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Formel 1Kolumne

Ein besonderes Treffen 2011: Robin Herd, Paul Rosche und Jochen Neerpasch

SPEEDWEEK.com-Kolumnist Uwe Mahla über ein Treffen der Weggefährten Robin Herd, Paul Rosche und Jochen Neerpasch im Jahr 2011, bei dem allerlei Erinnerungen der vergangenen Tage auf den Tisch kamen.

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Jochen Neerpasch, Paul Rosche und Robin Herd zusammen mit «Strietzel» Stuck
Jochen Neerpasch, Paul Rosche und Robin Herd zusammen mit «Strietzel» Stuck
Foto: Jutta Fausel
Jochen Neerpasch, Paul Rosche und Robin Herd zusammen mit «Strietzel» Stuck
© Jutta Fausel

Vor vielen Jahren, es muss 2011 gewesen sein, durfte ich Zeuge und Teilnehmer eines Treffens dreier Persönlichkeiten aus dem seinerzeit innersten Kreis des großen Motorsports sein. Sie hatten sich über längere Zeit fast aus den Augen verloren und dementsprechend viel zu erzählen. Ich wollte, das sei vorausgeschickt, ein paar launige Zeilen über dieses Treffen schreiben – ein Kapitel für unsere Neerpasch-Biografie «Denker und Lenker des Motorsports».

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Treffen «nach all den Jahren»

Schon die Vorgeschichte zu diesem denkwürdigen Treffen dreier Widder und hochkarätiger Motorsport-Macher der 70er, 80er und 90er Jahre ist erzählenswert. (Dass auch der Zaungast und Chronist Widder ist, sei nur der Kuriosität und der Vollständigkeit halber am Rande erwähnt.) Die Vorgeschichte beruht auf einer E-Mail-Korrespondenz zwischen Jochen Neerpasch und Robin Herd vom 23. März 2011, dem gemeinsamen 72. Geburtstag. Man beglückwünscht sich gegenseitig und bei der Gelegenheit lädt Neerpasch seinen Weggefährten aus lange zurückliegender Formel 2-Zeit ein: «Wir sollten mal wieder über alte Zeiten reden.» Herds Antwort: «Herzlich gern. Ich schlage vor, wir setzen uns bei dem Italiener in Schwabing zusammen, den mir Max (Anm.: Mosley) einmal gezeigt hat.» (Es handelt sich um die berühmte Osteria Italiana in der Münchner Schellingstraße, in der schon seit den 30er Jahren die politische und sonstige Prominenz gern speist.) Und Herd fügt hinzu: «Paul (Anm.: Rosche) dabei zu haben, wäre grandios.» Auch Rosches Reaktion war spontan: «Den Robin würde ich auch gern mal wieder sehen - nach all den Jahren.»

Was verbindet diese drei Männer - nach all den Jahren? Von Paul Rosches BMW-Motor für die Formel 2 war schon hinlänglich die Rede. Dass Neerpasch die Idee hatte, mit diesem Motor langfristig ein großes Rad zu drehen, wurde ebenfalls schon geschildert. Nun - Robin Herd repräsentiert die dritte Größe in diesem Kapitel des BMW Motorsports. Rosches und Neerpaschs Wege kreuzen sich immer wieder mal - und sei es bei Oldtimer-Veranstaltungen (gemeint sind alte Autos) –; eine gewisse gegenseitige Sensibilität der beiden wegen der damals auseinander driftenden Interessen in Sachen BMW Formel-1-Motor ist inzwischen wieder einem von Respekt getragenen freundschaftlichen Verhältnis gewichen. Herd indessen hat sich - in all den Jahren - deutlich aus beider alltäglichem Gesichtsfeld entfernt.

Robin Herd steht für das H in MARCH Engineering, ein Unternehmen, das 1969 gegründet wurde und viele Jahre mit teils großem, teils mittelmäßigem Erfolg als Rennwagen-Hersteller im Formel-Sport engagiert war. (Die anderen Initialen des Firmen-Namens standen übrigens für die Mitgründer Max Mosley, den Fahrer Chris Amon, Alan Rees, den späteren Teammanager bei Arrows und Graham Coaker.) Sechs gemeinsam errungene Formel-2-Europameisterschaft mit den Werks-March BMW-Monoposti sollten da hinreichend Gesprächsstoff bieten. Zumal, da Herds Karriere alles andere als langweilig verlief. Vor vielen Jahren kehrte der Vollblut-Ingenieur dem Motorsport weitgehend den Rücken.

