WRC

Fazit Rallye Argentinien: Kiwis können doch fliegen

Von Christian Schön - 27.04.2016 21:32

Hayden Paddon entwickelt sich zum ernsthaften Gegner für Sébastien Ogier. Die Pechsträhne von Jari-Matti Latvala geht weiter. Und der Veranstalter zog völlig neue Saiten auf.

Paddon vs. Ogier, sportlicher Teil

Zugegeben, Hayden Paddon (Hyundai) profitierte zwei Tage lang von Startplatz fünf, während Sébastien Ogier (Volkswagen) sich ganz vorne als Straßenfeger abmühte. Geschenkt. «Was zählt, ist auf’m Platz», lautet eine alte Fußballer-Weisheit. Bei der Rallye Argentinien war dies im übertragenen Sinne die letzte Etappe. Ogier startete jetzt direkt vor Paddon, unter identischen Streckenbedingungen.

Winzige 2,6 Sekunden trennten Paddon und Ogier vor der letzten Wertungsprüfung. Vor diesen abschließenden 16,32 Kilometern hätte kaum einer auf den ersten WM-Sieg von Paddon gewettet. Schließlich muss man die «Powerstages», die Ogier in den letzten drei Jahren nicht gewonnen hat, gewissermaßen mit der Lupe suchen. Zumal der Weltmeister gerade eine überragende Bestzeit gefahren und dem neuseeländischen Shooting-Star 19,8 Sekunden auf einen Schlag abgenommen hatte.

Doch Paddon zeigte nicht die geringsten Anzeichen von Nervosität. Er wusste, er hatte sich drei Wochen lang per Video-Studium gezielt auf die Wertungsprüfung «El Condor» vorbereitet. Speziell auf die langsamen Abschnitte, wo er bei sich selbst Defizite erkannt hatte.

Und dann verpasste Paddon Ogier eine Abreibung, wie dieser schon lange keine mehr kassiert hatte. Volle 11,7 Sekunden schneller war der «Kiwi», wie sich die Neuseeländer in Anlehnung an ihren flugunfähigen Wappenvogel gerne nennen. Fast eine Sekunde pro Kilometer! Und das, obwohl Ogier nach eigener Aussage keine Fehler gemacht hatte.

Jetzt bleibt nur zu hoffen, dass Paddons Glanzleistung keine Eintagesfliege war.

Paddon vs. Ogier, mentaler Teil

Wie ernst Sébastien Ogier die wachsende Bedrohung durch Hayden Paddon nimmt, zeigte sein dünnes Nervenkostüm. Nachdem er Journalisten und Veranstalter durch Schwänzen von Interviewmöglichkeiten und beleidigende Kommentare à la «langweiligste Rallye aller Zeiten» vor den Kopf gestoßen hatte, brachte ihn eine Verbalattacke von Paddon endgültig zum Ausrasten.

Dieser habe ja keine Ahnung, warf ihm Ogier vor, als Paddon sich über dessen ständiges Meckern gegen die schlechte Startposition lustig machte. Umstehende Zeugen hinderten Ogier nicht daran, den Neuseeländer sogar übel zu beschimpfen. Die ganze Szene hatte etwas von «Ayrton Senna vs. Schumacher 1992 in Hockenheim», dem vielleicht berühmtesten Streit zwischen einem etabliertem Champion und einem aufstrebenden Talent.

Damals verhinderte ein McLaren-Mechaniker eine Fortsetzung des Wortgefechts mit physischen Mitteln. Dieses Mal spielte angeblich Paddons Vater Chris den Ringrichter.

Ob Ogiers Verhalten eines Weltmeisters würdig ist, kann jeder für sich selbst beurteilen. Paddon jedenfalls sagte, er habe jeden Respekt vor Ogier verloren.

Immerhin besaß der Franzose die Größe, sich nach der Rallye mit Paddon auszusprechen und sich zu entschuldigen. Ob das mehr als ein vorübergehender Waffenstillstand war, wird man spätestens bei der Rallye Portugal sehen.

Jari-Matti Latvala bleibt sich selbst treu

Noch nie hat Jari-Matti Latvala (Volkswagen) zwei Rallyes in Folge gewonnen. 2016 macht da offensichtlich keine Ausnahme. Dem großartigen Sieg von Mexiko folgte in Argentinien eine Nullrunde. Hat jemand mitgezählt, wie oft der Finne sein Auto schon in Führung liegend rausgeworfen hat?

Latvala selbst sieht sich als Pechvogel. Tatsächlich haben das aus dem Boden ragende Stück Fels, das bei ihm zum Bruch des Stoßdämpferdoms und in der Folge zum heftigen Abflug führte, einige Konkurrenten ohne Folgen unter die Räder genommen.

Aber außer Latvala glaubt wohl längst niemand mehr daran, dass er völlig unschuldig an derartigem Pech ist.

Ford nur noch ein Schatten früherer Größe

Angeblich hatte Ford den Grund für das schwache Abschneiden von der Rallye Mexiko erkannt und beseitigt. Aber auch mit neu programmierter Motorelektronik, die nach Erkenntnissen der Ingenieure mit der Höhenlage der mexikanischen Wertungsprüfungen nicht zurecht kam, waren Mads Østberg – und der enttäuschende Nachwuchsmann Eric Camilli sowieso – auch im ähnlich hoch gelegenen Argentinien meilenweit von der Spitze weg.

Der Norweger beklagte erneut mangelnde Motorleistung. Realistischer dürfte eher sein, dass der Fiesta inzwischen deutlich hinter den jüngsten Generationen von Polo und i20 hinterher hinkt.

Wäre ja auch ein Wunder, wenn das mit vergleichsweise bescheidenen Mitteln operierende Privatteam M-Sport mit den Werksmannschaften von Volkswagen und Hyundai mithalten könnte. Zu befürchten ist, dass der Abstand 2017 mit der neuen Fahrzeuggeneration noch größer wird.

Der Veranstalter hat gelernt

Der Warnschuss saß. Nach der Rallye Argentinien 2015 hatte der FIA eklatante Sicherheitsmängel festgestellt, dessen dramatischste Folge ein Unfall von – ausgerechnet dem 2016er Sieger Hayden Paddon – mit sechs verletzten Zuschauern war. Ex-Audi-Werkspilotin Michèle Mouton hatte im Auftrag des  Motorsportweltverbandes die Wertungsprüfungen im Vorfeld geprüft und einen gehörigen Umbau der Streckenführung durchgesetzt.

Parallel dazu legte der Veranstalter ein in Argentinien neues Sicherheitskonzept mit ausgewiesenen Zuschauer- beziehungsweise Sperrzonen auf Kiel. Die Maßnahme zeigte Wirkung. Zwar immer noch weit von europäischen Verhältnissen – außer Rallye Polen – entfernt, waren doch deutlich weniger gefährlich positionierte Fans zu verzeichnen. Fahrer und Beobachter lobten einhellig die verbesserte Situation.

Erster WM-Sieg für Neuseeland - Hyundai-Werksteam Hayden Paddon (rechts) und Beifahrer John Kennard © Red Bull Erster WM-Sieg für Neuseeland - Hyundai-Werksteam Hayden Paddon (rechts) und Beifahrer John Kennard

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