WRC

Fazit Rallye Deutschland: «Silly Season» hat begonnen

Von Christian Schön - 22.08.2017 17:52

Beim zehnten WM-Lauf haben einige Fahrer ihre Position für die Vertragsverhandlungen im Hinblick auf 2018 verbessert. Andere haben sich dagegen ins Aus geschossen

Manche Begriffe kann man nicht ins Deutsche übersetzen. Zum Beispiel das, was im englischen Sprachraum «silly season» genannt wird. Also die Zeit kurz nach Saisonhalbzeit, in der das Fahrerkarussell Schwung aufnimmt und Gerüchte in manchmal verrückter Form – eben «silly» – die Runde machen. Die Rallye Deutschland war der zehnte von 13 WM-Läufen und damit der innoffizielle Startschuss für die «silly season 2017».

Hauptthema ist natürlich der Fahrermarkt mit Weltmeister Sébastien Ogier als Königsfigur. Der Franzose hat seine Entscheidung gerade auf die Zeit bis zur Rallye Spanien Anfang Oktober vertagt. Das mag auch daran liegen, dass er bisher kaum praktikable Alternativen zum Verbleib bei M-Sport hat.Diese Situation könnte sich nach der Rallye Deutschland geändert haben.

Die englischen Kollegen sind da selbstredend anderer Meinung. Aber mir ist nicht ganz klar, wieso Citroën-Sportdirektor Yves Matton immer noch an Kris Meeke festhält. Vielleicht hängt es am vergleichsweise menschlichen Charakter des Rallyesports. In jedem anderen Mannschaftsport inklusive Formel 1 wäre ein Athlet – der kein eigenes Geld mitbringt – mit derart schlechten Leistungen längst aus dem Team geflogen. Und zwar mitten in der Saison.

Mal angenommen, Matton zieht wenigstens für 2018 - trotz bestehenden Vertrages mit Meeke - die Konsequenzen. Dann wäre bei Citroën plötzlich die Nummer-1-Stelle vakant.

Sébastien Ogier sehe ich auf dieser Position eher nicht. Eine solche Konstellation würde nämlich nicht mit den neu erwachten Ambitionen von Sébastien Loeb zusammen gehen, der ein paar Starts in der Saison 2018 nicht mehr ausschließt. Die beiden Sébs sind seit ihrer gemeinsamen Zeit bei Citroën ziemlich beste Feinde.

Matton müsste sich wohl zwischen Loeb und Ogier entscheiden.
Mit Loeb hätte er die PSA-Firmenleitung und die französische Öffentlichkeit hinter sich, die Ogier den Wechsel zu Volkswagen nie verziehen hat. Da Loeb aber schon abgelehnt hat, wieder eine komplette Saison zu fahren, wäre der Nutzen von Ogier auf der Jagd nach der Hersteller-Weltmeisterschaft für Matton deutlich größer.

Eine Zwickmühle, in der ich nicht stecken möchte. Wie auch immer. Noch so eine Saison wie 2017 wird sich Matton nicht leisten können.

Und wie der Zufall so spielt, hat sich bei der Rallye Deutschland Andreas Mikkelsen mit einer Spitzenleistung nachdrücklich als Ersatz für Meeke empfohlen. Der Norweger ist außerdem sechs Jahre jünger als Ogier, besitzt also die größere Zukunftsperspektive. Und er ist mit Sicherheit preiswerter.

Ich würde also heute auf folgendes Citroën-Werksteam für die Saison 2018 tippen: Andreas Mikkelsen und Craig Breen als permanente Starter, Sébastien Loeb und Stéphane Lefebvre teilen sich das dritte Auto.

Auch bei Toyota ist Ogier nur schwer vorstellbar. Teamchef Tommi Mäkinen würde damit seiner derzeitigen Nummer eins, Jari-Matti Latvala, den Fahrer vor die Nase setzen, an dem der Finne schon bei Volkswagen zerbrochen ist. Vor diesem Hintergrund erscheint ein Wechsel von Deutschland-Sieger Tänak zu Toyota wahrscheinlicher, als Ersatz für den in den verdienten Ruhestand gehenden Juho Hänninen. Damit hätten wir bei Toyota: Latvala, Tänak und Finnland-Sieger Esapekka Lappi.

