Jan Thiel: Der Vater von Jamathi ist im Alter von 85 Jahren gestorben
Mit Jan Thiel verliert der Motorsport einen genialen Zweitakt-Konstrukteur. Der Niederländer prägte mit Jamathi die 50-cm³-WM und schrieb Technikgeschichte.
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Mit Jan Thiel ist eine der prägenden Gestalten des kleinen, aber großen Grand-Prix-Sports gestorben. Der niederländische Konstrukteur, Tuner und Motorendenker wurde 85 Jahre alt, sein Tod wurde am 23. März 2026 gemeldet.
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Geboren wurde Thiel am 23. Juni 1940 in Amsterdam. Gemeinsam mit Martin Mijwaart gründete er 1965 das niederländische Rennteam Jamathi – ein Name, der sich aus JAn THIel und MArtin Mijwaart zusammensetzt. Jan Thiel gehörte zu jener Generation von Edelbastlern, die die 50-cm³-Weltmeisterschaft zu einer eigenen Kunstform machten. In einer Ära, in der Leistung nicht aus dem Computer, sondern aus Erfahrung, Mut, Gehör und unzähligen Versuchen kam, entwickelte Thiel Zweitaktmotoren, die weit über ihre winzige Kubatur hinauswuchsen. Jamathi war die Verkörperung dieses Geistes: aus einer Holzwerkstatt in Nederhorst den Berg heraus entstanden Maschinen, die es mit den Werken der großen Hersteller aufnehmen konnten. Später lagen die Produktionsstätten auch in Amsterdam und Breukelen. Von 1965 bis 1974 war Jamathi in der 50er-WM aktiv, daneben entstanden auch die niederländischen «Bromfietsen», jene straßenzugelassenen 50-cm³-Mofas, die den Namen Jamathi ebenfalls trugen.
Jamathi schrieb bei der Dutch TT in Assen Geschichte Der größte und symbolträchtigste Jamathi-Moment bleibt für immer mit Assen verbunden. Am 26. Juni 1968 gewann Paul Lodewijkx auf einer Jamathi die Dutch TT – der erste Grand-Prix-Sieg einer niederländischen Rennmaschine. Lodewijkx besiegte den deutschen Suzuki-Werksfahrer Hans-Georg Anscheidt in einem jener Zieleinläufe, die in der Erinnerung größer werden, je mehr Jahre vergehen.
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Dieser Sieg war mehr als ein sportlicher Erfolg. Er war der Beweis, dass Ideenreichtum, Präzision und Hartnäckigkeit auch gegen etablierte Werksteams bestehen konnten. Zwischen 1968 und 1973 errang Jamathi insgesamt neun Grand-Prix-Siege in der 50-ccm-Klasse; zu den erfolgreichen Fahrern gehörten neben Paul Lodewijkx auch Aalt Toersen und Theo Timmer.
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14 PS und 14.000 U/min in der «Schnapsglasklasse» Jan Thiel war dabei der Mann des Motors. Martin Mijwaart verantwortete das Fahrwerk. Diese Aufgabenteilung wurde legendär – und sie war eine der seltenen Konstellationen im Motorsport, in denen Begabung, Vertrauen und gemeinsamer Wille exakt ineinandergriffen. Die Jamathi von 1968 soll rund 14 PS bei 14.000 Umdrehungen geleistet haben; in der «Schnapsglasklasse» war das pure Ingenieursmagie. Später erinnerte man sich an Thiel nicht nur als geschickten Konstrukteur, sondern als jemanden, der dem Zweitakter seine tiefsten Geheimnisse abrang: am Einlass, am Auspuff, an der Geometrie, an jeder Kleinigkeit, die im 50-cm³-Sport über Sieg oder Niederlage entschied.
Auch jenseits von Jamathi blieb Jan Thiel eine Ausnahmeerscheinung. Weil Geld und Möglichkeiten in den Niederlanden begrenzt waren, zog er 1974 nach Italien. Dort und später in Spanien arbeitete er für Piovaticci, Bultaco, Minarelli, Garelli, Aprilia und Derbi. Er entwickelte sich zu einem der gefragtesten Konstrukteure der leichten Klassen. Sein Name ist nicht nur mit Jamathi verbunden, sondern mit Jahrzehnten feinster Zweitakttechnik und mit Weltmeistermaschinen, die den Sport nachhaltig prägten. Selbst Valentino Rossis erster WM-Titel 1997 auf einer 125er-Aprilia führt auf einer langen Linie zurück zu Jan Thiels Entwicklungsarbeit. Wer über Jan Thiel spricht, spricht jedoch nicht nur über Erfolge. Man spricht über Entbehrung, Beharrlichkeit und Leidenschaft. In den frühen Jahren wurde mit kleinsten Mitteln gearbeitet, oft neben dem eigentlichen Beruf, mit wenig Geld, wenig Komfort und umso größerem Ehrgeiz. Jamathi entstand nicht in einem glänzenden Werk, sondern aus Improvisation, Handwerk und einer beinahe sturen Hingabe an die Sache. Genau das verlieh den Maschinen und ihrem Schöpfer jene Aura, die bis heute anhält.
Zu Jan Thiels Lebensgeschichte gehört auch die Tragik des Sports. Paul Lodewijkx, der Jamathi 1968 in Assen unsterblich machte, starb 1988 im Alter von 41 Jahren nach einem epileptischen Anfall bei einem Bootsausflug. Martin Mijwaart, Thiels engster Weggefährte aus den Aufbaujahren, starb ebenfalls viel zu früh an Krebs. Dass Jan Thiel sie alle überdauerte, macht seine Rolle als letzter großer Zeuge und Bewahrer dieser Epoche nur noch bedeutender. Parkinson-Erkrankung machte Thiel zu schaffen In den letzten Jahren lebte Jan Thiel in Thailand. Bereits 2018 berichtete SPEEDWEEK.com, dass er an Parkinson erkrankt sei und deshalb bei der Dutch TT nicht mehr erscheinen konnte. Nun ist mit ihm nicht nur ein Konstrukteur gestorben, sondern ein Stück europäischer Rennsportgeschichte. Jan Thiel hinterlässt keine laute Legende, sondern eine präzise. Eine aus Aluminium, Stahl, Resonanzlängen, Drehzahlen und Ideen. Er war einer der Männer, die bewiesen haben, dass Größe im Motorsport nichts mit Hubraum zu tun hat. Seine Maschinen waren klein, sein Einfluss war es nie.
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Jan Thiel wird bleiben: als Vater von Jamathi, als Genie des Zweitaktmotors und als einer der stillen großen Meister der Grand-Prix-Geschichte.
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