Hervé Poncharal (Tech3): Sorgen wegen Jonas Folger

Von Günther Wiesinger
MotoGP

Tech3-Yamaha-Teambesitzer Hervé Poncharal hat seinen Neuzugang Jonas Folger in den letzten Monaten aufmerksam beobachtet und Erkundigungen eingezogen. Wird der Bayer im Ernstfall zu rasch nervös?

Tech3-Yamaha-Teambesitzer Hervé Poncharal hoffte im Mai beim Le-Mans-GP, mit Jonas Folger (23) für 2017 den neuen Moto2-Weltmeister für seinen MotoGP-Rennstall verpflichtet zu haben.

«Wir hoffen, dass Jonas den Titel in der Tasche hat, wenn er zu uns kommt», sagte der Franzose damals.

Aber Jonas Folger hat seither keinen Moto2-Podestplatz im Trockenen erzielt; sein neues Team hat seine schwankenden Leistungen mit wachsender Besorgnis verfolgt.

Tech3-Yamaha-Crew-Chief Guy Coulon ist aufgefallen: «Folger ist schnell in den freien Trainings und bei den Montag-Tests, wenn es um nichts geht. Offenbar kommt er dem Druck nicht zurecht, er wird nervös, wenn es im Quali und im Rennen um die Wurst geht.»

Diese Ansicht bekam Poncharal auch zu hören, als er sich bei Dynavolt Intact-Teammanager Jürgen Lingg über die Folger-Problematik erkundigte.

Jetzt machen sich bei Tech3-Verantwortlichen Sorgen, ob der WM-Sechste Jonas Folger zum richtigen Zeitpunkt in die Königsklasse befördert wird.

Ähnliche Fragen stellt man sich auch bei Aprilia, wo Sam Lowes nach einer nicht gerade überragenden und extrem sturzreichen Moto2-Saison den Platz von Bautista beziehungsweise Bradl übernimmt.

Aber Tech3-Eigengewächs Bradley Smith hat in den Moto2-Jahren 2011 und 2012 auf der Eigenbau-Maschine des Tech3-Team auch nie einen Top-3-Rang in der WM-Gesamtwertung erreicht, wobei natürlich die mit bescheidenem Aufwand gebaute Tech3-Maschine in punkto Konkurrenzfähigkeit mit der Kalex von Folger nicht zu vergleichen ist.

Smith hat 2011 und 2012 in der Moto2-WM nur die WM-Ränge 7 und 9 sichergestellt und insgesamt nur drei Podestplätze in der Mittelgewichtsklasse errungen: Er war Zweiter im Regen-GP 2011 hinter Bradl in Silverstone und Dritter 2011 in Assen und Mugello.

Trotzdem schaffte der hartnäckige Arbeiter Smith in den ersten drei MotoGP-Jahren bei Tech3-Yamaha die ansehnlichen Gesamtränge 10, 8 und 6.

Zweimal nützte er sogar die Gunst der Stunde für einen Podestplatz – beim dritten Platz in Phillip Island 2014 und beim ereignisreichen «flag to flag race» in Misano, wo er er als einziger Teilnehmer keinen Boxenstopp machte – und Zweiter wurde.

Das heisst: Man muss nicht unbedingt Seriensieger in der Moto2-WM sein, um in der MotoGP Erfolgsaussichten zu haben. Und die M1-Yamaha ist ein schlagkräftiges Motorrad, das hat Pol Espargaró als aktueller WM-Achter auch 2016 oft genug bewiesen.

Seit der Vertragsunterzeichnung beim Le Mans-GP im Mai hat der zweifellos hochtalentierte Jonas Folger im Trockenen keinen Podestplatz mehr erreicht, dafür Platz 2 im Regenrennen auf dem Sachsenring, den Sieg beim Regen-GP in Brünn und Platz 3 im Regenrennen in Sepang.

Folger war in seiner ersten Moto2-Saison bei AGR Gesamt-15. und im Vorjahr Sechster, er hat in der Moto2-WM zwei Siege (Doha und Jerez 2015) erreicht und dazu neun weitere Podestplätze – dreimal als Zweiter, viermal als Dritter.