Bleibt Hyundai. Dort haben zwar alle drei Fahrer – Thierry Neuville, Hayden Paddon und Dani Sordo – einen Vertrag für 2018. Aber ein vorzeitiger Rücktritt von Sordo, der zuletzt seiner früheren Form hinterherlief, würde mich nicht überraschen. Vielleicht unterstützt durch eine ordentliche Abfindung aus Südkorea beziehungsweise Alzenau.

Mal sehen, wie Sordo bei seiner Heimrallye im Oktober abschneidet. Spielt er dort wieder keine Rolle, könnte der Spanier seinen Vorsatz wahr machen, den Helm nicht erst dann an den Nagel zu hängen, wenn er mit der Spitze nicht mehr mithalten kann. Mutige Spekulation also für Hyundai 2018: Neuville, Ogier, Paddon.

Doch daran glaubt wohl selbst Ogier nicht so richtig. Während der Rallye Deutschland betonte er immer wieder, bei M-Sport bleiben zu wollen, sollte wenigstens etwas Werksunterstützung von Ford kommen.

Die Zeichen dafür stehen allerdings schlecht. Gerade hat die amerikanische Ford Motor Company einen neuen Vorstandsvorsitzenden bekommen, Jim Hackett. Dessen Hauptaugenmerk sind autonomes Fahren und neue Mobilitätsdienste. Rallyesport passt nicht ganz in dieses Schema.

Zwar sitzt an der Spitze der Motorsportabteilung mit Dave Pericak ein ausgewiesener «Racer». Aber Pericak ist Amerikaner, für die Rallyesport nach europäischer Machart ziemlich exotisch ist. Wenn er außerdem vergleicht, was Ford für die eingesetzten Millionen in der NASCAR-Serie oder im GT-Sport zurückbekommt, schneidet der Rallyesport eher schlecht ab.

So gesehen ist der unerwartete Erfolg für M-Sport sogar kontraproduktiv. Aller Voraussicht nach gewinnt Ford den Hersteller-Titel und Sébastien Ogier wird Fahrer-Weltmeister. Ohne nennenswerte finanzielle Unterstützung aus Detroit – besser kann’s für die Erbsenzähler aus der Finanzabteilung doch gar nicht laufen.

Damit könnte es zur paradoxen Situation kommen, dass M-Sport zwar 2017 einen Weltmeistertitel geholt hat, aber 2018 trotzdem keine freie Auswahl auf dem Fahrermarkt hat.

Gehen Tänak und/oder Ogier, wäre Andreas Mikkelsen eine Alternative. Den möglicherweise zweiten freien Platz könnte dann Teemu Suninen einnehmen. Das wäre für M-Sport-Teamchef Malcolm Wilson auf jeden Fall finanziell tragbarer, als Ogier ohne Werksunterstützung zu halten.

Womit wir zum Kalender der Rallye-WM 2018 kommen. Nach allem, was derzeit an Informationen nach draußen dringt, dürfte die Rallye Polen – wegen Sicherheitsmängeln – durch einen WM-Lauf in der Türkei oder in Kroatien ersetzt werden.

Die Teams reagierten auf diese Option nicht gerade mit Begeisterung. Seit dem geplatzten – und für alle Beteiligten teuren – Traum einer WM-Rallye in China sind vor allem die Verantwortlichen der Werksteams extrem misstrauisch gegenüber Veranstaltern, die nicht im Vorfeld gründlich geprüft wurden.

Der allgemeine Tenor: Früher mussten Organisatoren erst eine erstklassige Kandidaten-Rallye hinlegen, bevor sie ein WM-Prädikat bekamen. Heute scheinen wirtschaftliche Überlegungen im Mittelpunkt zu stehen.

Die Veranstalter der Rallye Neuseeland haben genau diese Qualitäten bereits in der Vergangenheit bewiesen. Ihr Pech ist allerdings, dass die Insel auf der anderen Seite des Globus für Automobilhersteller ein Nebenschauplatz ist und außerdem zu dicht an Australien dran ist, deren WM-Lauf nicht in Frage steht.

Im Raum steht auch eine Aufstockung auf 14 Läufe. Der zusätzliche Platz würde aber höchstwahrscheinlich an eine Rallye außerhalb Europas gehen. Zum Beispiel nach Chile. Eine Abordnung des dortigen Veranstalters war schon bei mehreren WM-Läufen zu Gast und hat überzeugende Präsentationen abgeliefert.

Die Entscheidung über den Kalender soll spätestens bei der nächsten Sitzung des FIA World Council am 21. September in Paris fallen.

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