Lowes verteidigt Toprak: «Marquez würde mit der Yamaha auch nicht gewinnen»
Seit dem Wechsel in die MotoGP wirkt Superbike-Weltmeister Toprak Razgatlioglu verändert. Alex Lowes sieht die Gründe dafür klar bei der aktuell schwachen Yamaha und nicht beim Türken selbst.
Toprak Razgatlioglu begeisterte die Superbike-WM jahrelang mit seinen spektakulären Manövern, seinem aggressiven Fahrstil und außergewöhnlichen Talent. Nach seinem Wechsel in die MotoGP erlebt der Türke nun jedoch eine schwierige Phase. Statt um Siege zu kämpfen, hat Razgatlioglu aktuell häufig Mühe, überhaupt in die Punkteränge zu fahren. Für seinen ehemaligen Superbike-Rivalen Alex Lowes ist deshalb klar: Der heutige Toprak ist nicht mehr derselbe wie noch vor seinem Wechsel in die Königsklasse.
«Ich glaube nicht, dass es derselbe sein kann», erklärte Lowes im exklusiven Gespräch mit SPEEDWEEK.com. Gleichzeitig betonte der britische Superbike-WM-Pilot aber auch, dass dies nicht allein am Fahrer liege. Vielmehr sei die technische Situation in der MotoGP mittlerweile entscheidend geworden.
«Schau dir Fabio Quartararo an: Ist das derselbe Fabio wie damals als Weltmeister? Nein», meinte Lowes. «Das Traurige heutzutage ist, dass die Technologie extrem viel Einfluss hat und das Motorrad einen riesigen Unterschied ausmachen kann.»
Der Fahrer kann nur noch bedingt den Unterschied ausmachen
Lowes widerspricht damit der häufigen Annahme, dass absolute Topfahrer unabhängig vom Material automatisch erfolgreich sein müssten. «Wenn du Marc Marquez auf eine Yamaha setzt, gewinnt er offensichtlich auch nicht», stellte der Brite klar.
Als weiteres Beispiel nannte Lowes den aktuellen Superbike-Dominator Nicolo Bulega. «Wenn du Bulega auf mein Motorrad setzt, wird er auch nicht Weltmeister», erklärte der Bimota-Pilot offen. «Trotzdem würden manche sagen, dass er viel besser ist als alle anderen. Aber auf meinem Motorrad würde er die Ducati-Fahrer trotzdem nicht schlagen – das ist die Realität.»
Besonders schwierig sei Razgatlioglus Situation deshalb, weil er ausgerechnet in einer Phase zu Yamaha wechselte, in der sich der Hersteller sportlich in einer Krise befindet. «Er kam in eine neue Meisterschaft mit neuen Reifen und neuen technischen Regeln – alles war neu», erklärte Lowes. Gleichzeitig befinde sich Yamaha aktuell wohl «im schwierigsten Moment der vergangenen zehn Jahre».
Hinzu komme, dass Yamaha an einem noch sehr jungen V4-Projekt arbeitet und es dadurch an Erfahrungswerten fehle. «Unter diesen Umständen hast du eigentlich keine Chance», meinte Lowes.
Verliert Razgatlioglu die Motivation?
Der Brite erkennt dabei auch die psychologische Komponente. Razgatlioglu sei ein Fahrer, der vom Kampf an der Spitze lebe. «Wenn er nicht ganz vorne kämpfen kann, dann ist er nicht derselbe Fahrer», erklärte Lowes. «Ich denke aber, dass das völlig normal ist.»
Als Vergleich zog er die Situation von Marc Marquez während dessen schwieriger Honda-Jahre heran. «Damals sahen wir, wie Marquez im Qualifying verrückte Dinge machte, nur um irgendwo dranzubleiben. Das war auch nicht derselbe Marquez wie zuvor als Weltmeister», erinnerte sich Lowes.
Vor allem die fehlenden Erfolgserlebnisse würden die Motivation massiv beeinflussen. «Wenn du vorher 13 Rennen in Folge gewonnen hast und plötzlich glücklich darüber sein musst, als 15. einen Punkt zu holen, dann ist das etwas komplett anderes», erklärte der Bimota-Pilot. «Wenn du ein perfektes Rennen fährst und am Ende vielleicht Elfter wirst, dann kannst du nicht dieselbe Motivation haben wie jemand, der um Siege kämpft.»
Trotzdem hält Lowes weiterhin große Stücke auf Razgatlioglu. «Selbst jetzt sehen wir in manchen Trainings oder Rennen noch immer, wie gut er ist», betonte der Brite. Das eigentliche Problem sei jedoch, dass der Türke momentan nicht das passende Material habe, um sein volles Potenzial zu zeigen. «Er hat einfach nicht die Mittel, um zu zeigen, was er wirklich kann. Das ist schade.»
Für die Zukunft setzt Lowes auf Fortschritte bei Yamaha und darauf, dass die kommenden Regeländerungen Razgatlioglu wieder näher an die Spitze bringen. «Ich hoffe einfach, dass Toprak seine Motivation behält und das Motorrad nächstes Jahr konkurrenzfähiger wird», erklärte Lowes. «Denn für mich ist er nach wie vor einer der besten Fahrer der Welt.»
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