Der Speed ist also vorhanden, darüber besteht kein Zweifel. Aber es fehlt die Beständigkeit, das bemängelten vor Lingg schon prominentere Folger-Teamchefs wie Aki Ajo und Jorge Martinez.

Mit Johann Zarco erhält Folger bei Tech3 einen starken Teamkollegen, der zuletzt zweimal die Moto2-WM überlegen gewonnen und in zwei Jahren nicht weniger als 14 Siege und sieben zweite Plätze eingefahren hat, dazu einen dritten. Der Franzose kommt voller Selbstvertrauen und Zuversicht ins französische Team; er wird eine harte Nuss für den Bayern,

Hervé Poncharal spricht im Exklusiv-Interview mit SPEEDWEEK.com über seine Neuzugänge und über seine Sorgen.

Hervé, du hast für 2017 mit Johann Zarco und Jonas Folger zwei Rookies engagiert. Du machst dir seit der Vertragsunterzeichnung mit dem Deutschen in Le Mans Sorgen. Man spürt, seine Moto2-Ergebnisse im Trockenen entsprechen nicht deinen Erwartungen.

Es ist oft schon schwierig genug, aus Fahrern im eigenen Team schlau zu werden und herauszufinden, warum dieser Fahrer, mit dem du jeden Tag sprichst und zusammenarbeitest, die gewünschten Leistungen nicht erbringt.
Also will ich nicht kommentieren, warum Jonas in der Moto2 nicht jene Resultate geliefert, die er liefern könnte und liefern sollte.
Ich habe beim Japan-GP mit Jürgen Lingg gesprochen. Er ist ein netter Typ, ich unterhalte mich gerne mit ihm.
Seine Aussage: «Dieser Junge hat unglaubliches Talent. Wenn es nicht zählt, also zum Beispiel im freien Training, dann ist er sehr schnell.» Das sagt Jürgen Lingg, nicht ich. Seine Analyse: «Jonas hat Probleme, mit dem Druck fertig zu werden, das sieht man in jedem Qualifying und im Rennen.» In jedem Qualifying oder Rennen, wenn er unter Druck steht, macht er Fehler. Oder er ist langsam.
Lingg sagt, das verursache bei ihm Sorgen. Doch er wisse nicht, wie man das ändern oder abstellen kann.

Als Jonas Folger zu Intact kam, hoffte Jürgen Lingg, er könne ihm zu jener Beständigkeit verhelfen, die bisher in all den GP-Jahren gefehlt hat. Aber dieses Vorhaben ist misslungen. Das klappte auch bei anderen Spitzenteams wie Ajo und Aspar nicht. Traut sich Tech3-Yamaha zu, dieses Problem bei Folger zu kurieren?

Ich will und kann nicht behaupten, ich, Hervé Poncharal, ich bin besser als die anderen Teammanager und Teambesitzer. Ich kündige jetzt nicht an, dass ich mit Jonas Erfolg haben werde.
Ich kann dir nur sagen: Wir haben eine Entscheidung getroffen. Wir werden die MotoGP-WM 2017 mit Johann Zarco und Jonas Folger bestreiten. Das ist unterschrieben, und das ist sicher. Alles was wir jetzt tun können, ist positiv zu bleiben und zu hoffen, dass alles in Ordnung gehen wird. Wir können hoffen, dass er sich auf dem MotoGP-Bike wohler fühlt als auf der Moto2-Maschine. Ich weiß es nicht.
Wenn wir schon vor dem Beginn der Zusammenarbeit negativ denken, dann wäre es so, als würden wir schon im vornhinein aufgeben. Und ich will nicht aufgeben.

Was kannst du Jonas vor dem ersten MotoGP-Test in Valencia einschärfen? Dass er sich Zeit nehmen, in Ruhe lernen und bei den Wintertests die Zeiten nicht überbewerten soll?
 
