Ducati vor Verkauf? Zum hundertsten Geburtstag wird es ernst
Seit fast zehn Jahren kommen immer wieder Meldungen auf, dass Volkswagen seine Zweirad-Tochter Ducati veräußern könnte. Wir fassen den Stand zusammen und erläutern, woran die Pläne bisher scheiterten.
«Ich versichere Ihnen: Ducati gehört zur Audi-Familie!» Ein Satz des Audi-CEOs, der Gerüchte über einen Verkauf der italienischen Motorrad-Marke im Keim ersticken sollte. Der Haken daran: Er ist nicht aktuell. Gesagt hat ihn der damalige Audi-Boss Rupert Stadler zu Journalisten von Reuters im Jahr 2019, um nach zwei Jahren währenden Spekulationen zu signalisieren, dass man sich gegen einen Verkauf der Bologneser entschieden habe.
Nicht ganz freiwillig, so berichteten seinerzeit zahlreiche Publikationen: Die VW-Betriebsräte, bei denen der Familienclan Piëch/Porsche als mächtig gilt, sollen sich gegen einen Verkauf gestellt haben. Die Übernahme Ducatis galt als Traum des verstorbenen VW-Ex-Patriarchen Ferdinand Piëch, die Übernahme «rational oder gar betriebswirtschaftlich aber kaum zu erklären», wie der deutsche «Spiegel» seinerzeit formulierte.
Zudem soll keiner der Interessenten bereit gewesen sein, die angeblich geforderten 1,5 bis 1,7 Milliarden Euro für den Motorradhersteller zu zahlen. VW selbst zahlte 2012 860 Millionen Euro für die Bologneser. Die Finanzierung der Transformation zum E-Auto-Hersteller sei aber ohne Verkäufe von Firmenanteilen darstellbar, so der damalige Volkswagen-Konzernchef Diess. Dieser hatte den Konzernumbau zum Ziel ausgerufen als Folge des «Dieselskandals», der Imageschäden und Milliardenkosten nach sich zog.
Im Zuge der jüngsten Krise des Wolfsburger Konzerns stehen Firmenverkäufe wieder zur Diskussion: VW braucht Geld. In China, dem wichtigsten Markt für die Verbrennermodelle des VW-Konzerns, stürzen ab und mit ihnen das Konzernergebnis. Zudem sollen mindestens 50.000 Konzern-Mitarbeiter im Heimatland Deutschland ihre Jobs verlieren, vier Werke stehen allein dort auf der Kippe. Ein Schritt, den die Wolfsburger in China schon gegangen sind: Drei Werke wurden geschlossen oder verkauft.
Auch bei der Schwermotoren-Tochter Everllence hat VW inzwischen Nägel mit Köpfen gemacht und die Mehrheitsanteile für einen hohen Milliardenbetrag an Finanzinvestor Bain Capital veräußert. «Straffung des Beteiligungs-Portfolios» nennen die Wolfsburger das. Auch Bugatti, ein weiteres Lieblingsprojekt Piëchs, wurde abgegeben: Zunächst wurde die Molsheimer Traditionsmarke an Sportwagenhersteller Porsche ausgelagert; Porsche hat seine Bugatti-Anteile inzwischen an Rimac und ein Investorenkonsortium veräußert.
Damit gelten die italienischen Edel-Marken Lamborghini und Ducati als nächste logische Verkaufskandidaten. Doch während der Sportwagenhersteller aus Sant’Agata zuletzt stetig Umsatz- und Absatzrekorde einfuhr und, trotz leichtem Rückgang, noch immer 768 Millionen Euro operatives Ergebnis in die Konzernkasse beisteuerte, ist Ducatis Beitrag im Konzern überschaubar: Seit 2022 fielen die Verkäufe von 61.500 auf knapp 51.000 Einheiten, die Marge sank von 9,1 auf 5,6 Prozent. Ducatis Gewinn von 52 Millionen Euro sind in der Größenordnung des Gesamtkonzerns bestenfalls ein Tropfen auf den heißen Stein. Zum Vergleich: Die niedersächsische Konzernmutter Volkswagen AG setzte im vergangenen Jahr 322 Milliarden Euro um und erwirtschaftete 8,9 Milliarden Euro Gewinn vor Steuern. Ein operatives Ergebnis von 8,9 Milliarden Euro, das hört sich stattlich an, ist aber im Vergleich zu 2024 ein ziemliches Desaster, machte die Volkswagen AG doch 2024 19,1 Milliarden Euro Gewinn.
So wird es ausgerechnet im Jahr ihres hundertsten Geburtstags ernst für die Marke aus Borgo Panigale. Dabei gab Ducati-CEO Claudio Domenicali gegenüber den australischen Kollegen «MCnews» noch Anfang Juli im Rahmen der World Ducati Week zu Protokoll, dass ein Besitzerwechsel des Motorradherstellers «nicht völlig unmöglich» sei, jedoch führe man «in Bologna dazu derzeit keine Diskussion». Der Wert Ducatis bemisst sich am Wert der Marke an sich, bestehend auch aus Name, Historie und Image, und weniger an den nackten wirtschaftlichen Kennzahlen. Umso wichtiger ist der aktuelle sportliche Erfolg bei Superbikes und in der MotoGP.
Sollte eine Entscheidung zum Verkauf von Ducati anstehen, dann dürfte diese aber ohnehin in Wolfsburg und Ingolstadt getroffen werden: Volkswagen vermeldete, dass sich die gesamte Automobilindustrie und somit auch die Volkswagen-Gruppe in einem tiefgreifenden Wandel befände und zusätzliche Belastungen wie neue Zölle und rückläufige Märkte den Konzern im zweistelligen Milliardenbereich belasten würden.
Ob derzeit seriöse Interessenten Kaufabsichten für Ducati hinterlegt oder gar konkrete Anghebote abgegeben haben, ist nicht verbrieft. Die Interessenten von 2019 dürften inzwischen keine Rolle mehr spielen: Bajaj soll mehreren Medien zufolge vor sieben Jahren Interesse bekundet haben, hat aber unterdessen die Kontrolle bei KTM übernommen. Die Österreicher hatten in Person von Ex-CEO Stefan Pierer seinerzeit ebenfalls öffentlich Kaufabsichten für die Italiener formuliert. Auch Harley-Davidson galt als Kandidat für eine Übernahme der Marke aus der Emilia-Romagna, ist aber inzwischen selbst krisengebeutelt.
Ende Juli machten Meldungen die Runde, wonach sich die Investmentholding «Patritalia S.p.A.» als möglicher Käufer Ducatis in Stellung brächte. Die Holding, die bislang ausschließlich in Form von Präsident Manuel Ros auftrat, wurde vor rund einem Jahr gegründet und konnte bislang keine Finanzmittel nachweisen, will jedoch ein Angebot über 100 % der Ducati-Aktien abgegeben haben. Ein Sprecher von Ducati-Nordamerika dementierte dies gegenüber «Rideapart»: Dem Sprecher sei «kein Angebot bekannt, das dem Konzern gegenüber gemacht wurde». Eine Verkaufsabsicht für die Marke aus Borgo Panigale wurde hingegen nicht dementiert, im Gegenteil: Die Volkswagen-Gruppe wolle ihren «Schwerpunkt auf das Kerngeschäft im Automobilbereich legen». Der unendlichen Geschichte um den Ducati-Verkauf dürften in den kommenden Wochen noch einige Kapitel hinzugefügt werden.
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