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Lebhafte Unterhaltungen, Herd als Alleinunterhalter

Kaum sitzen die drei blendend aufgelegten Rennkämpen beieinander, entpuppt sich Herd als der Alleinunterhalter, der er immer war. Plaudert drauflos, dass er heutzutage zwischen Portugal, England und der Ukraine hin- und herjettet, wo er sich in einem Unternehmen engagiert, das sich mit einem Recyclingprozess beschäftigt, an dessen Ende die Gewinnung von Gas steht. Plötzlich schaut Herd mich fragend an: «Kein Tonband, kein Notizblock?» Wir werden sehen, das brauchte ich nicht, so lebhaft wurde die Unterhaltung.

Wie es seine Art ist, kommt Neerpasch sehr schnell, schon beim Erheben des ersten Glases, auf den Anlass des Treffens «nach all den Jahren» zu sprechen: «Wir haben gemeinsam jeder für sich einen der größten Erfolge unserer Laufbahn errungen. Robin, Dein Unternehmen MARCH hat geradezu haufenweise die Formel-2-Europameisterschaft gewonnen. Und die meisten davon mit Pauls wundervollem Motor.»

Erinnerungen an frühere Zeiten

Herd grinst: «Dabei fing das Ganze ja mit einem Desaster an. Eines von Pauls vielgepriesenen Titanpleueln legte beim allerersten Rennen in Mallory Park fast die Zeitnahme lahm. Es schlug wie eine Granate im Kontrolltower ein. Dass unser Mann - wer? - aus dem Rennen war, war da fast das geringere Übel.» Rosche: «Das war der Beltoise - unsere neuen Pleuel waren zu Anfang echt empfindlich. Ein kleiner Fehler bei der Montage, und zack.» Heute, nachdem sein Motor weit mehr als 100 Formel-2-Siege und letztlich in der aufgeladenen 1,5 Liter-Version und mit streckenweise weit mehr als 1.000 PS die Formel-1-Weltmeisterschaft ermöglicht hat, kann Rosche darüber lachen: «Über die Zeit haben wir weit über 500 von diesen Motoren verkauft.»

«Und weißt Du noch, Paul - oft hat die Konkurrenz geschimpft: Ja Ihr mit den Werksmotoren?» Herd schneidet ein einst heißes Eisen an. «Aber denen habe wir es gezeigt», erinnern der sich: «Wir haben die Motoren hingestellt, und jeder konnte sich einen aussuchen. MARCH bekam die, die übrig blieben - und gewann doch.»

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1973 mit Jean-Pierre Jarier, 1974 mit Patrick Depailler, 1975 Jacques Laffite, 1978 mit Bruno Giacomelli, 1979 mit Marc Surer und 1982 mit Corrado Fabi - sechs Europameisterschaften, eine Erfolgsbilanz ohnegleichen. «Am meisten gezittert haben wir», so Robin Herd, «mit Marc: Der hat die Meisterschaft buchstäblich im letzten Rennen, drei Runden vor Schluss mit hauchdünnem Vorsprung gewonnen, weil Brian Henton, den sicheren Titel vor Augen, sich drehte.»

Der Grund für die Motorenauswahl

Neerpasch kommt noch einmal auf den schwierigen Start mit dem Formel-2-Motor zu sprechen: «Klar gab es einige Leute, die Manschetten hatten, ob das mit den 100 zur Homologation erforderlichen Motoren klappen würde. Da war es schon die halbe Miete, als wir uns mit MARCH einig wurden über die Abnahme von 50 Exemplaren.» Frage an Herd: «Wieso habt Ihr Euch für den bis dahin unbekannten neuen Motor entschieden, Intuition?» Herd: «Ich habe mich nie auf Intuition verlassen. Ich glaube an Menschen. Und nach allem, was Jochen erklärt hatte, waren wir sicher, dass Paul eine fantastische Maschine baut - was sich später als richtig erwies.»

Jodler Stuck

Schnell fallen den drei Männern Geschichten wie diese ein: Herd: «Am lustigsten war´s immer mit dem Stucki. 1974 beim Formel-2-Rennen in Sizilien zog morgens um fünf eine Prozession an unserem Hotel vorbei. Was macht der? Steigt splitternackt auf den Balkon und fängt lauthals an zu jodeln.» Rosche amüsiert sich: «Und an dem Wochenende hat er auch noch die unterste Melone aus einer riesigen Pyramide herausgezogen. Dann kamen 500 Melonen ins Rollen. Man macht sich keine Vorstellung von der Sauerei.» Herd schließt das Kapitel mit einem lapidaren «and I had to deal with the Police» ab.

