Ducatis erste MotoGP-Winglets: «Heute beinahe lächerlich»
Zwei winzige Flügel sollten 2010 ein grundlegendes Problem der Ducati Desmosedici lösen. Heute muss Marco Palmerini über die ersten Aero-Versuche in der MotoGP beinahe schmunzeln.
Winglets, seitliche Verkleidungselemente und ausgeklügelte Luftführungen prägen das Erscheinungsbild der modernen MotoGP-Prototypen. Die Hersteller investieren enorme Ressourcen in den Windkanal und in Simulationen, um selbst kleinste aerodynamische Vorteile zu finden. Blickt man auf die Anfänge dieser Entwicklung zurück, wirken die ersten Versuche dagegen erstaunlich primitiv.
Ducati begann bereits 2010 damit, die Möglichkeiten aerodynamischer Hilfsmittel an der Desmosedici auszuloten. Damals kämpfte der MotoGP-Prototyp aus Bologna mit einem ausgeprägten Untersteuern. Die Ingenieure suchten deshalb nach einer Möglichkeit, zusätzlichen Druck auf das Vorderrad zu bringen.
Vor 16 Jahren: Ducati experimentiert erstmals mit Flügeln
«In der Saison 2010 machten wir die ersten Experimente auf dem Gebiet der Aerodynamik», erinnerte sich Marco Palmerini aus Ducatis Abteilung für die MotoGP-Fahrzeugentwicklung bei Bike World. Was damals als innovative Lösung galt, erscheint im Vergleich mit den heutigen Aero-Paketen geradezu primitiv. «Wir hatten zwei kleine Flügel an der seitlichen Verkleidung. Wenn man sich das jetzt anschaut, dann wirkt es beinahe lächerlich», musste Palmerini rückblickend feststellen. «Diese Winglets produzierten einen sehr geringen Abtrieb.»
Kreativer Kopf des Ducati-MotoGP-Projekts war zu dieser Zeit Filippo Preziosi. Die Zielsetzung der ersten Versuche war zunächst denkbar einfach. «Zu Beginn war es unser Ziel, das Vorderrad auf den Boden zu drücken», erklärte Palmerini.
Doch aus den unscheinbaren Flügeln entwickelte sich eine technische Revolution. Ducati erkannte nach und nach, dass Aerodynamik weit mehr bewirken kann, als lediglich beim Beschleunigen das Vorderrad am Boden zu halten. «Später verstanden wir, dass die Aerodynamik einen großen Einfluss auf die Kräfte hat, die auf den Reifen wirken. Und das ist während jeder Fahrphase der Fall, nicht nur beim Beschleunigen. Es hilft auch bei der Kurvengeschwindigkeit und beim Bremsen.»
Damit änderte sich auch der Stellenwert der Aerodynamik innerhalb der Entwicklungsabteilung grundlegend. «Das Fahrverhalten des Motorrads hat sich durch die Aerodynamik grundlegend verändert», betonte Palmerini. «Uns wurde schnell klar, dass wir unser Wissen vergrößern müssen und größere Anstrengungen investieren müssen und mehr Ingenieure dafür einplanen müssen, um tiefgreifendere Simulationen zu machen.»
Luigi Dall'Igna intensivierte die Aerodynamik-Entwicklung
Mit der Verpflichtung von Luigi Dall’Igna als Rennsportchef Ende 2013 gewann das Thema bei Ducati weiter an Bedeutung. Der Italiener trieb die Entwicklung über Jahre voran und sorgte mit immer neuen Ideen für Aufsehen. Aus den beiden kleinen Flügeln von 2010 entstanden zunehmend komplexere Aero-Lösungen, mit denen Ducati lange Zeit eine Vorreiterrolle einnahm.
Mittlerweile haben die Konkurrenten erheblich aufgeholt. Besonders Aprilia leistete zuletzt hervorragende Arbeit und bewegt sich bei der Aerodynamik mindestens auf Augenhöhe. Aus den vergleichsweise simplen Versuchen der Anfangsjahre ist damit eines der wichtigsten Entwicklungsfelder der gesamten MotoGP geworden.
Entsprechend aufwendig ist heute der Weg von einer ersten Idee bis zum Einsatz auf der Rennstrecke. «In Brainstormings entstehen Ideen. Dann machen wir erste Kalkulationen», beschrieb Palmerini. «Dann gehen wir in den Windkanal. Bei den Testfahrten gibt es dann zwei Phasen: Zuerst einmal messen wir die Werte und dann folgt ein Performance-Test mit dem Fahrer.»
Für Palmerini verdeutlicht die Entwicklung seit 2010, welchen Stellenwert die Aerodynamik inzwischen erreicht hat. «Es ist ein Gebiet, auf dem wir sehr engagiert sind. Ducati hat einen großen Beitrag bei der Entwicklung der Aerodynamik bei den Motorrädern geleistet. Wir haben nicht nur dafür gesorgt, dass die Performance verbessert werden konnte, sondern haben damit auch die Sicherheit optimiert.»
Was heute eine hochkomplexe Wissenschaft mit zahlreichen Ingenieuren, Simulationen und Windkanaltests ist, begann bei Ducati somit mit zwei kleinen Winglets, deren Wirkung aus heutiger Sicht fast überschaubar erscheint – und über die selbst die damaligen Pioniere inzwischen schmunzeln können.
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