 
 
 

Das sagt man immer zu jedem Rookie, auch alle Japaner von Yamaha werden ihm das eintrichtern. Wir stellen das immer sehr klar: Yamaha hat vier Motorräder in der MotoGP-WM, zwei im Werksteam, diese Fahrer haben die Aufgabe zu gewinnen. Zwei Bikes werden bei Tech3 eingesetzt. Unsere Mission ist es, junge Fahrer auszubilden, um dann zu beurteilen, ob sie sich für den Aufstieg ins Werksteam eignen. Das ist uns zuletzt mit Ben Spies gelungen. Deshalb sagen die Japaner immer zu den Rookies: «No pressure. Lasst euch Zeit, lernt, versteht zuerst mal alles.»
Aber die Fahrer wollen das nicht hören. Die Fahrer wollen zeigen, was sie können, was in ihnen steckt. Das kannst du ihnen nicht übel nehmen.
Ich kenne Jonas nicht besonders gut. Deshalb ist es schwierig für mich. Ich weiß noch nicht, was ich ihm beim ersten Test sagen soll. Natürlich werde ich ihm erzählen, dass wir Zeit haben, dass wir viele Wintertests haben, denn wir gehen nach Valencia auch am 23./24. November auch nach Sepang zum Testen, zusammen mit Valentino Rossi und Maverick Viñales.
Dann werden wir sehen.

Stefan Bradl, Marc Márquez und Pol Espargaró sind als Moto2-Weltmeister in die MotoGP gekommen, sie hatten also viel Selbstvertrauen. Jonas Folger kommt nach einer nicht gerade umwerfenden Moto2-Saison in die Königsklasse. Wie kann man ihn dort aufbauen?

Ehrlich gesagt, Günther, ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll. Soll ich jetzt gleich Selbstmord begehen? Oder später? (Er lacht).
Ich möchte positiv sein. Ich unterstütze und verstehe, was du sagst, ich teile deine Meinung und deinen Standpunkt, weil das Fakten sind. Das ist nicht deine Idee, das sind Fakten, die Resultate sprechen Bände.
Cortese hat Jonas in Australien im Rennen zerstört, ganz klar. Mein Xavi Vierge war im Rennen nur fünf Sekunden hinter Jonas. Schwer zu verstehen.

Du hast mir in Assen gesagt, du hast zwei Rookies für 2017, du hast gewisse Zweifel, deshalb hast du sie nur mit einem Ein-Jahres-Vertrag ausgestattet. Das setzt beide Fahrer von Anfang an stark unter Druck. Bradley Smith hatte gleich einen Zwei-Jahres-Vertrag, Pol Espargaró auch.

Ja, aber du weißt sehr gut, ich mag keine konfliktreichen Situationen. Es ist nie gut, wenn man zusammenbleibt, weil der Vertrag das vorschreibt. Es kann ja so ein Ein-Jahres-Vertrag auch für den Fahrer von Vorteil sein. Der Fahrer könnte außergewöhnliche Leistungen bringen und den Willen haben, wegzugehen.
Der Plan ist es, mit beiden Piloten zwei Jahre zusammenzuarbeiten.
Aber wenn wir keine guten Resultate zustande bringen, wenn wir keine vernünftige Art der Zusammenarbeit finden, wenn die Balance und die Atmosphäre nicht passen, dann können wir diskutieren...

Du musst positiv denken. Wenn es oft genug regnet, kann Jonas in der WM weit vorne landen.

Aaaah. Das ist nicht wahr, denn Bradley war in der Moto2-WM im Regen sehr schnell. Er ist 2011 mit der Moto2 in Silverstone vom letzten Startplatz weggefahren und hätte Stefan Bradl fast noch am Sieg gehindert. Er hat Platz 2 geholt, eine Runde mehr, dann hätte er Stefan vielleicht überholt. Bradley war sehr schnell im Regen.
In den vier MotoGP-Jahren war Bradley im Regen nie so eindrucksvoll.
Ich weiß nicht. Jonas wird auf ein MotoGP-Motorrad steigen, das sehr viel Elektronik hat, die Kraftentfaltung ist anders, auch der Reifenhersteller ist ein anderer.
Wir wissen, dass Jonas in der Moto2 im Regen sehr schnell ist. Ob ihm das auch in der MotoGP gelingt, das wissen wir nicht. Wir müssen abwarten.
Ich werde jetzt nicht behaupten, dass unser Deal mit Jonas eine Erfolgsstory wird. Ich bin nicht so eingebildet... Aber ich werde alles tun, was in meiner Macht liegt.

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