Ana Carrasco: Rossi und Márquez als Vorbilder

Von Nereo Balanzin
Moto3
Ana Carrasco, im Hintergrund Viñales

Ana Carrasco, im Hintergrund Viñales

Ana Carrasco fährt die Moto3-WM als Teamkollegin von Maverick Viñales. Bei den ersten zwei Rennen kam sie als 20. ins Ziel. Sie macht manchen jungen Männern das Leben schwer.

Ana Carrasco wirkt so lieb, mit ihrem rundlichen Gesicht, ihren neugierigen schwarzen Augen, die lockige Haarpracht durch ein Zopfband zusammengehalten, dass man ihr nicht einmal ihre 16 Jahre wirklich ansieht. Sie könnte meine Tochter sein. Oder sogar meine Enkelin, wenn meine Frau und ich mit unserem Nachwuchs etwas früher zur Sache gekommen wären. Aber ich weiss nicht, ob ich meine Enkelin in Austin mit 226,7 km/h durch die Radarfalle flitzen sehen möchte, im Sattel einer schmalen, knatternden 250-ccm-Viertakt-KTM in der Moto3-Weltmeisterschaft. Wir können uns heute Frauen als Staatsoberhäupter vorstellen, als Bundeskanzlerin, als Premierministerin, als Astronautin, als Architektin, die unser Haus entwirft, als Ärztin, als bewaffnete Polizistin an der nächsten Strassenecke. Aber als Motorrad-Rennfahrer?
 


«Bei uns war das anders», antwortet Anna Carrasco Gabarron. Sie kommt aus Murcia im tiefen spanischen Süden, sie ist die erste weibliche Teilnehmern in der Moto3-WM. «Mein Vater war ein Mechaniker in der spanischen Meisterschaft. Ich bin mit seinem Werkzeug aufgewachsen. Meine Mutter, sie hiess mit Mädchennamen Gabarron, hat quasi nicht nur ihren Mann, sondern auch den Motorradrennsport geheiratet, denn mein Papa ist ein leidenschaftlicher Enthusiast. Und niemand in der Familie fand es merkwürdig, als sich auch die Tochter zu dieser Motorsportleidenschaft bekannte.»

Ana ist das mittlere von drei Kindern. «Mein Bruder ist fussballverrückt, natürlich», erzählt sie. «Meine Schwester spielt Basketball. Wir betreiben alle Sport. Komischerweise betreibe ich fast alle Sportarten. Sport ist mein grösstes Hobby – sogar in der Schule. Und keine Angst: Ich habe keine schlechten Noten in der Schule. Sobald ich die Schulpflicht hinter mir habe, werde ich über meine Zukunft entscheiden. Eines ist sicher: Ich werde einer klaren Richtung folgen. Wie diese aussieht, habe ich noch nicht entschieden.»

Wahrscheinlich wird dieser neue Weg mit Sport zu tun haben. Oder mit Biologie, auch ein Lieblingsfach von Ana.

Männliche Gegner? «Sie sind da, ich bin da», sagt Ana

In der Formel 1 gab es in den 1980er Jahren Giovanna Amati. Die Italienerin erzählte einmal, am meisten werde ihr folgende Frage gestellt: «Wie kannst du deine Haarpracht im Helm verstauen?»

Bei Ana stehen andere Fragen im Vordergrund, erzählt sie. «Alle wollen wissen: ‹Wie fühlt es sich an, gegen all diese jungen Männer kämpfen zu müssen?›» Und was antwortet Señorita Ana? «Es gibt keine Antwort. Das heisst, für mich besteht auf der Rennstrecke kein Unterschied. Sie sind da, ich bin da. Wir tun unser Bestes.»

Was ist eigentlich das spanische Wort für Rennfahrerin? Carrasco: «Es gibt keines. Es ist gleich: Piloto.»

Natürlich beobachtet Ana ein paar Rennfahrer, weil sie sich von den andern unterscheiden. Wir unterhalten uns hier natürlich nicht über den bestaussehenden. Eine junge Frau ihres Alters soll das Recht haben, solche Geheimnisse für sich zu behalten.

Wir wollen wissen, welchen jungen Mann sie als Rennfahrer bewundert, wem sie nacheifert. «Valentino Rossi, natürlich», lautet die Antwort. «Meiner Meinung nach ist er hier der Beste», sagt sie und tippt mit dem Finger an ihre Stirn. «Und Marc Márquez; er ist sehr entschlossen, sehr stark.»

Ana bezeichnet sich als technisch starke Fahrerin, am besten kommt sie auf flüssigen Strecken zurecht, ständige Richtungswechsel kommen ihr entgegen. Je mehr, desto besser.

Marc Márquez hat einmal erzählt, er habe in den kleinen Klassen immer zu den körperlich Schwächsten gezählt, deshalb habe er sich bemüht, körperliche Mängel durch Können auszugleichen. «Ja, da kann er recht haben», sagt Ana. «Vielleicht ergeht es mir als Frau ähnlich. Ich bin kleiner und weniger stark als die männlichen Kinkurrenten, deshalb habe ich vielleicht unabsichtlich die Fahrtechnik in den Vordergrund gestellt, um zum Erfolg zu kommen.»

«Ich habe in meiner Karriere nur wenige Rennen gewonnen», räumt sie ein. «Ich weiss nicht, wie viele. In der Spanischen Moto3-Meisterschaft 2012 war ein siebter Platz mein bestes Ergebnis.»

Ana Carrasco hat keinen einzigen Namen einer anderen GP-Fahrerin im Kopf. Nur den von Elena Rosell, die 2012 in der Moto2 fuhr. Katja Poensgen? «Ich weiss nicht, man hat mir von anderen Frauen erzählt.» Taru Rinne? Tomoko Igata? Verlegenheit macht sich breit. Es ist so viele Jahre her. Die Erinnerungen verschwinden.

Ana will ihre eigene Geschichte schreiben.

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