Stefan Bradl: Was er für 2016 alles ändert

Von Günther Wiesinger
Aprilia-Werkspilot Stefan Bradl ist sich bewusst, dass er sich eine MotoGP-Saison wie 2015 (WM-18. mit 17 Punkten) kein zweites Mal leisten darf.

Als Stefan Bradl im August 2015 nach der Verhaftung von Forward-Yamaha-Teambesitzer Giovanni Cuzari (als Ersatz für Melandi) zum Aprilia-Werksteam gestossen ist, wirkte er schlagartig wieder motiviert, er strahlte wieder Zuversicht aus, er fand rasch Vertrauen zum Motorrad und freute sich über den Enthusiasmus der Aprilia-Mannschaft. Und er besiegte seinen Teamkollegen Bautista in neun Qualifyings gleich bei acht Gelegenheiten.

Bei Forward hatte sich bis Juli 2015 mit der Zeit Verdrossenheit breit gemacht. Es gab viele leere Versprechungen, aber keine wirklichen Verbesserungen beim Material, das Budget war knapp bemessen.

Aber der deutsche Aprilia-Neuzugang und Moto2-Weltmeister von 2011 blieb auch in der zweiten Saisinhälfte in den Rennen mehrmals hinter den Erwartungen. Das soll sich 2016 ändern. Due Fehler wurden analysiert und sollen ausgemerzt werden.

Stefan, du warst bei Aprilia in Indy sofort wieder richtig motiviert, du bist aufgeblüht, du hast gestrahlt. Denn du hast an vielen Details gesehen, wie stark sich die Aprilia-Mannschaft bemüht. Du hast dann vom ersten Tag an in den Qualifyings geglänzt. Aber es hat sich bald gezeigt, dass die Rennperformance verbessert werden muss. Wie lässt sich dieses Problem für 2016 lösen? Wie gehst du das an?

Zuerst einmal bemühe ich mich, wieder meine optimale Fitness zu erreichen. Als ich im Sommer zu Aprilia gekommen bin, war ich vorher fast drei oder vier Wochen wegen des Kahnbeinbruchs in Assen ausser Gefecht. Dann wurde Forward-Teamchef Cuzari eingesperrt, es wurde fast drei Wochen lang verhandelt, bis ich eine Freigabe bekam.
Ich war mit der Hand noch angeschlagen, als ich in Indy erstmals für Aprilia gefahren bin. Aber ich wollte nicht bis Brünn warten, um mich an das Motorrad gewöhnen zu können. Auch in Tschechien hatte ich im Rennen noch Schmerzen in der lädierten rechten Hand.
Einen gewissen Anteil am nicht perfekten körperlichen Zustand hatte auch die Tatsache, dass meine Motivation bei Forward etwas gelitten hat, weil ich gesehen habe, dass das Team nicht Vollgas gibt.
Ich hatte mich allerdings über den letzten Winter recht gut auf die Saison 2015 vorbereitet. Das hat gepasst. Ich war beim ersten Malaysia-Test gut dabei – mit Platz 8.

Die Rennperformance hat zu den Forward-Zeiten stark mit der instabilen Elektronik zu tun gehabt?

Ja, aber eines ist klar: Ich muss körperlich wieder in die bestmögliche Verfassung kommen. Ich habe nach dem Aprilia-Vertrag sofort wieder hart trainiert, sobald es das Kahnbein zugelassen hat. Der zehnte Platz beim extrem heissen Malaysia-GP ist ja ein Beweis dafür.
Ausserdem muss ich mich in den Rennen besser damit abfinden, wie ich mit nachlassendem Hinterreifen noch bessere Rundenzeiten fahren kann. Ich muss mich an geänderte Situationen besser anpassen, egal ob das Regen ist oder was auch immer. Wenn sich die Streckenverhältnisse während dem Rennen ändern, dann darf ich nicht gleich den Kopf in den Sand stecken und nicht mehr nur das Nötigste tun, sondern ich muss mich umstellen und rasch an die Verhältnisse anpassen. Das ist vielleicht etwas, was mir bei den letzten Rennen 2015 ein bisschen schwerer gefallen ist als manch anderem Fahrer.
Vielleicht hatte das körperliche Gründe, weil ich im Finish manchmal nicht mehr genügend Kraft hatte, mich damit zu befassen, meinen Fahrstil zu ändern oder andere Linien zu wählen. Ich bin dann oft nur meinen Stiefel runter gefahren.
Das Zweite ist, dass wir jetzt bei den kommenden Wintertests wieder längere Runs machen werden und so bald wie möglich mit Rennsimulationen beginnen. Wir müssen gebrauchte Reifen nehmen und dann die Zeiten mit neuen Reifen vergleichen, damit wir das Problem mit der Rennperformance einigermassen in den Griff kriegen.