Herd greift ein neues Thema auf. «Jochen, Du warst fantastisch im Beschaffen von Sponsoren. Aber mit Paul gab es eine ewiges Problem: Er baute immer stärkere Motoren und wollte, dass die Autos auf der Geraden schneller sind, ich als Chassis-Konstrukteur hatte den Ehrgeiz, dass sie in den Kurven schneller sind.» Wenn ein Kompromiss gefunden werden musste, kam Rosche und sagte: «Robin, we have a problem. But first we will have a beer.»

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Herd wendet sich an Neerpasch: «Du hattest alle Talente, die ein erfolgreicher Teamchef haben muss. Warum hast Du nie ein eigenes Team - etwa in der Formel 1 - geführt?» Die Antwort ein echter Neerpasch, kurz und trocken auf den Punkt: «Ich wollte immer Motorsport mit einem großen Hersteller machen.»

Die besten Fahrer?

Dann fliegen in loser Folge Ereignisse und Namen über den Tisch - Ron Dennis, Harvey Postlethwait, Jochen Mass, Jackie Stewart, Jean Todt, Max Mosley, Sebastian Vettel, Teo Fabi, Gerhard Berger; alle, die im großen Sport Rang und Namen haben und etwas bewegen. Wer waren die beste Fahrer? Neerpasch: «Michael Schumacher.» Als Herd nachhakt, ob dessen momentane Performance nicht seine Reputation beschädige, setzt Neerpasch sein eindeutig vielsagendes Gesicht auf. Herd glaubt, auch Ronnie Peterson gehört zu den Allerbesten: «So gut wie er konnte kaum ein anderer ein Auto am Limit fahren. Ich habe ihn mal gemeinsam mit Niki auf der Strecke beobachtet, wie er mit vollem Hammer quer daher kam. Niki stöhnte, das könnte er nie. Aber - unter uns - er war einen Tick schneller.»

Irgendwann, als ein paar Gläser trockenen Weißweins geleert, auch noch das köstliche Dolce aufgelöffelt ist und der Espresso kommt, fragt Neerpasch: «Und erinnerst Du Dich noch an die Rückfahrt von Monaco nach München in einem M1-Versuchsfahrzeug?» Herd lächelt wissend: «Ja, Du hattest auf der italienischen Autostrada in der Gegend von Parma bei Vollgas ein tiefes Schlagloch auf der linken Fahrbahnseite übersehen.» Jedenfalls: Das Auto war kaputt. Die beiden standen auf dem rechten Randstreifen und berieten, was zu machen war. Die Sonne brannte vom Himmel, und auf der Autostrada war sehr wenig Verkehr. Die wenigen Autos, die vorbeifuhren, hielten nicht an und das Handy war damals noch nicht erfunden. Herd: «Also machte ich mich auf den Weg in die nächste Ortschaft, die am Horizont sichtbar war, um Hilfe zu holen.» Neerpasch ergänzt: «Ich hatte den angenehmeren Teil und blieb bei dem wertvollen Auto. Nach einer langen Zeit hielt ein Porsche-Fahrer an und versprach, an der nächsten Tankstelle einen Abschleppservice zu organisieren.» Es dauerte Stunden, bis ein Abschleppwagen kam, aber wer nicht kam, war Robin Herd: «Ich war völlig erschöpft im nächsten Dorf angekommen und es gestaltete sich schwierig, Hilfe zu organisieren. So machte ich mich in der Hoffnung, Jochen würde schon jemand zu Hilfe kommen, auf den Weg zum nächsten Flughafen.» Neerpasch schmunzelt dazu: «Jedenfalls haben wir erst einige Tage später, er in London und ich wieder in München, voneinander gehört.»

Beim Abschied vor der Osteria zitiert Herd noch einen neidischen Konkurrenten, der gesagt haben soll: «Jochen, Paul und Robin - ihr habt die besten Autos, ihr habt die besten Motoren und Fahrer. And you are bloody good looking.» Solchermaßen animiert fällt man sich in die Arme und gelobt, mit dem nächsten Treffen nicht wieder zehn Jahre zuzuwarten.

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Allzu schade, dass es dazu nicht mehr kam: Robin Herd starb 2019 mit 79, Paul Rosche 2016 im Alter von 82 Jahren.

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