Der Top-Flop: Das Rätsel um Jorge Lorenzo

Kolumne von Michael Scott
MotoGP
Jorge Lorenzo

Jorge Lorenzo

Weltmeister Jorge Lorenzo musste in den letzten beiden Rennen schwere Rückschläge einstecken. Was raubt dem MotoGP-Star den Glauben an sich selbst?

Jorge Lorenzo ist der schnellste MotoGP-Fahrer der Welt. Jorge Lorenzo schloss die letzten beiden Rennen auf den Plätzen 10 und 15 ab. Beide dieser sich widersprechenden Aussagen sind wahr. Was ist also los mit dem Weltmeister?

Eine Antwort ist ziemlich offensichtlich. Die Abstände in der MotoGP-Klasse sind gering, der Unterschied zwischen Erfolg und Niederlage ist es ebenfalls. Doch sicher ist das nicht so zutreffend, wenn du schon 64 Grands Prix gewonnen hast, fünf Weltmeistertitel in der Tasche und eine Werks-Yamaha zwischen deinen Beinen hast.

Eine weitere Antwort schießt einem sofort durch den Kopf: Lorenzo ist ein vortrefflicher Fahrer, aber etwas eindimensional. Für ihn muss alles perfekt sein – der Asphalt, das Setting der Maschine und so weiter – bevor auch er alles wirklich perfekt machen kann. Wie es Randy Mamola, einer der Helden des goldenen Zeitalters, mir einmal beschrieb: «Er hat nur ein Messer in seinem Block.» Wenn auch ein sehr scharfes.

Doch auch das ist ein bisschen zu einfach gedacht. Um eine tiefgreifendere Antwort zu finden, müssen wir uns zuerst klar machen, was den Motorradrennsport von anderen Motorsportarten auf Asphalt unterscheidet. Es ist der personenbezogenste Sport. Einer der Faktoren, aber nicht der einzige, ist der veränderliche Schwerpunkt, der durch die Bewegungen des Fahrers gesetzt wird. Doch es gibt noch ein weiteres veränderliches Element, das subtiler ist: die psychische Verfassung.

Psychologische Spielchen sind ein wichtiger Bestandteil des Rennsports. Fragt einfach Rossi, der es zu seiner Spezialität machte, das Selbstvertauen seiner Gegner – das berühmteste Beispiel ist Max Biaggi – zu zerstören. Weiter ging es mit Sete Gibernau, Marco Melandri und fast jedem, der schnell genug war, um eine Gefahr darzustellen.

Und Jorge Lorenzo?

Bisher zeigte sich der Spanier von den psychologischen Angriffen seines On-off-Teamkollegen meist unbeeindruckt. Und es gibt keinen wirklichen Grund, warum sich das geändert haben sollte. Abgesehen von Rossis Anti-Spanier-Initiative im letzten Jahr, die sich auf Lorenzo und Márquez konzentrierte. (Vor allem Márquez scheint dadurch aber mehr an Stärke gewonnen als verloren zu haben.)

Doch Lorenzo ist in dieser Saison bereits achtmal gestürzt – eingeschlossen sind dabei zwei Rennstürze. Obwohl einer davon durch die menschliche Kanonenkugel Iannone verursacht wurde.

Was immer ihn 2016 aus der Fassung brachte, scheint von innen zu kommen. Eine Schlussfolgerung lässt sich durch seine komplexe Persönlichkeit ziehen. Jorge ist kein warmer Charakter, aber er ist intelligent, drückt sich gewählt aus, denkt analytisch, ist ein bisschen rätselhaft und hat tiefgreifenden Glauben an sich selbst. Tief, aber sich nicht bodenlos. Es ist jedoch genau umgekehrt, sobald das Wetter schlecht ist.

Lorenzo ist kein schlechter Regenfahrer. Es ist nicht so, dass er Angst vor Regen an sich hat. Doch irgendetwas daran kann seinen Glauben an sich selbst komplett untergraben, obwohl genau der normalerweise Lorenzos stärkste Waffe ist.

Wenn man Jorge über die Jahre hinweg beobachtet hat, dann ist es unmöglich, eine weitere seiner besten Waffen zu übersehen. Jene, die ihm selbst schadet. Es gab einige Geglegenheiten, bei denen er selbst sein größter Feind war. Und damit sind nicht nur seine PR-Ausrutscher gemeint. Liebe und Hass sowie Selbstachtung und Selbstverachtung gehen Hand in Hand – zumindest in seinem Fall.

Es scheint alles mit seinem berühmten Sturz in Assen 2013 begonnen zu haben. Als der Weltmeister in einem verregneten Training schnell unterwegs war, berührte er in der schnellsten Kurve eine weiße Linie, brach sich das Schlüsselbein, flog ins Krankenhaus, kam zurück und sicherte keine 48 Stunden später heldenhaft den fünften Rang. Das war unglaublich tapfer. Doch seitdem wird er vom Regen wie von einem Geist heimgesucht.

So schlimm wie in den letzten beiden Rennen war es jedoch noch nie. In Assen wurde er Zehnter, auf dem Sachsering landete er nur auf Platz 15. In beiden Fällen war er nur der bemitleidenswerte Schatten eines GP-Piloten. Und das war weit davon entfernt, ein angenehmer Anblick zu sein.

Es ruft mir das Scheitern anderer Talente in der Vergangenheit in Erinnerung. Ironischerweise auch das von Freddie Spencer, einst nahezu unschlagbar, wurde er innerhalb weniger Monate zu einem sehr durchschnittlichen (wenn auch für einige Zeit sehr überbezahlten) GP-Fahrer. Das Talent, das einst jedes Rennen erstrahlen ließ und einen Schatten über seine Gegner warf, wurde plötzlich zu einem gedämpften Lichtlein. Es war, als hätte er vergessen, wie man fährt.

Es ist ein eigenartiges Beispiel, denn wenn es eine Parallele zu dieser Ära gibt, dann wäre es Freddies Rivale Eddie Lawson, der den Beinamen «Steady» trug, da er so sanft, auf den Zentimeter perfekt und konstant fuhr. Das alles sind auch Lorenzos Gütesiegel. Es ist Márquez, der einen Hauch von Spencer zeigt. Schnell genug zu sein, um in fast jeder Kurve zu stürzen, aber das Talent zu haben, um die Stürze zu verhindern, ohne dabei langsamer zu werden.

Eine weitere Parallele, die noch nicht so lange zurückliegt, sorgt für noch mehr Unbehagen. Fällt irgendjemandem ein unvergleichlich talentierter Fahrer ein, der im Verlauf nur eines Winters von einem verlässlichen Siegfahrer zu einem kläglichen Verlierer wurde? Ja, niemand anderes als Rossi. Als er von Yamaha zu Ducati wechselte. Genau das, was Lorenzo im nächsten Jahr tun wird.

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