Du bist dir bewusst, dass du dich 2016 beträchtlich steigern musst?

Ja, richtig. Und ich bin nicht der Typ, der die Gründe nur bei den anderen sucht, wenn die gewünschten Ergebnisse ausbleiben.
Es sind 2015 körperliche Defizite vorhanden gewesen. Ich hatte im Vorjahr nicht die beste körperliche Verfassung, besonders nach dem Kahnbeinbruch zu Saisonmitte.
Es war dann während der Saison nicht mehr viel Zeit und Gelegenheit, die körperliche Verfassung gross zu ändern und zu verbessern. Noch dazu konnte ich im Sommer wegen der Kahnbeinverletzung vier Wochen lang nicht viel tun. Aber ich bin überzeugt und hoffe, dass ich diesen Rückstand jetzt über den Winter wieder aufholen kann.

Durch die häufigen Elektronik-Probleme bei Forward hat auch dein Selbstvertrauen beim Fahren gelitten. Das hast im Juni gesagt: Ich bin fahrerisch nicht in bester Form. Bei Aprilia war das Selbstvertrauen in den Trainings rasch wieder da. Aber in den Rennen kamen Mängel zum Vorschein. Dirk Debus sagt, du müsstest bei abgefahrenen Reifen den Fahrstil ändern, weniger auf der Reifenflanke fahren, damit der Reifen weniger überhitzt und das Motorrad vor dem Beschleunigen etwas aufrichten.

Ja, da gebe ich Dirk Recht.
Ich habe 2015 auch das Motorradfahren abseits der GP-Pisten nicht ausgiebig genug praktiziert. Ich habe das Crossfahren jetzt verstärkt eingeplant. Bei vernünftigem Wetter bin ich ja in zehn Minuten auf der Crosspiste des MC Augsburg. Ich habe sogar einen eigenen Schlüssel für das Gelände und kann fast jederzeit hinfahren.
Zur LCR-Zeit habe ich manchmal in Frankreich mit Yves Demaria und in Spanien Carlos Checa trainiert. Auch für die nächsten Wochen habe ich mir einiges vorgenommen. Auch Sete Gibernau hat mich eingeladen.
Komischerweise war ich in den letzten Jahren bei den ersten Tests nach der Winterpause trotzdem jeweils immer relativ schnell. Ich habe nie lange gebraucht, um mich auf der GP-Maschine wieder zurechtzufinden.
Aber das kann sich jetzt auch ändern. Bei den Michelin hat keiner eine genaue Vorstellung, die verhalten sich anders. Keiner ist damit bisher ein Rennen gefahren. Wir werden ganz andere Voraussetzungen vorfinden als mit Bridgestone.
Aber das vermehrte Training mit dem Offroad-Motorrad bleibt ein Thema, auf das ich mich insgeheim auf alle Fälle fokussieren muss.
Denn es macht keinen Spass, in den letzten Rennrunden immer drei, vier Plätze zu verlieren.

Du bist 2012 in die MotoGP-WM gekommen. Damals gab es nur zwölf Fahrer auf Prototypen. Der Rest war auf Claiming-Rule-Bikes unterwegs, also chancenlos. Und die Honda war ein sehr konkurrenzfähiges Motorrad. Jetzt verfügen alle Fahrer über echte Prototypen, ausserdem hat Márquez das Niveau auf einen höheren Level gehoben, seither sitzen auch Rossi, Lorenzo und Pedrosa zwischen den Rennen mehr auf den Dirt-Bikes.

Das stimmt, ja. 2012 war für mich von der Anzahl der Gegner her das einfachste Jahr. Die Konkurrenz ist jedes Jahr ausgeglichener, härter und stärker geworden. Dazu gibt es mit Suzuki und Aprilia zwei Hersteller mehr. Ducati setzt 2016 bereits acht Prototypen ein und hat sich gegenüber 2012 ebenfalls stark verbessert.

Ausserdem fällt jetzt die Open-Class mit ihren Vorteilen weg. Durch die Einheits-Elektronik, die erstmals für alle Teams vorgeschrieben ist, rücken das Fahrkönnen und die Intensität des Trainings immer weiter in den Vordergrund.

Ja, deshalb sind meine Nachteile bei der Race Performance in der zweiten Saisonhälfte 2015 eklatanter als bisher zum Vorschein gekommen.
Deshalb schaue ich jetzt, wo ich Supermoto fahren kann, welche Partner ich fürs Motorradtraining finde. Vielleicht schliesse ich mich im Januar einmal mit Philipp Öttl zusammen, wenn er wieder nach Ottobiano runterfährt. Dann vielleicht im Februar noch einmal zwischen den zwei Übersee-Tests.
Leider war ich im Dezember mehr als zwei Wochen mit einer Mandelentzündung ausser Gefecht. Inzwischen ist sie abgeklungen; ich kann wieder richtig trainieren.

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