Sandro Cortese: Ein Jahr zu lang in der Moto2-WM?

Von Günther Wiesinger
Supersport-WM

In fünf Moto2-Jahren eroberte Sandro Cortese nur drei dritte Plätze, in der Supersport-WM wurde der 28-Jährige auf Anhieb Champion. «Moto2 war eine gute Schule für ihn», sagt Dynavolt-Intact-Teammanager Jürgen Lingg.

Jürgen Lingg hat als Crew-Chief von Sandro Cortese mit dem jungen Berkheimer 2011 die ersten beiden 125-ccm-WM-Läufe gewonnen. 2012 wechselte Sandro ins Red Bull KTM Ajo-Team, er gewann die Moto3-Weltmeisterschaft.

Ein Jahr später bildeten Stefan Keckeisen, Wolfgang Kuhn und Lingg das neue Dynavolt Intact Moto2-Team mit Sandro Cortese als Aushängeschild.

Doch der Weltmeister erfüllte in der Moto2-WM die Erwartungen nicht. Er heimste in fünf Jahren nur drei Podestplätze und einen Top-Ten-Rang in der Gesamtwertung ein. Das Intact-Team holte 2016 Folger neben Cortese als zweiten Fahrer für die WM. Jonas stellte Sandro in den Schatten und siegte in Brünn. Für 2016 wurde Marcel Schrötter als Teamkollege von Cortese engagiert, aber es wurde auf Suter statt auf Kalex gefahren.

Nach der Saison 2017 trennte sich das Intact-Team von Cortese, der zuerst auf einen Forward-Moto2-Vertrag hoffte, dann auf neuen Deal mit Kiefer, aber am 21. Dezember platzte auch dieser Traum.

Cortese wechselte ins SBK-Fahrerlager, fuhr bei allen zehn Rennen im Kallio-Yamaha-Team unter die Top-6 – und gewann am Sonntag in Katar die Supersport-Weltmeisterschaft.

Jürgen, hat dich überrascht, wie tadellos Sandro Cortese 2018 in der Supersport-WM zurechtkam?

Ich habe ihm im Winter schon gesagt, dass er in der Supersport-WM um den Titel fahren wird. Das habe ich schon erwartet. Er hat sich ziemlich schnell angepasst, es hat ihm getaugt, das Team hat gute Arbeit geleistet, es hat alles zusammengepasst.

Natürlich hatte er auch eine Rechnung offen. Er wollte zeigen, dass er es sehr wohl kann. Das hat er jetzt eindrucksvoll bewiesen.

Mich freut’s für ihn, muss ich ganz ehrlich sagen. Ich habe ihm das Sonntagfrüh gleich auf WhatsApp geschrieben.

Ich bin sehr froh, dass er die Kurve noch einmal gekriegt hat. Ich habe mir nämlich schon Vorwürfe gemacht, was wir hätten besser machen können, um nicht seine Karriere zu gefährden oder zu zerstören.

Jetzt hat Sandro einen weiteren verdienten Titel eingefahren – und das ist die Hauptsache.

In der Moto2-Klasse hat Sandro kaum jemals drei gute Rennen hintereinander hingekriegt. Hast du eine Erklärung, warum er in diesem Jahr wie verwandelt war? Passte das Motorrad besser zu seinem Fahrstil? Oder die Pirelli-Reifen?

Das Paket hat einfach gepasst. Die Yamaha ist das konkurrenzfähigste Bike gewesen in diesem Jahr.


Dazu hat er die Saison gleich stark begonnen – wie in seinem Moto3-WM-Jahr 2012?


Ja, richtig, wenn man von Anfang an einen Lauf hat, kommt das Selbstbewusstsein wieder zurück. Dann funktioniert es.

Warum hat im Intact-Team bei Cortese fünf Jahre lang die Konstanz gefehlt? Den Speed hatte er und das Talent, das war unbestritten. Aber es gab so viele Stürze, für die niemand eine Erklärung fand. Hat Sandro nach dem Moto3-Titel die Moto2-Klasse unterschätzt?


