzte und sich das Schlüsselbein brach. Obwohl der Yamaha-Star sofort nach Spanien zurückkehrte, sich operieren ließ, wieder nach Assen kam und im Rennen, 48 Stunden nach der Verletzung, unglaublicher Fünfter wurde, eröffnete sich eine klare WM-Chance für Rookie Marc Márquez.

Der Überflieger nutzte die mangelnde Fitness von Lorenzo und siegte in vier der fünf Rennen bis Silverstone. Obwohl Lorenzo in den letzten sieben Rennen noch fünf Siege feierte, wurde Rookie Márquez Weltmeister.

Diesen Rückschlag schien Lorenzo auch in der neuen Saison noch nicht verarbeitet zu haben. Der Superman von Assen ist 2014 nur ein Schatten seiner selbst. Beim Saisonauftakt in Katar stürzte der meist unfehlbar wirkende Lorenzo. Das nächste Rennen in Austin begann mit einem Desaster. Lorenzo legte einen fatalen Frühstart hin. Dem einst eisernen Spanier gingen die Nerven durch, auch wenn die offizielle Version des Frühstarts Insekten für die Ablenkung verantwortlich macht.

Seit diesem Zeitpunkt wirkt der Star wie ausgewechselt. Bei der Pressekonferenz nach dem Assen-Qualifying 2014 saß Lorenzo missmutig und abwesend wirkend in Yamaha-Hospitality vor den Journalisten. Als auf dem Flachbildschirm im Hintergrund der Sturz von Moto2-Pilot Robin Mulhauser zu sehen war, zuckte Lorenzo zusammen und starrte eine halbe Minute lang starr auf die TV-Bilder.

Angst als Karriere-Killer?

Nach Platz 13 im Regenrennen am Samstag räumte der Spanier ein: «Da war Angst im Spiel, es kamen Erinnerungen an 2013 auf, als ich um den WM-Titel kämpfte und mich hier bei solchen Verhältnissen verletzt habe. Ich war heute mit den Slicks nicht konkurrenzfähig... Ich denke, da steckte mir noch der Crash vom Vorjahr in den Knochen.»

Angst spielte auch bereits bei großen Fahrern wie Kevin Schwantz eine Rolle. Schwantz beendete seine Karriere, nachdem er einsah, dass er sich nach dem Unfall von Wayne Rainey auch selbst nicht mehr für unverwundbar hielt. Rainey verunglückte 1993 beim Grand Prix von Italien und blieb von der Brust abwärts gelähmt. Schwantz beendete seine Karriere nach den ersten Rennen der Saison 1995 nach einem Gespräch mit Rainey.

Der fünffache Weltmeister Toni Mang sagte einmal, dass man im Motorradsport auch kurze Momente von großer Angst überwinden muss. Tut man es nicht, wirkt sich dies womöglich lange Zeit oder endgültig auf die Karriere aus. Dies mussten viele Fahrer wie beispielsweise Alberto Puig feststellen. Er brach sich 1995 in Frankreich das Bein und konnte nach seiner Rückkehr 1996 nicht mehr an alte Ergebnisse anknüpfen. 1997 trat er mit 30 Jahren zurück.

Kein Fahrer ist unverwundbar

Doch es gibt auch Fahrer wie Mick Doohan, Barry Sheene oder Carlos Checa, die schwere Verletzungen und Angst überwinden konnten. 1992 gewann Doohan fünf der ersten sieben Rennen und lag bereits 53 Punkte vor seinen Gegnern. In Assen stürzte er im Qualifying jedoch schwer. Er brach sich das rechte Bein. Es bestand sogar die Gefahr einer Amputation, da das Bein nicht mehr ausreichend versorgt wurde. Im Anschluss musste er tatenlos zusehen, wie sein Vorsprung immer weiter schmolz. Er wurde mit vier Punkten Rückstand Vizeweltmeister, obwohl er sich in den letzten beiden Rennen wieder auf die Honda gequält hatte.

Natürlich gibt es auch Fahrer, die aus Angst vor Verletzungen kein unnötiges Risiko eingehen. Kenny Roberts jr. konnte sich beispielsweise nicht für mittelmäßige Platzierungen motivieren und ging daher kein besonderes Risiko ein, wenn er keine Chance auf ein gutes Resultat sah. Völlig furchtlose Fahrer findet man wohl nur auf der Isle of Man, aber dort findet man auch viele Tote.

Jorge Lorenzo kam 2008 als großer neuer Star in die MotoGP-Klasse, ähnlich wie Márquez. Bereits im dritten Rennen in Estoril siegte er und lag punktgleich mit Dani Pedrosa an der WM-Spitze. Nach spektakulären Stürzen lag er am Ende der Saison auf WM-Rang 4. 2009 erreichte Lorenzo das Ziel entweder unter den Top-4 oder gar nicht. Im nächsten Jahr holte sich der Spanier durch Präzision und Konstanz seinen ersten MotoGP-Titel. 2012 folgte der zweite.

Nach der Verletzung 2013, dem Titelverlust und dem desaströsen Saisonstart 2014 wirkt Lorenzo desillusioniert. Wie kann sich ein Fahrer befreien, der die Angst bereits in sein Unterbewusstsein kriechen ließ? «Angst haben wir alle. Der Unterschied liegt in der Frage wovor», sagte bereits der deutsche Schriftsteller Frank Thiess. Hat Jorge Lorenzo wirklich Angst vor einer weiteren Verletzung oder Angst vor der Möglichkeit einer endgültigen Niederlage gegen Marc Márquez?

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