MotoGP-Chefarzt Charte: «Wenn ich nicht abschalten würde, wäre ich tot!»
Dr. Angel Charte arbeitet schon viele Jahre in der MotoGP-WM. Der Spanier erklärt, aus welchem Holz man geschnitzt sein muss, um seinen Job zu machen. Weshalb ihm die Fahrer vertrauen.
Im vierten Teil des Interviews von SPEEDWEEK.com-Autor Manuel Pecino mit MotoGP-Chefarzt Dr. Angel Charte erklärt der Mediziner, welches Verhältnis er zu den Fahrern hat und wie er schwierige Erlebnisse verarbeitet.
Angel, hast du das Gefühl, dass das medizinische Team zusammen mit den Physiotherapeuten und dem gesamten medizinischen Apparat der Weltmeisterschaft den Fahrern ein besonderes Gefühl der Sicherheit vermittelt? Ich glaube schon. Man verbringt das ganze Jahr mit ihnen und es entsteht eine direkte Beziehung, die manchmal persönlich, familiär und beruflich ist.
Neulich, als Bezzecchi gestürzt ist, wollte er sich nicht von den niederländischen Ärzten untersuchen lassen. Er sagte zu mir: «Du sollst mich untersuchen.» Und Bezzecchi ist ein Mann mit starkem Charakter. Aber man sieht es auch bei Binder, Bagnaia und anderen Fahrern … Ich glaube, sie fühlen sich bei uns sehr sicher.
Ich bin nicht unfehlbar, aber ich habe eine Reihe von Leitlinien und Protokollen, nach denen ich vorgehe. Ich habe 40 Jahre lang in einem Krankenhaus gearbeitet und habe es immer auf dieselbe Weise gemacht.
Muss man medizinisch und beruflich aus einem besonderen Holz geschnitzt sein, um einen sofortigen Eingriff zu bewältigen, der manchmal brutal sein kann? Ich sage nicht, dass jeder Arzt dafür geeignet ist. Wir Intensivmediziner sind anders. Wenn in einem Krankenhaus ein Patient in der Notaufnahme eintrifft, hat man es mit einer Situation zu tun, die zwar schwerwiegend, aber dennoch anders ist. Hier fahre ich ganz gelassen zu den Unfällen. Sehr, sehr gelassen. Denn wenn es nicht so wäre, würde ich die Anspannung auf das Team übertragen. Und es ist nicht dasselbe, angespannt zu sein oder gelassen zu bleiben.
Wenn man mir sagt: «Kurve 12, Fahrer bewusstlos», weiß ich nicht genau, was mich erwartet. Aber ich kann es mir vorstellen: Er könnte eine innere Verletzung haben, einen Oberschenkelbruch, eine offene Fraktur, Lungenprellungen, Hirnprellungen oder schwere Schädel-Hirn-Traumata. Deshalb darf man nicht zögern.
Was muss ein Arzt in diesem Moment als Erstes tun? Das mag vielleicht wie eine Verteidigung unserer Arbeit klingen, aber unsere Aufgabe ist es nicht, eine Diagnose zu stellen, wenn man keine Zeit dafür hat. Unsere Aufgabe ist es, ihm das Leben zu retten. Hier darf man nicht zögern. Man weiß, dass es etwas gibt, das man tun muss, und man muss es ernsthaft, verantwortungsbewusst und professionell tun. Wenn man dazu nicht in der Lage ist, ist man für diesen Job nicht geeignet. Genauso wenig wäre man für die Arbeit auf einer Intensivstation in einem Krankenhaus geeignet.
Mein Bruder ist Chirurg und nachdem er zehn Jahre lang in der Notaufnahme gearbeitet hatte, brauchte er schließlich psychologische Hilfe, weil er das Gefühl hatte, manchmal die Rolle Gottes übernehmen zu müssen – dass er manche Patienten retten konnte, andere aber nicht. Wie schaffst du es, nach einem schweren Unfall abzuschalten? Auch ich muss mit meinen Frustrationen umgehen. Wenn ich mir jeden schwer erkrankten Patienten zu Herzen nehmen würde, wäre ich schon vor 30 Jahren gestorben. Wenn ich nach Hause komme, versuche ich, eine kleine Analyse des Geschehenen vorzunehmen. Ich habe mein Team auf der Intensivstation und in der Notaufnahme, und ich gehe die Dinge durch, die vielleicht übersehen wurden. Wenn nötig, rufe ich an und frage: «Hey, kannst du dir das hier noch einmal genauer ansehen?»
Aber ich versuche, abzuschalten. Wenn ich nicht abschalten würde, wäre ich tot. Man kann nicht mit all dem im Kopf ins Bett gehen.
Nimmst du dir nie einen dieser besonders schweren Fälle mit nach Hause? Vor allem, wenn es um junge Menschen geht? Manchmal schon. Vor allem, wenn es um junge Menschen oder Kinder geht. Um Menschen, die einem wirklich ans Herz wachsen.
Und wie viele Jahre arbeitest du schon in diesem Umfeld? Ich bin schon sehr lange hier im «Mundial». Ich habe mit 23 angefangen, 1979 oder 1980.
Und die ganze Zeit ohne Psychologen? Nun, das Leben eines jeden ist auf persönlicher, familiärer und beruflicher Ebene kompliziert. Ich habe auch schon mal versucht, einen Psychologen aufzusuchen.
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