Grundsätzlich kann man auch im Team immer etwas besser machen. Wir haben mit Sicherheit auch nicht wenige Fehler gemacht. Aber wir haben eigentlich immer dasselbe Ziel gehabt und alles probiert. Warum es letztendlich nicht geklappt hat, diese Frage haben wir noch nicht beantwortet. Ich kann’s nicht sagen. Ich habe mir viele Gedanken gemacht, warum es nicht funktioniert hat.

Vielleicht war es nicht sein Motorrad oder nicht seine Klasse.

Wenn er schnell war, sind wieder Stürze gekommen, die ihn immer wieder zurückgeworfen haben.

Die Saison 2014, also das zweite Jahr, war der Knackpunkt. Da hätte Sandro den Durchbruch schaffen können. Wir waren nach den erfolgreichen Wintertests kurz davor, eine saubere Saison hinzulegen. Hätten wir damals die ersten paar Rennen sauber über die Bühne gebracht… Danach kamen einfach zu viele Stürze und Verletzungen dazu, von den wir uns nie richtig erholt davon.

Damals stand Sandro beim Saisonstart in Katar mit 0,020 sec Rückstand auf den späteren Weltmeister Tito Rabat auf dem zweiten Startplatz.

Ja, aber Sandro hat sich in diesem Qualifying noch verletzt. In Austin kam dann gleich wieder so ein brutaler Abflug dazu.

Das war teilweise auch ein bisschen unglücklich. Im Nachhinein hätten wir ein paar Sachen anders machen müssen.


Anfangs gab es bei Sandro in der Moto2 auch Fragen zu seiner Fitness.


Ob er zu wenig trainiert hat bei uns, kann ich nicht beurteilen, das musst du seine Trainer fragen. Fakt ist, dass es in diesem Jahr gereicht hat für den Titel.

Wir können uns auf keinen Fall vorwerfen, in diesen fünf Jahren nicht alles probiert zu haben.

Aber es hat einfach nicht sein sollen.

Es gab nach drei und vier Jahren schon Überlegungen, ob man sich trennen sollte. Aber Sandro war neben Keckeisen, Kuhn und dir 25-Prozent-Teilhaber des Teams. Also konnte man ihn nicht wie einen x-beliebigen Fahrer austauschen?


Nein, die Beteiligung von Sandro an der GmbH war kein Problem. Er hat sich da komplett rausgehalten und sich voll auf das Fahren konzentriert. Wir müssen ja auch klar sagen: Dank Sandro als Weltmeister haben wir damals den Teamplatz bekommen und die Sponsoren gefunden.

Man hätte vielleicht manchmal bei den Gesprächen mit ihm ein bisschen konkreter werden sollen.


Du hättest öfter Klartext reden müssen? War Teamprinzipal Jürgen Lingg zu gutmütig?

Ja, manchmal vielleicht schon. Aber das ist halt unsere Art und unser Stil. Man muss aber auch erwähnen: Wir haben durch diese Art schon viel zurückgekriegt.

Nach der vierten Saison hast du beim Brünn-GP gesagt: «Wir haben miteinander geredet, Sandro weiß jetzt, worum es geht.» Aber es hat sich 2017 nichts geändert. Der Umstieg von Kalex zu Suter hat die Situation erschwert. War also das fünfte gemeinsame Jahr eines zu viel?


Ja, im Nachhinein betrachtet auf jeden Fall.

Aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Und wir haben ja gewusst, dass er es irgendwo kann. Aber Sandro ist nie in einen Lauf gekommen.

Wenn es ein Highlight gab, kam gleich wieder die Ernüchterung. Es passierten einfach zu viele Stürze. Warum auch immer.

Hätten wir die Zusammenarbeit mit ihm schon nach vier Jahren abbrechen sollen? Das kann man jetzt schwer einschätzen. Wenn’s 2017 besser gelaufen wäre, hätten alle gesagt: «Das hat sich gelohnt.»


Egal, das ist jetzt vorbei. Das können wir nimmer ändern.

Die Moto2 war trotzdem mit Sicherheit eine gute Schule für Sandro. Das hat man in der Supersport-WM in diesem Jahr gesehen.

angeschaut. Das hat er clever gemacht – das ist unbestritten.


Ich komme mit Sandro zurzeit ganz gut klar und hoffe, dass das so bleibt.

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